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Portugal im Halbfinale : „Eine großartige Nacht“

  • -Aktualisiert am

England am Boden: Darius Vassell Bild: dpa/dpaweb

Beckhams verschossener Elfmeter, Figos Wut, die Treffer der Joker, das fesselnde, temporeiche Hin und Her - Portugal steht im Halbfinale und lieferte sich mit den Engländern das aufregendste Spiel der EM.

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          Um 22.28 Uhr Ortszeit gab es kein Halten mehr. Torhüter Ricardo rannte hinaus zur Eckfahne, legte sich auf den Rasen, ließ sich von den Fans feiern, jeder seiner Mitspieler fand einen anderen, den er auf dem Platz nach Herzenslust umarmen konnte, Trainer Luiz Felipe Scolari hatte die portugiesische Fahne in der einen, die brasilianische Flagge in der anderen Hand und wedelte damit herum, Portugals Fußballidol Eusebio winkte mit einem weißen Handtuch.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein ganzes Land, das Sekunden zuvor am Rande des Nervenzusammenbruchs gestanden hatte, brach in Freudengeschrei aus. Ein ganzes Land, bis auf einen. Wo war Luis Figo?

          Kapitän Figo ging baden

          Wortlos und ohne einen Blick für Nationaltrainer Scolari und seine Mitspieler war der ausgewechselte Kapitän nach 74 Minuten vom Platz geschlichen, zitterte weder in der Verlängerung noch im Elfmeterschießen mit seinen Kollegen auf der Bank im Estadio da Luz. Das Gesicht des portugiesischen Fußballs hatte sich in diesem Moment abgewandt von der Gruppe, deren Einheit es zuletzt oft beschwor. Er habe gehört, behauptete der Brasilianer Scolari, daß Figo sich das Elfmeterschießen auf dem Bildschirm in der Mannschaftskabine angeschaut und gebetet habe.

          Portugals Elfmeter-Held: Ricardo

          So stellte es sich der Trainer vor, der seinem Star zuvor nicht zugetraut hatte, die Wende im Spiel herbeizuführen. Luis Figo selbst behauptete, er habe im Entmüdungsbecken gelegen und mitgelitten. Nur mit einem Handtuch um die Lenden, wollte er nicht zum Jubeln herauskommen und sich Millionen von Fernsehzuschauern halbnackt zeigen. Es könnte so oder so gewesen sein an diesem dramatischen Fußballabend in Lissabon, der zwischen Wahn und Wirklichkeit viel Raum ließ.

          Achtzig Minuten lang hatte sich die portugiesische Fußball-Nationalmannschaft nach Michael Owens Führungstreffer aus der dritten Minute wie ein Verlierer gefühlt, ehe ausgerechnet der für Figo eingewechselte Helder Postiga sieben Minuten vor dem Ende die Verlängerung erzwang; mit einem Kopfball nach Flanke von Simao Sabrosa, ebenfalls von Scolari eingewechselt. Fünf Minuten lang wähnte sich die Seleccao in der Verlängerung als Sieger, nachdem der gleichfalls spät auf den Platz geschickte Rui Costa in der 110. Minute mit einem Volltreffer unter die Torlatte das vermeintliche "Silver Goal" erzielt und schon Kußhändchen ins Publikum geworfen hatte. Dann unterbrach Frank Lampard die Partystimmung, rettete England ins Elfmeterschießen.

          "Jetzt streben wir das Endspiel an"

          David Beckham verschoß, Rui Costa verschoß, Darius Vassell scheiterte an den nackten Händen Ricardos, der sich anschließend den Ball schnappte, um das letzte Tor dieses Thrillers im EM-Viertelfinale zu erzielen. 1:1 nach der regulären Spielzeit, 2:2 nach der dreißigminütigen Verlängerung, 6:5 nach dem beiderseits siebten Versuch im Wettschießen aus elf Metern - geht's es spannender?

          Bis in die Nacht hinein feierte Portugal, als ob es schon die Europameisterschaft im eigenen Land gewonnen hätte. Das Erreichen des Halbfinales hatte Luiz Felipe Scolari, der in allen bisherigen vier EM-Spielen ein glückliches Händchen mit seinen Einwechslungen bewies, dem Land vor dem Turnier versprochen. "Jetzt streben wir das Endspiel an", brachte der Brasilianer den Gastgeber nach dem Viertelfinalsieg am Donnerstag und vor dem Halbfinalspiel gegen Schweden oder den Niederlanden zum Träumen. "Potzblitz! Wie es dieses Spiel verdient hätte, das Finale zu sein", schrieb die Sporttageszeitung "A Bola" in ihrer Freitagsausgabe. Was ist jetzt noch möglich im lusitanischen Land des Lächelns?

          Zu Beginn des ersten Lissabonner Viertelfinales wirkten einige Spieler der Seleccao seltsam gesättigt und wie abwesend, ehe sie durch den Siegeswillen anderer Kollegen wie dem herausragenden Abwehrchef Ricardo Carvalho, dem nimmermüden Dauerläufer Maniche und dem diesmal mehr durch Kampf als Kreativität auffallenden Deco mitgerissen wurden. "Wir haben schlecht ins Spiel gefunden", sagte Carvalho, "und das frühe Gegentor hat uns erschüttert."

          Mama Figo war trotzdem sauer

          Hätte Torhüter Ricardo nicht zudem gegen Wayne Rooney (12. Minute) und Owen (30.) gerettet, der dreiteilige Fußballkrimi hätte wohl niemals seine epische Länge erreicht. Nachdem der Schweizer Schiedsrichter Urs Meier einem Treffer Sol Campbells in der Verlängerung auch noch die Anerkennung verweigert hatte, schlug die Stunde des Schlußmannes, der nach dem mehrheitlichen Willen der Portugiesen gar nicht hätte zwischen den Pfosten stehen sollen.

          Das Gros des Volkes hatte vor der EM den erfahrenen Vitor Baia vom FC Porto gefordert, weil sich Ricardo in den Vorbereitungsspielen einen Fehler nach dem anderen leistete. Erst verdutzt, dann begeistert schaute das Land zu, wie der Torhüter vor Vassells Elfmeter die Handschuhe auszog, sie fortwarf, den folgenden Schuß parierte und den nächsten Versuch kaltschnäuzig selbst verwandelte. Seine gute Arbeit ohne vollständige Arbeitskleidung erklärt Ricardo mit "Instinkt": "Irgendetwas mußte ich ja tun, das mir diese Parade ermöglichte."

          Gehalten, getroffen - der Hans-Jörg Butt von Portugal, der vor eineinhhalb Jahren bereits für seinen früheren Klub Boavista Porto im UEFA-Pokal Punkt-Sieger war und bei seinem derzeitigen Arbeitgeber Sporting Lissabon auch zu den vorgesehenen Elfmeterschützen zählt, mochte den Sieg dennoch nicht als den seinen ansehen. "Es war heute eine großartige Nacht der gesamten Nationalmannschaft", sagte der 28 Jahre alte Torhüter.

          Und wie war der Abend für den Star im Schwimmbecken? "Genauso schwierig wie draußen auf dem Platz", behauptete Luis Figo, nachdem er den Ärger über seine Auswechslung leidlich überwunden hatte. Ganz im Gegensatz zu seiner Mutter Joana. "Wenn ich Herrn Scolari das nächste Mal sehe, werde ich ihn fragen, was das sollte." Antwortet der Nationaltrainer mit demselben Mut, wie er seine Mannschaft rotieren läßt, dürfte er auch noch ein Mutterherz mehr für sich gewinnen.

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