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Präsident Rosell tritt zurück : Die Operation Neymar als Fluch für Barça

Teure Verbindung: Der ehemalige Präsident Rosell präsentierte Neymar wie eine Trophäe Bild: REUTERS

Präsident Rosell ging, ohne Fragen zuzulassen. Der millionenschwere und umstrittene Transfer des Stürmerstars Neymar sei korrekt gewesen, die Klage gegen ihn „ungerecht und tollkühn“.

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          Der Präsident ging, ohne Fragen zuzulassen. Am Donnerstagabend erklärte Sandro Rosell seinen Rücktritt und benannte als Nachfolger den bisherigen Vize Josep Maria Bartomeu, der bis zu den Präsidentschaftswahlen beim FC Barcelona 2016 im Amt bleiben soll. Der Transfer des Brasilianers Neymar, um den es seit Tagen so viel Wirbel gibt, sei „korrekt“ gewesen, sagte Rosell in seiner Erklärung, die Klage gegen ihn „ungerecht und tollkühn“. Außerdem hätten die Erfolge des FC Barcelona viele Neider gehabt. Wer bei Rosell auf Selbstkritik gewartet hatte, wartete vergeblich. Musste es so kommen? Wurde alles richtig gemacht? Herrschte beim FC Barcelona die „Transparenz“ in Finanzdingen, die Rosell bei seiner Wahl 2010 versprochen hatte? Die letzte Frage muss eindeutig verneint werden.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Es war ein bisschen wie in der Geschichte von dem Mann, der an der Wand etwas Dreck wegkratzen will, um das Haus zu verschönern und am Ende das ganze Ding zum Einsturz bringt. Genauso wollte Jordi Cases, Vereinsmitglied des FC Barcelona, eigentlich nur, dass man ihm vernünftig Auskunft gibt. Vor drei Jahren sah Cases nicht ein, warum Rosell die Unicef-Werbung auf dem Trikot der Katalanen zugunsten des Schriftzugs der finanzstarken Qatar Foundation verschwinden lassen wollte, und so versuchte er, den Präsidenten durch ein Referendum zu bremsen. Das gelang zwar nicht, aber seitdem waren Cases und die Rosell-kritische Bewegung „Go Barça“ so etwas wie die Geißel des Klubchefs.

          Der Kaufpreis soll auf 95 Millionen angeschwollen sein

          Was in den letzten Tagen geschah, hatte größere und gefährlichere Dimensionen. Cases wollte wissen, was der Neymar-Transfer wirklich gekostet hatte. Weil er den veröffentlichten Informationen misstraute – Barça will 57,1 Millionen Euro bezahlt haben –, schickte Cases ein Fax an die Geschäftsstelle und erbat präzise Auskunft. Als er keine Antwort erhielt, reichte er gegen Rosell beim Nationalen Obergericht in Madrid Klage wegen unrechtmäßiger Bereicherung ein. Angeblich flossen nur 17 Millionen an den FC Santos, aber 40 Millionen Euro direkt an die Firma N&N, die Neymars Vater betreibt.

          Zusammen mit diversen Kommissionen, Zusatzvereinbarungen und Nebenhonoraren, so die Zeitung „El Mundo“, soll der wirkliche Kaufpreis auf 95 Millionen Euro angeschwollen sein. Das würde Neymar da Silva Santos Júnior, 21 Jahre alt, zum teuersten Spieler der Welt machen. Ermittlungsrichter Pablo Ruz ließ die Klage zu und verwies dabei auf den Verdacht, die tatsächlich bezahlten Beträge seien bewusst verschleiert worden. Rosell wiederum pochte auf Vertraulichkeitsklauseln im Vertrag. Dann aber änderte der Klub die Taktik und versuchte, wegen angeblicher Schädigung durch Cases selbst als Kläger aufzutreten. Der Ermittlungsrichter wies das ab. Barças nächster Vorstoß zielte darauf, den Prozess von Madrid nach Barcelona zu verlegen. Als ständige Begleitmusik der Affäre muss man sich das Ringen um die katalanische Eigenständigkeit (und das grundsätzliche Misstrauen gegen „Madrid“) dazudenken.

          Denn es war offenbar eine Indiskretion gegenüber einer Madrider Tageszeitung, die viele peinliche Details - sofern sie denn stimmen - eines Vertragswerks von byzantinischer Komplexität ans Tageslicht zerrte. Nach Dokumenten, die „El Mundo“ vorliegen und die dann auch in „Marca“ veröffentlicht wurden, besteht die „Operation Neymar“ aus sieben verschiedenen Verträgen und fächert sich in Vereinbarungen diverser Art und Kategorie auf. Außer den 40 Millionen für N&N und 17,1 Millionen für den FC Santos, die nach Rosells erster Darstellung den gesamten Deal ausmachen, sollen noch fließen oder geflossen sein: 7,9 Millionen Euro für die Kaufoption auf drei Nachwuchsspieler des FC Santos. Neun Millionen Euro für zwei Freundschaftsspiele zwischen dem FC Barcelona und dem FC Santos. 8,5 Millionen Kommission an die Familie Neymar, die sich wie folgt aufschlüsseln: zwei Millionen Euro für „Talentsuche“ in den Reihen des FC Santos, vier Millionen für die Vermittlung von Werbeverträgen mit brasilianischen Firmen und weitere 2,5 Millionen für soziale Zwecke zugunsten „der Kinder in den Favelas von São Paulo“. Ferner erhält Vater Neymar 2,6 Millionen Euro als fünfprozentige Kommission auf die insgesamt 54 Millionen Euro Einkünfte, die Neymar junior in fünf Spielzeiten verdienen wird. Und als Sahnehäubchen: zehn Millionen Euro Handprämie für den Spieler.

          Nach Rosells Rücktritt ist noch längst nicht alles ausgestanden. Der FC Santos hat bereits die Absicht geäußert, einen höheren Anteil zu fordern. Neymars früherer Klub hielt 55 Prozent an den Rechten des Stürmers. Und dann ist da noch Leo Messi, Barças Nummer eins auf dem Platz: Stimmen die Zahlen, würden sich die diversen Euro-Ströme für Neymar und Co. zu einem Jahresgehalt von rund fünfzehn Millionen summieren - deutlich mehr, als der argentinische Stürmerstar erhält. Aus dem Umfeld von Cases hieß es, die Klage werde möglicherweise auf die beiden Vizepräsidenten des FC Barcelona ausgedehnt. Einer von ihnen ist jetzt an die Spitze gerückt.

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