https://www.faz.net/-gtl-ox4q

Portugal : Fälschen und bestechen zum Ruhme des FC Gondomar

Demütung: Liga-Chef Valentim Loureiro Bild: AP

Der Korruptionsskandal trifft den portugiesischen Fußball zum ungünstigen Zeitpunkt. Sieben Wochen vor dem EM-Start nahm die Polizei 16 Sportfunktionäre fest, darunter auch Liga-Präsident Loureiro.

          Das Lachen war Valentim Loureiro am Mittwoch vergangen. Einen Tag nachdem der Präsident der portugiesischen Fußball-Liga noch die Arme in einer Unschuldsgeste weit auseinandergebreitet hatte, während er von der Polizei abgeführt worden war, zeigte sich der Fünfundsechzigjährige am folgenden Morgen demütig.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Um 9.05 Uhr betrat der Fußballfunktionär und Bürgermeister der nordportugiesischen Kleinstadt Gondomar das dortige Gerichtsgebäude, um als erster von insgesamt 16 Festgenommenen verhört zu werden. Loureiro gilt als Hauptbeschuldigter bei der Operation "Goldene Pfeife", in deren Verlauf ein weitreichender Bestechungsskandal im Land des Europameisterschaftsausrichters aufgedeckt werden könnte. Sein Mandant blicke den Ermittlungen gelassen entgegen, behauptete Loureiros Anwalt Lourenco Pinto.

          Einflußnahme, Korruption und Fälschung von Dokumenten

          Nachdem monatelang Telefongespräche abgehört und Dokumente gesammelt worden waren, untersuchten am Dienstag 150 Polizeibeamte sechzig Wohnungen und Büros im nördlichen Teil Portugals nach Beweismaterial. 16 Personen wurden im Laufe des Dienstags festgenommen: neben Liga-Präsident Loureiro sein enger Vertrauter Jose Luis Oliveira, Vereinsvorsitzender des Drittligaklubs FC Gondomar und Zweiter Bürgermeister der Stadt, der Präsident des Schiedsrichterausschusses Jose Antonio Pinto da Costa, sechs weitere Funktionäre sowie sieben Schiedsrichter. Alle sollen an der Manipulation von Ergebnissen bei Spielen des FC Gondomar in der dritten Liga sowie im nationalen Pokalwettbewerb mitgewirkt oder davon Kenntnis gehabt haben, so daß die Anklage des örtlichen Gerichts auf Einflußnahme, Korruption und Fälschung von Dokumenten lautet.

          Den Festgenommenen im Alter von 31 bis 67 Jahren drohen bei einer Verurteilung Gefängnisstrafen von sechs Monaten bis zu acht Jahren. "Die Namen der Beteiligten überraschen mich nicht", sagte der frühere internationale Schiedsrichter Jorge Coroado. Doch hoffe er, daß "die Untersuchung zur Reinigung des portugiesischen Fußballs beitragen kann". Die Polizei hingegen wies Spekulationen zurück, wonach die Razzia Teil einer Operation "Saubere Hände" im portugiesischen Fußball wäre.

          Anschuldigungen in anonymen Briefen

          Überraschend kam die Polizeirazzia für kaum jemanden in der Fußballnation. "Man muß nur lesen, was die Zeitungen nach jedem Wochenende über die Darbietungen der Schiedsrichter schreiben", sagte Gilberto Madail, Präsident des portugiesischen Fußballverbandes (FPF). Madail, der angeblich keine Einzelheiten kennt und bis auf weiteres zu den Angeklagten steht, wies zudem darauf hin, daß schon seit langem über Ursachen einiger strittiger Entscheidungen gemunkelt worden war.

          In den vergangenen Jahren wären Staatsanwaltschaft und Disziplinarkommission etwa ein dutzendmal Hinweisen auf Bestechung gefolgt, doch der einzige konkrete Fall wurde mangels Beweisen eingestellt. Zuletzt war es Anfang Februar nach einer umstrittenen Schiedsrichterentscheidung beim Erstligaspiel zwischen Vitoria Guimaraes und Boavista Porto zu neuen Anschuldigungen und sogar zu Zuschauerausschreitungen gekommen. Auch Medien hatten immer wieder anonyme Briefe mit Hinweisen auf Korruption und mutmaßliche Machenschaften des Liga-Präsidenten Loureiro erhalten.

