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Portugals Abwehrchef : Kaiser Carvalho

An ihm prallen die besten Stürmer ab: Carvalho läßt Rooney auflaufen Bild: dpa/dpaweb

Ob Spanien mit Torres, Raul und Morientes, ob England mit Michael Owen und Wayne Rooney - Carvalho schafft sie alle. Die Portugiesen haben ihren Abwehrstar gekrönt: Er ist ihr Kaiser.

          3 Min.

          Die Portugiesen verstehen viel vom Fußball und wenig von der deutschen Sprache. Aber um Ricardo Carvalhos Auftreten bei der Europameisterschaft zu beschreiben, müssen sie nicht lange in einem Wörterbuch blättern oder tief in ihrem Fußballgedächtnis suchen. Sie nennen Carvalho einfach "unseren Kaiser", nach jenem Mann, der eine Spielweise geprägt hat, die der neue portugiesische Abwehrchef zu einem guten Teil übernommen hat.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Natürlich spielt er nicht den Libero, also jene Position, deren Erfinder und Vollender Franz Beckenbauer war, sondern mittendrin in der Viererabwehrkette der Seleccao. Doch dieses Stellungsspiel, diese Übersicht, die Fähigkeit, Ball und Gegner zu antizipieren und das Spiel überlegt zu eröffnen, das könnte den Sechsundzwanzigjährigen zu einem portugiesischen Nachfahren des großen Deutschen machen. Er sei kein Anführer, wiegelt der Innenverteidiger ab, der auf seiner Position bei der EM bislang herausragt, "ich versuche nur, mein Bestes zu geben". Für das Beste in diesem Mann bietet Real Madrid Carvalhos Klub FC Porto immerhin zwanzig Millionen Euro - eine enorme Summe angesichts der Vorliebe des Vereinspräsidenten Florentino Perez für weltbekannte Angreifer.

          Wenn er auch kein Kaiser sein will, die erste Krönung hat Ricardo der Erste bereits hinter sich. Auf Geheiß des Nationaltrainers Luiz Felipe Scolari hat Carvalho den kleinen König Fernando Couto entthront, der bis zum Eröffnungsspiel unumstrittener Abwehrchef und Kapitän der Nationalmannschaft war. Dann folgte das 1:2 gegen Griechenland, und weil der Vertreter der Goldenen Generation nur noch matt war, wurde das Team von Scolari platinveredelt. Seit der Umwälzung bilden fünf Profis vom Champions-League-Gewinner Porto das Gerüst der Mannschaft, und Ricardo Carvalho steht plötzlich im Zentrum.

          Den Ball immer vor sich

          In den neunzig Minuten gegen Rußland absolvierte der Defensivkünstler gerade einmal sein sechstes Länderspiel, nachdem er zuvor meistens von der Bank gekommen war. Es folgten die Auftritte gegen Spanien mit Torres, Raul und Morientes, gegen England mit Michael Owen und einer halben Stunde Wayne Rooney - Carvalho schaffte sie alle. Wenn er nicht schon dort war, wo der Ball hinkam, eroberte er sich ihn im Zweikampf auf faire Weise. Es sei eben wichtig, nicht dem Gegner hinterherzulaufen, "sondern den Ball immer vor sich zu haben", erklärte Carvalho knapp. Einer ist ihm dennoch einmal entwischt: In der 29. Minute der Verlängerung gegen England konnte der Portugiese dem eingewechselten Darius Vassell nicht mehr auf korrekte Weise folgen, sah nach dem Foul seine einzige Gelbe Karte.

          Mit seinem Nebenmann Jorge Andrade spielt Ricardo Carvalho ein verkehrtes Spiel. Der Portuenser, im Verein gewöhnlich links neben Jorge Costa aktiv, wird von Scolari in der Nationalmannschaft rechts von Andrade aufgeboten, der seinerseits bei seinem spanischen Klub Deportivo La Coruna die Position rechts neben Naybet einnimmt. Das sei kein Zufall, erklärte der leicht am Sprunggelenk verletzte Jorge Andrade, "in dieser Formation fühlen wir uns einfach am besten".

          Im Halbfinalspiel gegen die Niederlande stehen die beiden gleichaltrigen Innenverteidiger wohl vor ihrer bisher größten Herausforderung. Doch Carvalho hat auch diese Aufgabe in dieser Saison bereits mit Bravour gelöst, in den beiden Champions-League-Spielen gegen Manchester United Ruud van Nistelrooy wenig Raum zur freien Entfaltung gelassen. "Ein großartiger Spieler" sei der Angreifer, gegen den man immer bis zum äußersten gefordert werde. "Aber eigentlich interessiert es mich nicht, auf wen ich treffe", sagte Ricardo Carvalho, der in seinem Klub nach dem Uefa-Pokal-Sieg im Vorjahr und dem Erfolg in der europäischen Königsklasse internationale Erfahrung und Selbstvertrauen gesammelt hat.

          Immer nur Verteidiger verehrt

          Ricardo Carvalho ist der sechste Spieler, den Nationaltrainer Scolari auf dieser Position eingesetzt hat, seit er vor eineinhalb Jahren die sportliche Leitung der Seleccao übernahm; auch Fernando Meira vom VfB Stuttgart ließ er hinter sich. Eine Folge der nordportugiesischen Schule, gehören beim FC Porto doch die ehemaligen lusitanischen Verteidigergrößen Baltemar Brito und Aloisio zum Trainerstab. Beide waren einst Carvalhos Idole, damals, als er noch am Strand und auf der Straße kickte. "Die meisten Jungs wollen doch Stürmer werden, aber ich habe immer nur Verteidiger verehrt", sagte der Profi, der Nesta und Maldini vom AC Mailand für das stärkste Abwehrduo hält, "jetzt ist es wohl zu spät, um mich neu zu orientieren." Warum sollte er auch, werden doch seine Fertigkeiten zunehmend honoriert. In dieser Saison wurde Ricardo Carvalho als bester Profi der portugiesischen SuperLiga ausgezeichnet - es war erst der dritte Defensivspieler bei der vierzehnten Wahl.

          Als Verteidiger verkörpert Ricardo Carvalho den neuen Stil im portugiesischen Fußball: ernst bei allem Spaß am Spiel, mannschaftsdienlich bei aller individuellen Stärke. Daß die lusitanischen Fußballfreunde dieses Auftreten derzeit begeistert begleiten und sich nicht nur an spektakulären Dribblings wie von Luis Figo und Cristiano Ronaldo berauschen, das erfüllt den abseits des Feldes zurückhaltenden Ricardo Carvalho mit stiller Genugtuung. "Auch Verteidiger, die den Ball abfangen, haben den Beifall des Publikums verdient", sagte Ricardo der Erste, den sie nun "den Kaiser" nennen.

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