https://www.faz.net/-gtl-802jx

Premier League : Liga der Unersättlichen

Ein Mann will mehr: Wayne Rooney (Mitte) ist der Spitzenverdiener im englischen Fußball Bild: Reuters

Wann gibt es den ersten Millionen-Pfund-Kicker? Die Dimension des neuen TV-Deals der Premier League erschüttert die Fußballwelt. In England selbst kommt es zu einem Aufschrei – auch bei den Fans.

          7 Min.

          Das Geld, der schöne Schein und seine Wirkung - eine der besten Geschichten zu diesem zeitlosen Thema ist die des verarmten amerikanischen Seemanns Henry Adams. Zwei Londoner Snobs leihen ihm im Zuge einer Wette eine Banknote von einer Million Pfund. Darauf geschieht genau das, was der eine der beiden erwartete: Adams macht mit dem Geldschein Karriere, wird umgarnt, eingeladen, erhält überall Kredit, ohne ihn je ausgeben zu müssen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Mark Twain schrieb das 1893, als der Profifußball in England noch in den Kinderschuhen steckte. Heute klingt es wie eine kühne Vision für das große Spiel des 21. Jahrhunderts, für die lebensferne Lebenswirklichkeit des Profis der Premier League. Er bekommt so viel Geld, dass er dessen Gegenwert in der wirklichen Welt gar nicht mehr kennen muss.

          70 Millionen Euro im Jahr?

          Millionen-Pfund-Noten von der „Bank of England“ gibt es immer noch. Ja sogar eine Hundert-Millionen-Pfund-Note, „Titan“ genannt - wie gemacht für den Fußball der Zukunft. In der erwartet John Hartson zum Beispiel „in nicht allzu ferner Zeit den ersten Millionen-Pfund-Fußballer“. Als Hartson 1995 für eine Ablöse von 2,5 Millionen Pfund zu Arsenal kam, war er der teuerste Teenager des Landes. Heute, von einer Spielsucht geheilt, die ihn die während der Karriere verdienten Millionen verzocken ließ, prophezeit er den ersten Fußballer, der eine Million verdient - pro Woche. In Pfund. In Euro macht das rund 70 Millionen im Jahr.

          Verhindern könnte das wohl nur eine Deckelung der Spielergehälter, eine „salary cap“, wie sie Hartson für nötig, aber unrealistisch hält. Es gab sie einst, bis 1961, auf der bescheidenen Höhe von zwanzig Pfund pro Woche, knapp über dem Lohn eines Fabrikarbeiters. Dann kippten die Profis mit einer Streikdrohung ihre Gehaltsgrenze. Reich wurde aber erst ihre Enkelgeneration auf dem Platz.

          Seit Jahren steigen die Gehälter der Kicker in England überproportional. In Folge des neuen TV-Vertrags, der den Klubs der Premier League von 2016 an pro Spielzeit rund 2,3 Milliarden Euro allein aus nationalen Senderechten einbringen wird - mehr als das Bruttoinlandsprodukt von zwei Dutzend Staaten in der Welt -, dürften sie durch die Decke gehen. Nach einer Studie der „Daily Mail“ verdient der durchschnittliche Premier-League-Profi schon mehr als drei Millionen Euro pro Jahr.

          Aktueller Top-Verdiener ist Wayne Rooney von Manchester United, 300.000 Pfund pro Woche. Dank der Euroschwäche hat er selbst Lionel Messi und Cristiano Ronaldo überholt: rund 21 Millionen Euro pro Jahr nach aktuellem Kurs. Selbst im Vergleich mit den Top-Stars des amerikanischen Sports steht er gut da. Sein Gehalt liegt etwa bei dem von Basketball-Superstar Kobe Bryant und wird von keinem Football-Spieler übertroffen, nur von den beiden Baseball-Pitchern Clayton Kershaw und Max Scherzer.

          Was Rooney dafür liefert? Am vergangenen Montag erzielte er sein erstes Tor nach 953 Spielminuten. Einen Elfmeter. Herausgeholt durch einen berührungsfreien Hinfaller im Duell mit dem deutschen Torwart Thorsten Stuckmann, beim 3:1-Pokalerfolg bei Preston North End. Der Wrestler „Bad News Barrett“ forderte ihn danach zu einem Duell auf - damit er mal „richtig zu Boden“ gehe. Rechnet man Rooneys Leistung in Lohn um, bleibt als das, was der aktuell bestbezahlte Fußballer der Welt an Zählbarem bisher im Jahr 2015 geschafft hat: eine schlechte Schwalbe gegen einen Drittligaklub. Für 2,8 Millionen Euro.

          Mit einem Verdienst von 300.000 Pfund pro Woche verkommt ein Lamborghini schnell zum Spielzeug
          Mit einem Verdienst von 300.000 Pfund pro Woche verkommt ein Lamborghini schnell zum Spielzeug : Bild: action press

          Rooney muss sich keine Sorgen mehr machen. Sein nächster Vertrag wird noch besser dotiert sein. Dafür sorgt der neue TV-Deal der Premier League, dessen Dimension die Fußballwelt erschüttert hat. Jedes der 168 im britischen Pay-TV übertragenen Spiele kostet von 2016 an im Schnitt fast 14 Millionen Euro - mehr als doppelt so viel, wie ARD und ZDF für die gesamte Fußball-WM 1998 bezahlten. Jede einzelne Spielminute, und sei sie bei einer Querpass-Stafette oder einem träge ausgeführten Einwurf verebbt, kostet über 150.000 Euro.

