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Tabellenführer in England : Tuchel tüftelt am nächsten Meisterwerk

  • -Aktualisiert am

Ihn wollte Tuchel haben: Lukaku macht Chelsea noch gefährlicher. Bild: Witters

Über die Kadertiefe von Chelsea verfügen selbst in der Premier League nur wenige Rivalen. Neben der defensiven Stabilität zeichnet Tuchels Team nun auch noch sein Wunschstürmer aus.

          3 Min.

          Es ist Sonntagabend im Tottenham Hotspur Stadium, gerade hat der FC Chelsea im Derby seinen Londoner Stadtrivalen hochverdient 3:0 besiegt. Aber Chelseas Trainer Thomas Tuchel wirkt angespannt, so als belaste ihn etwas, das ihm keine Ruhe lässt. Die erste Halbzeit hat ihm ganz und gar nicht gefallen, erklärt er – zu nachlässig, nicht wach genug: „Als Team fehlte uns die Energie.“ In der Pause, als es noch 0:0 stand, habe er von seinen Spielern mehr Einsatz und Intensität verlangt. „Wir mussten uns steigern, um ein besseres Ergebnis zu verdienen. Und das haben wir getan. Wir haben eine fantastische zweite Halbzeit gespielt.“

          Insgesamt kann Tuchel mit dem Start in die Premier-League-Saison zufrieden sein. Der Sieg gegen Tottenham war Chelseas vierter in fünf Spielen, nur vom FC Liverpool trennte sich die Mannschaft Ende August unentschieden. Vor dem Spitzenspiel gegen den Meister Manchester City an diesem Samstag (13:30 Uhr) führt Chelsea die Tabelle an; punktgleich mit Liverpool und Manchester United, einen Punkt vor dem Außenseiter Brighton & Hove Albion und drei Punkte vor ManCity.

          In fünf Ligaspielen hat Chelsea zwölf Tore geschossen und nur einen Treffer zugelassen – das war in Liverpool, als Mohamed Salah einen Elfmeter nutzte. Schon in der vergangenen Saison hatte Chelsea sehr wenige Gegentore hinnehmen müssen, nachdem Tuchel im Januar nach dem Rauswurf seines Vorgängers Frank Lampard die Mannschaft übernommen hatte. Die defensive Stabilität setzt sich bislang fort.

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          Eine Schwäche war dagegen die oft ungenügende Chancenverwertung. Im Sommer machte Tuchel dem Klub deshalb klar, dass er einen Mittelstürmer verpflichten wollte – und der tat ihm den Gefallen. Nach Transferausgaben von fast 250 Millionen Euro im vergangenen Jahr hat Chelsea nun für 115 Millionen Euro Romelu Lukaku von Inter Mailand verpflichtet. Bisher liefert der bullige Belgier: Lukaku hat in sechs Einsätzen vier Tore geschossen – drei in der Liga, eins in der Champions League.

          Der deutsche Nationalspieler Timo Werner, der vor einem Jahr von Leipzig nach London wechselte, wird kaum an ihm vorbeikommen. Im Champions-League-Gruppenspiel gegen St. Petersburg saß Werner nur auf der Bank; in der Liga spielte er zum Auftakt noch die vollen 90 Minuten, aber in den vier Spielen danach bringt er es zusammen nur auf 29 Spielminuten. Am Mittwoch spielte er bei Chelseas Ligapokal-Sieg gegen Aston Villa zwar von Beginn an und schoss sein erstes Saisontor, doch das ändert nichts daran: Werner droht die Rolle als Reservist.

          Trotz Lukakus torreichem Einstand ist Chelsea aber nicht abhängig von ihm. In der Liga haben schon jetzt zehn verschiedene Spieler Tore erzielt, nur bei Manchester City waren es mehr. Das spricht für die Variabilität in Tuchels bewährtem 3-4-2-1-System. Gegen Tottenham ging Lukaku so leer aus, dafür trafen mit Thiago Silva, Antonio Rüdiger und N’Golo Kanté zwei Innenverteidiger und ein defensiver Mittelfeldspieler. Alle Tore fielen in der zweiten Halbzeit, nachdem Tuchel in der Pause Kanté für den an diesem Tag wirkungslosen Mason Mount eingewechselt hatte. Danach war Chelsea überlegen, erspielte sich reihenweise Torchancen und hätte auch höher gewinnen können. Der Sieg sei das Verdienst von Tuchel, schrieb der Guardian in einer Analyse: „Er hat taktischen Scharfsinn bewiesen, indem er Tottenham das Spiel in der Halbzeitpause wegnahm.“

          Bemerkenswerte Kadertiefe

          Einen Spieler wie Kanté – seit Jahren einer der besten defensiven Mittelfeldspieler der Welt – bei Bedarf einzuwechseln, das muss man sich leisten können. Im vorangegangenen Spiel hatte der Franzose wegen Leistenproblemen gefehlt, und auch gegen Tottenham wollte Tuchel ihn schonen. So aber wurde Kanté zur spielentscheidenden Einwechslung. Timo Werner kam 20 Minuten vor Schluss für Kai Havertz ins Spiel, zusammen kosteten die beiden Deutschen über 130 Millionen Euro. Über eine solche Kadertiefe verfügen selbst in der Premier League nur wenige Rivalen, und einer davon ist Manchester City, Chelseas Gegner am Samstag. Im Verlauf einer langen Saison mit Liga, Champions League und den nationalen Pokalwettbewerben kann das ein entscheidender Faktor werden.

          „Das Premier-League-Titelrennen hat zwar gerade erst begonnen, aber Chelsea macht schon jetzt den Eindruck, dass sie schwer aufzuhalten sein werden“, sagte der frühere Profi Alan Shearer in dieser Woche der BBC. Zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison hat Chelsea es schließlich bereits mit drei sogenannten Big-Six-Gegnern aufgenommen: Den FC Arsenal besiegten sie 2:0, gegen Liverpool spielten sie trotz einer Halbzeit in Unterzahl 1:1, und gegen Tottenham gab es dieses überzeugende 3:0. Womöglich wird es am Ende ein Vierkampf zwischen Chelsea, Manchester City, Manchester United und Liverpool, sagte Shearer. „Aber ich bleibe dabei, was ich im Sommer gesagt habe: Chelsea ist das Team, das es zu besiegen gilt.“

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