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Fußball in England : Warum die Gegner Klopps Liverpooler fürchten

„Du kommst nicht nach Liverpool wegen des Wetters. Du kommst wegen des Fußballklubs“: Jürgen Klopp. Bild: Reuters

Gerade acht Wochen hat Jürgen Klopp gebraucht, um aus Liverpool das meistgefürchtete Team auf der Insel zu machen. Die Aussichten sind gut. Schon bald könnte Klopp den ersten Titel holen.

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          Es waren bereits 87 Minuten gespielt, da notierte der Liveticker der BBC mit spürbarer Verwunderung: „Sie hören einfach nicht auf mit ihrem Pressing.“ Sie, das waren die Liverpooler, die zu diesem Zeitpunkt schon 6:1 führten – und mit diesem Ergebnis dem FC Southampton am Mittwochabend die höchste Heimniederlage seit 1959 beibrachten.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Als eine „nahezu perfekte Leistung“ beschrieb der Radiokommentator und frührere Tausend-Spiele-Profi Steve Claridge am Ende den berauschenden Erfolg des FC Liverpool im Viertelfinale des Ligapokals. Und als „große Warnung für den Rest der Premier League“.

          Nach nicht mal acht Wochen unter Trainer Jürgen Klopp gelten die „Reds“ schon als das formstärkste, ja meistgefürchtete Team auf der Insel. Sie haben die K.-o.-Runde der Europa League und das Halbfinale im Ligapokal erreicht und sind in der Liga von Platz zehn auf sechs vorgestoßen. Dieselben Spieler, die noch Anfang Oktober unter Klopps Vorgänger Brendan Rodgers ohne Tempo und Selbstvertrauen agierten, strotzen nun vor Energie und Enthusiasmus.

          Sie überfallen ihre Gegner mit einem giftigen Pressing und rasanten Umschaltspiel, wie es Teams auf der Insel sonst nicht gewohnt sind. „Es ist keine Zauberei, es ist harte Arbeit“, beteuerte Klopp nach dem 6:1-Erfolg. Und ließ einen seiner typischen Sätze folgen, die englische Fans begeistern: „Du kommst nicht nach Liverpool wegen des Wetters. Du kommst wegen des Fußballklubs.“

          Nach sieben Jahren Dortmund nahm Klopp im Sommer seine Kappe. Bilderstrecke

          Diesmal zeigte auch die bisherige Offensiv-Reserve, welche Torgefahr im Liverpooler Kader steckt. Nach dem 0:1-Rückstand schon nach vierzig Sekunden drehte der lang verletzte englische Nationalstürmer Daniel Sturridge beim ersten Starteinsatz unter Klopp die Partie mit zwei Toren. Und gleich drei Treffer ließ der junge Belgier Divock Origi folgen, den Klopp einst vergeblich nach Dortmund zu holen versucht hatte und der nach zehn torlosen Spielen in Liverpool schon als Fehleinkauf galt. Dazu traf der eingewechselte Jordan Ibe, und für seinen Treffer galt wie für alle: ein Tor schöner als das andere. Zur perfekten B-Note des Auftritts trug auch der Deutsche Emre Can mit einem zauberhaften Außenrist-Pass auf Sturridge vor dem 2:1 bei.

          Es war der fünfte Auswärtssieg in Serie. Gerade bei Gastspielen funktioniert die Klopp-Taktik immer besser – weil Heimteams in England noch der Tradition ihres Landes und der Erwartung ihres Publikums folgen und selbst Druck zu machen versuchen. Eine defensive Hinhaltetaktik im eigenen Haus gilt auf der Insel als Feigheit vor dem Feind.

          Dabei ist sie für Gegner mit taktischem Schwerpunkt auf Balleroberung und Gegenattacke ein gefundenes Fressen – für Teams also, die Klopp-Fußball spielen. In Heimspielen dagegen tut Liverpool sich noch deutlich schwerer als etwa beim 3:1 bei Meister Chelsea oder beim 4:1 bei Tabellenführer Manchester City.

          Die Frage ist, ob die begeisternde Frische des Teams den harten englischen Fußballwinter überdauern kann. Das nun erreichte Halbfinale gegen Stoke City, das im Ligapokal in Hin- und Rückspiel ausgetragen wird, bedeutet für Klopp zwei weitere Termine im ohnehin prall gefüllten Spielkalender.

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          Während die Klubs der Bundesliga fünf Wochen Pause machen, stehen den Liverpoolern vom zweiten Weihnachtstag an, wenn das Überraschungsteam Leicester City an die Anfield Road kommt, bis Ende Januar nicht weniger als zehn Partien bevor. Darunter sind Topspiele gegen Arsenal und Manchester United, die beiden Begegnungen mit Stoke und zwei Runden im anderen Pokalwettbewerb, dem FA Cup.

          Aber es beschert auch die Aussicht auf ein mögliches, heiß ersehntes Final-Derby im Ligapokal mit dem Lokalrivalen Everton, der im anderen Halbfinale auf Manchester City trifft. Und damit die Chance für Klopp, bereits am 28. Februar seinen ersten Titel in England zu gewinnen. Und das in einem Endspiel in Wembley. Im berühmtesten Stadion der Welt hat Klopp, seit er dort 2013 das Finale der Champions League mit Dortmund gegen die Bayern verlor, noch etwas gutzumachen.

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