          Verband fürchtet verheerende Wirkung im Ausland

          FPF-Präsident Madail ist indes bestrebt, daß im Zuge der Razzia nicht die ganze Fußballnation in Verruf gerät. Zwar ist der Schiedsrichterausschuß ein Verbandsorgan, doch habe er laut Madail eigenständige Kompetenzen und arbeite "vollkommen unabhängig". Die FPF würde ihren Ausschuß nur finanziell und logistisch unterstützen sowie die Schiedsrichter für die Pflichtspiele nominieren. Allerdings fürchtet der Verbandschef, zugleich Vorsitzender des Organisationskomitees der am 12. Juni beginnenden Fußball-Europameisterschaft, eine verheerende Wirkung im Ausland. Vor allem für Madail persönlich kamen die Verhaftungen zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Zwar flog er am Mittwoch wie geplant nach Zypern zum Kongreß der Europäischen Fußball-Union (UEFA); aber dort erwarten ihn kritische Nachfragen - ausgerechnet jetzt, wo Madail für das UEFA-Exekutivkomitee kandidieren will.

          Wie der frühere Präsident von Benfica Lissabon, Joao Vale e Azevedo, wegen Veruntreuung von Vereinsgeldern im vorigen Jahr zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, gehört auch Valentim Loureiro zu jenen mächtigen Männern, die gleichermaßen in Politik oder Wirtschaft und Fußball Einfluß ausüben. Der heute 65 Jahre alte Loureiro war mit Unterbrechungen von 1982 an jahrelang Vereinspräsident von Boavista Porto, schaffte es mit Gespür und Beziehungen, den Verein hinter dem Lokalrivalen FC Porto sowie den Lissabonner Klubs Benfica und Sporting zur vierten Kraft im portugiesischen Profifußball zu etablieren. 1999 übergab Loureiro das Präsidentenamt an seinen Sohn Joao, was viel Kritik und den Vorwurf der "Erbdynastie" nach sich zog. Nachdem sich der Vater auf seine Ämter in Gondomar und der Ligen-Leitung zurückgezogen hatte, gewann Boavista unter Loureiro junior 2001 erstmals die nationale Meisterschaft.

          Aufgrund der familiären Verbindungen ist es keine Überraschung, daß sich der Verein mit einer Stellungnahme zurückhielt. Der Rest der Liga und auch Ministerpräsident Jose Manuel Durao Barroso halten es genauso. Die Justiz arbeite "unabhängig von der politischen Macht", sagte der Regierungschef, wie der festgenommene Loureiro Mitglied der konservativen Sozialdemokraten PSD.

          Weitere Themen

          BVB zeigt Nervenstärke und späte Klasse

          3:1 in Köln : BVB zeigt Nervenstärke und späte Klasse

          Lange nervt der forsche Aufsteiger aus Köln den zunächst schwachen Titelkandidaten, aber am Ende setzt sich beim 3:1-Auswärtssieg doch die individuelle Klasse des BVB durch.

          Vetter gelingt ein starkes Comeback

          Speerwerfen : Vetter gelingt ein starkes Comeback

          Bei seinem verspäteten zweiten Saisoneinstieg distanziert Speerwurf-Weltmeister Vetter Olympiasieger Röhler um fast acht Meter. Doch auch der Zweitplazierte ist nicht unzufrieden.

          Topmeldungen

          Handelsabkommen mit Bolsonaro : Berlin ist dafür, Paris dagegen

          Die Bundesregierung will das Mercosur-Freihandelsabkommens ratifizieren. Frankreich und andere EU-Staaten hatten wegen der Haltung Brasiliens zu den Bränden am Amazonas eine Blockade gefordert. Droht kurz vor dem G-7-Gipfel Streit zwischen Berlin und Paris?
          Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.