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Portugals Fußball : Großangriff auf die Eurozone

Stürmer mit furchteinflößendem Namen: Hulk und der FC Porto wollen die Europa League gewinnen Bild: dpa

Portugal mag pleite sein, der Fußball blüht. Die Europa League ist derzeit ein lusitanisches Vergnügen. Denn der FC Porto, Benfica Lissabon und Braga haben gute Aussichten, an diesem Donnerstag (19.00 und 21.05 Uhr) ins Halbfinale einzuziehen.

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          Dass es um die Staatsfinanzen in Portugal sehr schlecht bestellt ist und um den Fußball sehr gut, ist ein gefundenes Fressen für Satiriker. So ließ es sich der Karikaturist der meistgelesenen Sporttageszeitung des Landes, „A Bola“, vor wenigen Tagen nicht nehmen, die internationalen Erfolge der lusitanischen Klubs im Schatten der Wirtschaftskrise auf die Spitze zu treiben.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sollten Benfica Lissabon oder Sporting Braga, die im Halbfinale der Europa League aufeinandertreffen könnten, es im darauffolgenden Endspiel womöglich mit dem FC Porto zu tun bekommen, dann würde nur noch ein griechischer Schiedsrichter fehlen, um den Krisengipfel perfekt zu machen. Weil nämlich das Finale in Dublin stattfindet, würden sich dort am 18. Mai die größten Sorgenkinder der Europäischen Union versammeln.

          Portugal, Irland und Griechenland, denen nur noch mit dem EU-Rettungsschirm zu helfen ist, als Protagonisten bei einem europäischen Fußballfest? Die Vision des Satirikers ist möglich, aber wenig wahrscheinlich, weil die Europäische Fußball-Union (Uefa) wohl kaum einen griechischen Unparteiischen für das Finale nominieren wird. Doch auch die Portugiesen müssen an diesem Donnerstag (FAZ.NET-Europa-League-Liveticker) zunächst einmal ihre jeweils gute Ausgangslage nutzen, um erstmals in der Geschichte der europäischen Klubwettbewerbe mit drei Vertretern im Halbfinale zu stehen.

          „Als Favoriten würde ich uns nicht bezeichnen“

          Der FC Porto (5:1 gegen Spartak Moskau) und Benfica Lissabon (4:0 gegen den PSV Eindhoven) reisen nach ihren Hinspielerfolgen mit einem komfortablen Polster zu ihren Auswärtsspielen. Sporting Braga allerdings kann sich seiner Sache im eigenen Stadion nicht so sicher sein, obwohl das 1:1 im Viertelfinalhinspiel bei Dynamo Kiew zum Träumen einlädt. Braga hat auch deshalb die schlechtesten Voraussetzungen, weil den Nordportugiesen noch das Ligaspiel gegen Guimarães vom späten Montagabend in den Beinen steckt.

          Anders als die Wirtschaft Portugals verfügt der Fußball über einen Exportschlager, der die wirtschaftlichen Nöte der Klubs in Grenzen hält: „Wir entdecken die Talente, veredeln sie und verkaufen sie dann mit Gewinn“, erklärt Benfica-Trainer Jorge Jesus die „guten Strukturen“, die den Portugiesen die jüngsten europäischen Erfolge ermöglicht haben. Mit den eingenommen Transfermillionen sind die Vereine in der Lage, im Gegenzug günstigere Arbeitskräfte zu verpflichten, vor allem Talente aus Südamerika.

          So bilden beim FC Porto der Kolumbianer Falcão, mit zehn Treffern bester Torschütze der laufenden Europa-League-Saison, und der Brasilianer Hulk, mit 22 Treffern erfolgreichster Schütze in der nationalen Liga, ein Sturmduo, das die Investitionen schon locker eingespielt hat. „Als Favoriten würde ich uns nicht bezeichnen“, sagt der bullige Hulk, „aber ich glaube, wir sind das am meisten gefürchtete Team in der Europa League.“

          Staatsschulden können nicht mit Toren bezahlt werden

          Während sich die Bevölkerung Portugals derzeit um Staatsschulden, Sparpakete, Neuwahlen und drohende EU-Auflagen sorgt, spendet der Fußball Trost und Freude. Dieser nationalen Bedeutung sind sich auch die Vertreter der drei im Wettbewerb verbliebenen Vereine bewusst. Die Solidarität geht so weit, dass sogar die Erzrivalen aus Porto und Lissabon, die sich gewöhnlich nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnen, den Erfolg des anderen goutieren. So antwortete Jorge Nuno Pinto da Costa, streitbarer und umstrittener Präsident des FC Porto, auf die Frage, ob er sich über drei portugiesische Klubs im Europa-League-Halbfinale freuen würde, mit „natürlich“.

          Doch so selbstverständlich, wie Pinto da Costa glauben machen will, ist das gegenseitige Daumendrücken nicht. Gerade die beiden Topklubs sind in der Liga gerade wieder heftig aneinandergeraten. Nachdem der FC Porto sich vor eineinhalb Wochen nach einem 2:1-Sieg ausgerechnet bei Benfica vorzeitig die Meisterschaft gesichert hatte, kam es zu heftigen Turbulenzen. Gestritten wird seither über Fan-Ausschreitungen rund um das Spitzenspiel sowie über die angebliche parteiische Leistung des Unparteiischen, der laut Portos Funktionären in vielen Spielsituationen zugunsten der Lissabonner entschieden haben soll.

          Wie auch immer die Viertelfinalspiele an diesem Donnerstag enden werden, das politisch und wirtschaftlich gebeutelte Portugal darf sich im Fußball als stolze Nation fühlen. In der laufenden Uefa-Saison haben nur die Klubs aus England und Spanien mehr Punkte gesammelt als die Iberer. Dadurch hat sich Portugal in der Fünfjahreswertung der Uefa von Platz neun auf mindestens Rang sechs vorgearbeitet und sich damit vor der Saison 2012/13 einen dritten Startplatz in der Champions-League-Gruppenphase gesichert. Ein Wunsch allerdings bleibt unerfüllt: Anders als von der Zeitung „A Bola“ augenzwinkernd erhofft, können die Portugiesen ihre Staatsschulden nicht „mit Toren bezahlen“.

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