          Doch der Mann, der seinen Verhandlungserfolg vergangene Woche präsentierte, Liga-Chef Richard Scudamore, musste feststellen, dass ihm außer ein paar Klub-Chefs und Spielervertretern niemand auf die Schulter klopfte, im Gegenteil. Durch England ging ein Aufschrei, der so klang, als sei die totale Kommerzialisierung des Fußballs an der Kippkante seiner gesellschaftlichen Akzeptanz angekommen.

          Bisher ist noch jeder der regelmäßigen Zuwächse bei den TV-Einnahmen fast vollständig an die Spieler weitergegeben worden. Und an ihre Agenten, die allein 2014 über 150 Millionen Euro in der Premier League verdienten. Deshalb vergleicht Alan Sugar, der frühere Eigentümer von Tottenham Hotspur, den neuen Vertrag mit Pflaumensaft: „Was auf der einen Seite reinkommt, geht auf der anderen wieder raus.“

          In Infrastruktur und Nachwuchs investieren

          Von der abführenden Wirkung der Millionen ist an der Basis kaum etwas angekommen. Deswegen verlangen Fan-Vereinigungen und Alt-Stars wie Gary Lineker nun, endlich die Ticketpreise, doppelt so stark gestiegen wie die Lebenshaltungskosten, zu senken. Und die Labour-Partei fordert die Klubs auf, mehr in Infrastruktur, Nachwuchs und das Wohl ihrer Gemeinden zu stecken als in „immer weiter aufgeblähte Gehälter für Fußballer“.

          Die Geldgier der Liga erinnert manchen an die Auswüchse der unersättlichen Boni-Banker vor der Finanzkrise. Sie lässt manch treuen Fan auf Distanz gehen. So nahmen Anhänger des FC Arsenal den TV-Deal zum Anlass, den Klub zu fairen Löhnen für alle Mitarbeiter aufzufordern, nicht nur für Mesut Özil (180.000 Pfund die Woche). Viele, die am Spieltag im Stadion arbeiten, bekommen nur 6,50 Pfund die Stunde. Das liegt deutlich unter dem offiziellen Existenzminimum von 9,15 Pfund für den Großraum London - das bisher in der Premier League nur von zwei Klubs, Chelsea und West Ham, bezahlt wird.

          Die vielfältigen Aufrufe, das Geld nicht allein in die Taschen der Spieler zu stecken, konterte Scudamore mit dem Hinweis, „kein Wohltätigkeitsverein“ zu sein. Doch der Erfolg seiner Liga gräbt auch im inneren Zirkel des Fußballs anderen und damit irgendwann vielleicht sich selbst das Wasser ab. So schließen immer mehr Klubs der dritten und vierten Profiliga ihre Nachwuchsschulen, weil das alte Refinanzierungsmodell, Jungprofis in die Premier League zu verkaufen, nicht mehr funktioniert. Deren Klubs kauften nur noch teuer im Ausland, statt einheimische Talente zu suchen, beklagt Peter Marsden, Chef des viertklassigen Traditionsklubs Accrington Stanley. „Der neue TV-Deal killt das Spiel, er killt Klubs wie uns.“

          Geld ist auch nur Papier: das britische Pfund
          Geld ist auch nur Papier: das britische Pfund : Bild: dpa

          Vielleicht killt er auch das Nationalteam, weil englische Spieler in den teuren Weltauswahlen der Premier League kaum noch Entwicklungschancen bekommen. Für Sugar bedeutet der neue Vertrag, „dass wir keine Chance mehr haben, je wieder Weltmeister zu werden“.

          Auch in Deutschland gab es heftige Reaktionen auf den englischen Deal, vor allem zu der Frage, ob die Bundesliga sich nun, um mehr zu bekommen als bisher, den Wünschen des Pay-TV noch mehr öffnen müsse oder nicht. Die „unpopulären Maßnahmen“, die DFL-Geschäftsführer Christian Seifert diskutiert sehen möchte, wie zusätzliche Anstoßzeiten, etwa ein Montagsspiel, und angeblich sogar Partien an Weihnachten, wie sie in England seit 125 Jahren Tradition sind, stießen auf die erwartete Ablehnung an der Basis. Aber auf vorsichtige Zustimmung bei Klubchefs wie Karl-Heinz Rummenigge, dessen FC Bayern als deutscher Meister bisher die Hälfte der Fernsehgelder des Letzten der Premier League bekommt. Künftig wird es ein Drittel sein.

