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Premier League : Liga der Unersättlichen

Doch der Mann, der seinen Verhandlungserfolg vergangene Woche präsentierte, Liga-Chef Richard Scudamore, musste feststellen, dass ihm außer ein paar Klub-Chefs und Spielervertretern niemand auf die Schulter klopfte, im Gegenteil. Durch England ging ein Aufschrei, der so klang, als sei die totale Kommerzialisierung des Fußballs an der Kippkante seiner gesellschaftlichen Akzeptanz angekommen.

Bisher ist noch jeder der regelmäßigen Zuwächse bei den TV-Einnahmen fast vollständig an die Spieler weitergegeben worden. Und an ihre Agenten, die allein 2014 über 150 Millionen Euro in der Premier League verdienten. Deshalb vergleicht Alan Sugar, der frühere Eigentümer von Tottenham Hotspur, den neuen Vertrag mit Pflaumensaft: „Was auf der einen Seite reinkommt, geht auf der anderen wieder raus.“

In Infrastruktur und Nachwuchs investieren

Von der abführenden Wirkung der Millionen ist an der Basis kaum etwas angekommen. Deswegen verlangen Fan-Vereinigungen und Alt-Stars wie Gary Lineker nun, endlich die Ticketpreise, doppelt so stark gestiegen wie die Lebenshaltungskosten, zu senken. Und die Labour-Partei fordert die Klubs auf, mehr in Infrastruktur, Nachwuchs und das Wohl ihrer Gemeinden zu stecken als in „immer weiter aufgeblähte Gehälter für Fußballer“.

Die Geldgier der Liga erinnert manchen an die Auswüchse der unersättlichen Boni-Banker vor der Finanzkrise. Sie lässt manch treuen Fan auf Distanz gehen. So nahmen Anhänger des FC Arsenal den TV-Deal zum Anlass, den Klub zu fairen Löhnen für alle Mitarbeiter aufzufordern, nicht nur für Mesut Özil (180.000 Pfund die Woche). Viele, die am Spieltag im Stadion arbeiten, bekommen nur 6,50 Pfund die Stunde. Das liegt deutlich unter dem offiziellen Existenzminimum von 9,15 Pfund für den Großraum London - das bisher in der Premier League nur von zwei Klubs, Chelsea und West Ham, bezahlt wird.

Die vielfältigen Aufrufe, das Geld nicht allein in die Taschen der Spieler zu stecken, konterte Scudamore mit dem Hinweis, „kein Wohltätigkeitsverein“ zu sein. Doch der Erfolg seiner Liga gräbt auch im inneren Zirkel des Fußballs anderen und damit irgendwann vielleicht sich selbst das Wasser ab. So schließen immer mehr Klubs der dritten und vierten Profiliga ihre Nachwuchsschulen, weil das alte Refinanzierungsmodell, Jungprofis in die Premier League zu verkaufen, nicht mehr funktioniert. Deren Klubs kauften nur noch teuer im Ausland, statt einheimische Talente zu suchen, beklagt Peter Marsden, Chef des viertklassigen Traditionsklubs Accrington Stanley. „Der neue TV-Deal killt das Spiel, er killt Klubs wie uns.“

Geld ist auch nur Papier: das britische Pfund

Vielleicht killt er auch das Nationalteam, weil englische Spieler in den teuren Weltauswahlen der Premier League kaum noch Entwicklungschancen bekommen. Für Sugar bedeutet der neue Vertrag, „dass wir keine Chance mehr haben, je wieder Weltmeister zu werden“.

Auch in Deutschland gab es heftige Reaktionen auf den englischen Deal, vor allem zu der Frage, ob die Bundesliga sich nun, um mehr zu bekommen als bisher, den Wünschen des Pay-TV noch mehr öffnen müsse oder nicht. Die „unpopulären Maßnahmen“, die DFL-Geschäftsführer Christian Seifert diskutiert sehen möchte, wie zusätzliche Anstoßzeiten, etwa ein Montagsspiel, und angeblich sogar Partien an Weihnachten, wie sie in England seit 125 Jahren Tradition sind, stießen auf die erwartete Ablehnung an der Basis. Aber auf vorsichtige Zustimmung bei Klubchefs wie Karl-Heinz Rummenigge, dessen FC Bayern als deutscher Meister bisher die Hälfte der Fernsehgelder des Letzten der Premier League bekommt. Künftig wird es ein Drittel sein.

Doch weist Rummenigge zu Recht darauf hin, dass nicht eine weitere Zerstückelung der Spieltage zur Einnahmeexplosion in England geführt hat, sondern „eine Konkurrenzsituation der Bieter“. Dabei wollten die Rechteinhaber „Sky“ und „British Telecom“ neue Interessenten wie den amerikanischen „Discovery Channel“ oder den qatarischen Sender „beIN Sports“ offenbar um jeden Preis aus dem Markt heraushalten. In der Bundesliga ist eine ähnlich preistreibende Konstellation bei den Neuverhandlungen in einem Jahr nicht in Sicht.

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