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Premier League : Ein Gipfel am Rande des Kontrollverlustes

Prägende Figur bei Arsenal: Jens „Liemän” Bild: PA

Achtzig Minuten Langeweile, zehn Minuten Krieg - so etwa pointierte die Boulevardpresse das torlose Spitzenduell zwischen Manchester United und Arsenal London.

          3 Min.

          Nach achtzig beherrschten Minuten erkannte der deutsche Betrachter auch die wilde Seite des Jens Lehmann wieder. Nur dieses eine Mal im Spitzenspiel bei Manchester United stürzte der neue Torwart von Arsenal London aus dem Strafraum, und das in einer Situation, die längst abgepfiffen war - es schien wie eine Kopie seiner enthemmten Spurts, die ihm in seiner letzten Bundesligasaison bei aufgeladenen Dortmunder Gastspielen in München und Schalke Platzverweise eingebracht hatten.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          In den englischen Zeitungen am Montag blinkte tätsächlich die Rote Karte mitten vor Lehmanns Nase - doch nur, weil der sich protestierend zwischen Schiedsrichter Steve Bennett und Arsenal-Kapitän Patrick Vieira gestellt hatte. Es war Vieira, dem die Karte galt: Gelb-Rot für einen angedeuteten Revanchetritt gegen Ruud van Nistelrooy. Es war die Situation, die den englischen Gipfel nachhaltig vergiftete.

          Lehmann kennt das Psychospiel

          Lehmann sah Gelb, ebenso wie van Nistelrooy, der mit einer wilden Luftattacke auf Vieira das Gerangel in Gang gesetzt hatte. In der Nachspielzeit führte ein nochmaliger Pfiff die beiden Davongekommenen im direkten Duell gegeneinander: Elfmeter nach Foul von Keown an Forlan, die finale Situation im torlosen Topspiel. Achtzehn Elfmeter in Folge hatte van Nistelrooy in den vergangenen beiden Spielzeiten verwandelt, fast alle halbhoch, linke Seite. Die Torhüter wußten das und konnten doch nichts tun. Dann stand ihm Lehmann erstmals gegenüber, im Elfmeterschießen des "Community Shield" zwischen Meister und Pokalsieger.

          Van Nistelrooy wählte wie immer die linke Ecke - Lehmann hielt. Seitdem hat der Holländer eine Art Krise, trifft kaum und hat noch einen Elfmeter verschossen, gegen Bolton. Nun also Nachspielzeit in Manchester, Nistelrooy/Lehmann, die zweite. Der Schütze legt sich den Ball hin, der Hüter hüpft, wie es der "Guardian" formuliert, "manisch auf der Linie hin und her, als wäre er Torwart in einem Tischfußballspiel in der Hand eines aufgeregten Schuljungen". Das Gehampel hat Methode: Schau, so klein ist das Tor, ich bin überall. Lehmann kennt sich aus mit dem Psychospiel, er hielt 1997 gegen Inter Mailand Zamoranos Elfmeter, der Schalke den UEFA-Cup brachte. Van Nistelrooy läuft an, scheint diesmal die andere, die rechte Ecke anzupeilen, dort aber taucht der Torwart auf; der Schütze dreht den Fuß - und hämmert den Ball links an die Latte.

          Bösartiges Gerangel am Rande des Kontrollverlustes

          Es folgten aggressive Triumphgesten der Arsenal-Verteidiger bis hin zur körperlichen Provokation des geknickten Holländers. Die gegenseitigen Beschuldigungen setzten sich bis in die Wortduelle fort. Trainer Arsene Wenger beschuldigte van Nistelrooy "zu provozieren und simulieren". Kollege Alex Ferguson fand diesen Kommentar "schlimm" und das Verhalten der Arsenal-Spieler "jenseits der Grenze".

          Achtzig Minuten Langeweile, zehn Minuten Krieg - so etwa pointierte die Boulevardpresse dieses Duell, das über die Jahre der gemeinsamen Dominanz immer mehr vom spielerischen Vergleich zum hormonellen Hahnenkampf geworden ist. Jahrelang waren es eher die Spitzenduelle der Bundesliga, in denen Spieler mit der aufgepeitschten Stimmung nicht kreativ umgehen konnten, während das den England-Profis besser gelang. Nun produzierten Bayern und Bayer beim 3:3 in München Fußball zum Schwärmen und United und Arsenal beim 0:0 in Manchester Fußball zum Abschalten. In der Schlußphase bildeten sich im Minutentakt bösartige Gerangel, bei denen mehrere Spieler am Rande des Kontrollverlustes standen: nach dem Platzverweis, dem Elfmeterpfiff, dem Fehlschuß, dem Schlußpfiff. "Ugly", so überschrieb der "Daily Mirror" seine Titelseite.

          "Liemän" eine prägende Figur

          "Häßlich", das durfte Arsenal als Kompliment auffassen, denn bisher neigte man eher dazu, wichtige Spiele schön zu verlieren: ein "häßlicher" Punkt als Gewinn. "Ein großartiges Resultat", fand Trainer Arsene Wenger, nachdem noch vier Tage zuvor beim 0:3 gegen Inter Mailand in der Champions League die allzu selbstverliebte Art von Arsenals Angriffsspiel bloßgelegt worden war. Einen Teil der Schuld an der Niederlage gegen Inter hatte der von seiner Abwehr verlassene Lehmann auf sich genommen: "Ich kann das besser", versprach er. In Manchester hielt er die Tabellenführung fest, bei nur drei Gegentoren in sechs Spielen. Die Nummer eins als Nummer sicher: Für ein neues, nüchterneres Arsenal kann "Liemän" eine prägende Figur werden - vorübergehende Ausbrüche inbegriffen.

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