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Infantinos Krisenmanagement : Ein Ablenkungsmanöver der Fifa

Auf Anweisung des Präsidenten: Brisanter Mail-Verkehr belastet Gianni Infantino. Bild: Reuters

Der neue Präsident Gianni Infantino bringt die Fifa in Nöte. Nun versucht der Fußball-Weltverband mit internen Informationen zu den Gehältern der alten Führungsriege um Joseph Blatter wieder verlorenes Terrain zurückzugewinnen.

          3 Min.

          100 Tage im Amt ist Fifa-Präsident Gianni Infantino an diesem Sonntag. Doch als höchster Repräsentant des Weltfußballs hat er sein Versprechen eines Neuanfangs und Kulturwandels nach der Ära Blatter bisher nicht mal im Ansatz eingelöst. Im Gegenteil: Sein Krisenmanagement hat die Organisation in neue Nöte gebracht, zudem verstrickt sich die Fifa in immer weitere Widersprüche. Am Freitagnachmittag versuchte der Weltverband mit internen Informationen zu den Gehältern der alten Führungsriege um Joseph Blatter wieder etwas verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Es wirkte wie ein Ablenkungsmanöver.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wie die Fifa mitteilte, sollen laut interner Untersuchung der frühere Präsident Blatter, der inzwischen für zwölf Jahre von der Fifa-Ethikkommission gesperrte Jérôme Valcke und dessen langjähriger Stellvertreter Markus Kattner in den vergangenen fünf Jahren in einer Art Gehaltskartell mehr als 79 Millionen Schweizer Franken verdient haben. „Die Untersuchung hat Beweise für die Verletzung treuhänderischer Pflichten offenbart“, hieß es bei der Fifa.

          Sie habe die Unterlagen an die Schweizer Bundesanwaltschaft und die amerikanischen Justizbehörden, die seit einem Jahr gegen verschiedene Funktionäre ermittelt, weitergeleitet. Laut der Fifa hätten die Zahlungen und die Vertragsabschlüsse gegen Schweizer Recht verstoßen. Auch die Ethikkommission wurde in Kenntnis gesetzt. Von Strafanzeigen allerdings war keine Rede. Derweil wurde bekannt, dass die Schweizer Ermittlungsbehörden am Donnerstag die Fifa-Zentrale aufgrund laufender Untersuchungen gegen Blatter und Valcke durchsucht hatten.

          Doch Infantino steht unter immensem Druck. So gab er die Anweisung zum Löschen von Tonaufnahmen, die ihn und Kollegen des Fifa-Führungsgremium belasten. Das geht aus einem E-Mail-Verkehr hervor, der der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt. Die Aufzeichnungen belegen die Darstellung der F.A.Z., dass bei zwei Treffen des höchsten Fifa-Gremiums im Vorfeld vom Kongress in Mexiko-Stadt Mitte Mai hinter verschlossenen Türen auf Betreiben Infantinos eine Intrige zur Absetzung des Fifa-Chefkontrolleurs Domenico Scala diskutiert worden war.

          „Instruktion des Präsidenten“ per Mail

          Außerdem äußert sich der Präsident zu seiner Bezahlung: er wolle das von der Fifa-Vergütungskommission festgesetztes Gehalt nicht akzeptieren – angeblich zwei Millionen Franken im Jahr. Der vorgesehene Betrag sei für ihn „beleidigend“, hatte Infantino gesagt. Nach den Reformen hat der Fifa-Präsident allerdings auch nur noch Aufsichtspflichten und repräsentative sowie strategische Aufgaben, keine umfassende operative Verantwortung. Die liegt eigentlich bei der neuen Generalsekretärin Fatma Samoura (Senegal).

          Aus dem internen Mail-Austausch geht hervor, dass Marco Villiger, der Chef der Fifa-Rechtsabteilung, gegenüber einem Mitarbeiter aus dem Fifa-Generalsekretariat am Morgen des 23. Mai den Auftrag zum Löschen der digitalen Aufzeichnungen gab. Außerdem schrieb er diesem Mitarbeiter, dass das Protokoll von den Treffen in Mexiko-Stadt nun selbst von den Mitarbeitern im Präsidentenbüro Infantinos erstellt würde. Auf welcher Informationsbasis die Mitschrift dort entstünde, das wird nicht geschrieben. Villiger bestätigt diese Entscheidung per Mail um 15.34 Uhr desselben Tages und schreibt von einer „Instruktion des Präsidenten“.



          Drei Tage vorher, am 20. Mai, war der Mitarbeiter im Generalsekretariat noch in seiner Mail davon ausgegangen, dass er wie üblich den Protokollentwurf erstellt. Laut Fifa-Reglement ist aber der geschäftsführende Generalsekretär für Protokolle und Council-Aufzeichnungen zuständig. Dieses Amt bekleidete zuletzt Kattner. Dem Deutschen wurde aber am 23. Mai nachmittags aus heiterem Himmel fristlos von der Fifa gekündigt – nach der beschriebenen Mail Villigers um 15.34 Uhr. Hätte Kattners Büro das Protokoll angefertigt, so wäre der Generalsekretär in die Lage versetzt worden, Kenntnis von den brisanten Inhalten der Tonaufnahmen zu bekommen.

          Gegenüber der F.A.Z. behauptet die Fifa, dass bei den Council-Sitzungen generell das Präsidentenbüro für die Protokolle verantwortlich sei – in Zusammenarbeit mit dem Generalsekretariat. Im Governance-Reglement des Fußball-Weltverbandes steht unter Ziffer 9.8. allerdings etwas anderes: „Der Generalsekretär, der von Amtes wegen und als Sitzungssekretär ohne Stimmrecht an den Ratssitzungen teilnimmt, erstellt von jeder Sitzung ein Protokoll. Ist er verhindert, wird er vom Stellvertretenden Generalsekretär vertreten. Das Protokoll wird grundsätzlich vom Generalsekretär unterzeichnet.“ Demnach hätte nach Kattners fristloser Kündigung der Stellvertreter das Protokoll anfertigen müssen.

          Warum schaltet sich der Chefjustiziar ein?

          Nach Darstellung der Fifa werden alle Council-Sitzungen aufgenommen. In der Mail des Chef-Justiziars Villigers sei es lediglich darum gegangen, eine falsch abgespeicherte Kopie von einem lokalen Laufwerk zu löschen. Das ordnungsgemäß archivierte Original-Audiofile existiere nach wie vor. Warum aber schaltet sich für einen unbedeutenden administrativen Vorgang der Chefjustiziar vehement ein? Und warum muss mit aller Deutlichkeit auf die Instruktionen des Präsidenten hingewiesen werden?

          Nach der Konfrontation mit den Aussagen aus den Sitzungen in Mexiko-Stadt durch die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte die Fifa von „Unterstellungen“ und „vorsätzlich falschen Darstellungen“ gesprochen. Die Existenz der Aufzeichnungen, die die F.A.Z. vollständig kennt und die von der F.A.Z. zitierten Aussagen dementierte der Weltverband nicht. Demnach liegen der Fifa-Ethikkommission ausreichend Belege vor, zu ermitteln.

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