          Doch weist Rummenigge zu Recht darauf hin, dass nicht eine weitere Zerstückelung der Spieltage zur Einnahmeexplosion in England geführt hat, sondern „eine Konkurrenzsituation der Bieter“. Dabei wollten die Rechteinhaber „Sky“ und „British Telecom“ neue Interessenten wie den amerikanischen „Discovery Channel“ oder den qatarischen Sender „beIN Sports“ offenbar um jeden Preis aus dem Markt heraushalten. In der Bundesliga ist eine ähnlich preistreibende Konstellation bei den Neuverhandlungen in einem Jahr nicht in Sicht.

          Die Liga der Gepamperten

          Der Status als „Weltmeister-Liga“ ist zwar ein Bonus, doch der finanzielle Rückstand dürfte weiter wachsen, erst recht bei den Auslandsrechten, bei denen die Bundesliga ihre Erlöse von der nächsten Saison an auf rund 150 Millionen Euro verdoppeln wird. Die Premier League erlöst fast das Vierfache - mit rosigen Aussichten für die nächsten Verhandlungen, vor allem in den Vereinigten Staaten, wo die WM 2014 den Durchbruch des Fußballs beim Publikum gebracht hat.

          Die Folgen für den Spielermarkt in Deutschland und Europa lassen sich leicht hochrechnen. Wer 2016 in die Premier League aufsteigen wird, hat eine TV-Einnahme von rund 130 Millionen Euro sicher - und wird, so die englischen Gepflogenheiten, mit diesem Geld die Teams und Nachwuchsschulen auf dem Kontinent plündern. Eine Zocker-Investition, um drinzubleiben in der Liga der Gepamperten. So wie das alle anderen auch tun, um nicht abzusteigen.

          Jeder der zwanzig Premier-League-Klubs wird von 2016 an automatisch zu den dreißig umsatzstärksten Klubs Europas gehören. In Deutschland können dann wohl nur noch die Bayern, vielleicht noch die Wolfsburger, ihre Spieler gegen Avancen von der Insel verteidigen. Die Gefahr: England als Land, das schlecht ausbildet, aber viel Geld hat, als Plünderer des deutschen Marktes, gute Ausbildung, weniger Geld. Geht künftig der gut geschulte deutsche Fußballer der Job-Chancen wegen nach England, so wie derzeit der gut ausgebildete spanische Facharbeiter nach Deutschland?

          Verdient auch schon „ganz ordentlich“: Mesut Özil von Arsenal London
          Verdient auch schon „ganz ordentlich“: Mesut Özil von Arsenal London : Bild: AP

          „Englische Klubs können künftig holen, wen sie wollen“, sagt Arsenal-Trainer Arsène Wenger. Pep Guardiola, der Bayern-Trainer, sieht es genauso: „Sie können jetzt alles kaufen. Sie kaufen die besten Spieler. Wir haben weniger Geld, dafür brauchen wir mehr Ideen.“ Javier Tebas, Chef der spanischen Liga, klang zuletzt aber so, als gingen ihm die Ideen aus: „Wir haben ein echtes Problem. In einem Jahr werden wir nicht mehr die beste Liga sein.“ Er fordert als Reaktion auf den England-Deal, dass Spanien wie England und Deutschland zur kollektiven Vermarktung der TV-Rechte übergehen müsse. Bisher handeln die Klubs ihre eigenen Verträge aus, so dass Real Madrid und FC Barcelona den anderen wenig übrig lassen. Um die Regierung zu einem entsprechenden Gesetz zu drängen, hat Espanyol Barcelona bereits mit einem Streik mehrerer Klubs gedroht.

          England ist der Gewinner, Spanien und Italien sind die Verlierer, und Deutschland weiß noch nicht, was es ist - im großen Wettlauf um die Marktanteile in der Expansion des Fußballs zum globalen Sport Nummer eins. Bis in die Neunziger war der Kick ein kleinteiliges Geschäft, waren die Klubs, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Unternehmen mit regionaler Kundschaft. Seitdem hat sich das Geschäft auf Milliarden potentieller Kunden erweitert, von China über Indien bis Lateinamerika. Auf diesem gigantischen Markt hat man eines der wenigen Unterhaltungsprogramme im Angebot, die weltweit gleich gut, bei Jung und Alt, Arm und Reich, Frau und Mann funktionieren: Fußball. Und das praktischerweise in jeder Sprache, am besten in der Sprache des Geldes.

          Und was könnte Henry Adams mit dem schönen Schein seiner Million-Pfund-Note heute noch anstellen? Zum Beispiel: eine Woche lang die vier teuersten Profis der Premier League bezahlen. Sie spielen alle bei Manchester United, dem mit einer halben Milliarde Euro verschuldeten Rekordmeister: Wayne Rooney, Radamel Falcao, Robin van Persie, Angel di María. Er muss sich beeilen. Bald wird es nur noch für einen der vier reichen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Boeing 737 Max

          Warten auf Wiederzulassung : FAA-Chef fliegt Boeings 737 Max

          Der Chef der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA übernahm persönlich das Steuer, um sich bei einem Testflug von der Sicherheit der Unglücksmaschine zu überzeugen. Abgeschlossen ist das Wiederzulassungsverfahren aber noch nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.