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Portugal : Scolari bezaubert Fans, Figo und die Heilige Jungfrau

Selbst seinen beleidigten Star Luis Figo verteidigt Nationaltrainer Scolari Bild: AP

Ein Brasilianer macht die Portugiesen glücklich. Nationaltrainer Scolari wird nach den Erfolgen bei der EM verehrt. Er schafft es, die alten Stars für sich zu gewinnen und baut auf die Einheit in der Mannschaft.

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          Luis Figos Angebetete liegt auf der Couch und lamentiert. Überfordert fühle sie sich von all den Männern, klagt die Heilige Jungfrau von Fatima, deren Heiligenschein nicht weniger geknickt wirkt. Immerzu werde sie um Hilfe gerufen, um Tore zu verhindern, um Tore zu schießen, um Elfmeter zu verwandeln. Das könne er gut verstehen, brummelt der portugiesische Psychiater, der auch Fußballfan ist, in seinen Vollbart.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Figo ist keiner, der sich öffnet

          Aus Ernst ist Spaß geworden, seit die Zeitungskarikaturisten die Legende um Figos Verschwinden am vergangenen Donnerstag ironisch verarbeiten. Die Geschichte, die Luiz Felipe Scolari am selben Abend erzählt hatte, ist auch inspirierend: Als die Nationalmannschaft gegen England in der Verlängerung und später im Elfmeterschießen um den Einzug ins Halbfinale kämpfte, war der längst ausgewechselte Star baden gegangen und hatte laut Scolari im Entmüdungsbecken die Heilige Jungfrau aus dem mittelportugiesischen Wallfahrtsort um Beistand für die Mannschaft angerufen.

          So sei er nun mal, verteidigt der Nationaltrainer auch Tage danach seinen Kapitän. Jeder Charakter gehe auf seine Weise mit Gefühlen um, analysiert Scolari mit sozialer Kompetenz. "Manche lassen ihren Gefühlen freien Lauf, aber Figo ist keine Person, die sich öffnet. Er genießt still, reserviert." Nur seinen Groll sieht man dem Star an.

          Ganz Profi

          Als Scolari den Zweiunddreißigjährigen in der 74. Minute des Viertelfinalspiels auswechselte, versuchte Figo gar nicht erst, seine Gefühle zu verbergen. Ohne Wort zum Trainer, ohne Blick für sein Team verließ der berühmteste Vertreter der Goldenen Generation den Platz im Lissaboner Estadio da Luz, verbarg sich den Rest des Fußballabends in den Katakomben im Pool und erzählte, als er wieder auftauchte, wie sehr er drinnen unter der Spannung draußen gelitten habe. Und nicht nur darunter. "Ich genieße es, auf dem Platz zu stehen, aber darüber entscheidet immer der Trainer." Professioneller - und politisch korrekter - kann man sich nicht geben.

          Nur die Ultratreuen unter den Fußballfans stellen Scolaris Wechselspiel wirklich in Frage. Das Gros urteilt darüber, was es gesehen hat: Luis Figo war nicht schlechter als die meisten seiner Mitspieler, aber eben auch nicht besser. Es ist das Erstaunlichste überhaupt in den vergangenen zwei Wochen dieser Europameisterschaft: wie sehr der brasilianische Trainer seine Spieler und die Öffentlichkeit für sich gewinnen konnte.

          Die „Alten“ nehmen die neue Rolle an

          Trotz dem Umbruch, dem lange vor dem Turnier Torhüter Vitor Baia sowie nach dem 1:2 gegen Griechenland im Eröffnungsspiel Abwehrchef Fernando Couto und Regisseur Rui Costa zum Opfer fielen, trauert keiner den einstigen Stützen der kickenden Gesellschaft hinterher, sondern erfreut sich am Elan der Jugend. Selbst die alten Kumpels Rui Costa, der seine Jokerrolle bislang erfolgreich angenommen und nach seinen Einwechslungen zweimal getroffen hat, und Luis Figo erklären öffentlich die Einheit zum höchsten Gut - und den Trainer zur einzigen Autorität. Luiz Felipe Scolari sei "eine Persönlichkeit mit eigenen Ideen", behauptete der Kapitän, "jeder hat seine Entscheidungen zu akzeptieren." So schwer es manchmal fällt.

          Wer Figo sucht, der kann ihn finden. David Beckham war es schon unmittelbar nach dem Viertelfinalspiel gelungen, indem er in Stollenschuhen zum Schwimmbecken der Portugiesen vorstieß und seinen Mitspieler von Real Madrid zum Trikottausch aufforderte. Der eine Kapitän bekam die Nummer sieben des anderen, und der Engländer gratulierte freundlich.

          Erfolg mit unpopulären Entscheidungen

          Mittlerweile ist der Einunddreißigjährige wieder abgetaucht, hat sich ein Schweigegebot auferlegt und wird sich erst an diesem Dienstag wieder der Öffentlichkeit stellen. In der Zwischenzeit übernahm sein Trainer die Vorwärtsverteidigung. Nie und nimmer wolle er das Vorbild vieler Lusitanier bloßstellen oder am Image des Stars kratzen, behauptete Felipao. "Er wird einer meiner großen Idole bleiben. Ich mochte ihn immer schon als Spieler, und jetzt noch vielmehr als Persönlichkeit." Der Fall Figo, er ist keiner mehr für Portugal.

          Der 55 Jahre alte Trainer macht bei der EM weiter, wo er vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft aufgehört hatte. Damals schreckte er als Coach der brasilianischen Seleccao gleichfalls nicht vor zunächst unpopulären Maßnahmen zurück, schaffte es aber, sein Volk durch Erfolg zu überzeugen. Die Stars hält Scolari stets bei Laune, indem er ihren Wert lobt, aber ihnen im gleichen Atemzug Mannschaftsgeist abverlangt. Vor dem Turnier im eigenen Land hatte er Figo sogar zu seinem Vertrauten erklärt, der ihm mit seiner intimen Kenntnis des Kaders und seiner Erfahrung helfen könne.

          Ein Messias

          Derart geschmeichelt, versprach der nunmehr 106malige Nationalspieler sogleich, dem neuen Trainer ebenso zur Seite zu stehen wie den alten, mit denen er in seinen bisherigen zehn Jahren in der Nationalmannschaft zusammengearbeitet hatte. "Das allerwichtigste ist, daß wir das Halbfinale erreicht haben", sagte Figo sogar noch, nachdem er vor fünf Tagen der letzte Leidtragende von Scolaris Lust an der Veränderung geworden war.

          Wie sehr Scolari verehrt wird - und nicht nur bei Fußballfreunden - auch davon hat sich ein Karikaturist in einer Sonntagszeitung ein rechtes Schwarzweißbild gemacht: Mit einem Heiligenschein schwebt der Trainer über dem Fußballplatz, entrückt und auf den Rasen herabblickend. Es ist eine verrückte Fußballwelt zwischen Himmel und Erde: Der Glaube der Portugiesen ruht weniger auf der Seleccao und ihrem Star, sondern vielmehr auf einem Heilsbringer aus Brasilien.

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