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Porträt : „Wie Leonardo da Vinci“

In Holland ein Volksheld: Marco van Basten Bild: AP

Marco van Basten ist wie Leonardo da Vinci - Ingenieur und Künstler zugleich. Als Bondscoach hat der ehemalige Stürmer schon viel bewegt. Ihm schwebt aber eine noch radikalere „Fußball-Reform“ vor.

          3 Min.

          Marco van Basten hat es den Verteidigern nie bequem gemacht. Vor allem, weil er es sich selber nie bequem machte. Talent hatte er genug, aber das reichte ihm nicht: Er wollte auch alles lernen. Auf seinem Spickzettel notierte der Auszubildende sich, was er schon gelernt hatte in der Fußballschule von Ajax Amsterdam: „14 Finten, die ich beherrsche“. 14 Finten? Hat die irgend jemand in der Bundesliga parat? Van Basten hatte sie, als er 15 war. Der Zettel hängt im Ajax-Museum, Dokument einer seltenen Mischung: die große Begabung zu spielen - und der große Wille zu lernen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          „Marco ist wie Leonardo da Vinci“, sagte Adriano Galliani, Vizepräsident des AC Mailand, mit dem van Basten zwei Europapokale gewann: „Ein Ingenieur und gleichzeitig ein Künstler.“ So wurde er der beste Stürmer seiner Zeit, Vorbild einer ganzen Torjägergeneration: etwa seines Landsmanns Ruud van Nistelrooy oder des Franzosen Thierry Henry. Er gewann alles außer den WM-Titel, auf den er nach der Achtelfinalniederlage gegen Deutschland 1990 keine zweite Chance bekam. Eine schwere Knöchelverletzung zwang ihn, die Karriere schon mit 29 Jahren zu beenden.

          Wieder mal Hoffnungsträger

          Roy Makaay ist auch Stürmer, auch Holländer, auch 29, und er fühlte sich zuletzt im Oranje-Team „plötzlich wie einer der alten Säcke hier“. Dank van Basten: Der verpaßte dem Team nach seiner Ernennung zum Bondscoach am 29. Juli 2004, dem Tag, an dem auch Jürgen Klinsmann Nationaltrainer wurde, eine Verjüngung. Satte Stars wie Seedorf oder Kluivert landeten im Abseits. Dafür kamen immer neue, junge Spieler aus der heimischen Liga. Und sofort wurde van Basten, der alte Liebling, zum neuen Hoffnungsträger der Holländer; wie 1988, als er mit seinem Siegtor gegen Deutschland im EM-Halbfinale von Hamburg die größte Massenkundgebung in den Niederlanden seit Ende der deutschen Besatzung ausgelöst hatte. Der Lyriker Jules Deelder beendete sein Gedicht „21-6-88“ damals mit zwei Zeilen über van Bastens Siegtor: „Und unsere Gefallenen stiegen / Jubelnd aus ihren Gräbern“. Holland drehte durch, all das war übertrieben, zu emotional; aber es war verständlich und wichtig und eine Befreiung. Das vergessen sie ihm nicht.

          Bild: dpa

          Radikal war er als Trainer von Beginn an. Gleich beim ersten Training zeigte er den verblüfften Nobelprofis, daß nun erstmal alles anders wird: Es wurde Handball gespielt. Als Übung des Positionsspiels. Wieviel Mut er hatte, im ersten wichtigen Spiel, der WM-Qualifikation gegen die tschechischen Sturmkünstler, mit einer Dreier-Abwehr zu agieren, in der ein Neunzehn- und ein Zwanzigjähriger spielten, fand Anerkennung bei Presse und Publikum. Holland gewann, hatte Glück dabei. Doch so, wie van Basten das Spiel stehend, mit unbewegter Miene verfolgte, hatte er eine Sieger-Aura, die glauben ließ, das sei ganz selbstverständlich so. Gemäß seinem Motto: „Erst kommt das Können, dann das Glück.“ Das Können wuchs, das Glück blieb. Elf Spiele, keine Niederlage, seit 617 Minuten ohne Gegentor und die WM-Qualifikation fast schon sicher - Bilanz eines famosen ersten Berufsjahres.

          Radikales Umdenken

          Nach den unbeliebten Louis van Gaal und Dick Advocaat konnte als Bondscoach nur ein Volksheld wie van Basten bestehen - einer, der zudem Günstling des mächtigsten Fußball-Holländers ist, Johan Cruyff. Der nahm schon den jungen Musterschüler Marco mit in sein Haus in Vinkeveen, um ihm zu erzählen, worauf es ankommt, wenn man ein Großer im Fußball werden will. Wie Cruyff geht es van Basten um Fußball als Ganzes, als kreatives Kunstwerk. Um dessen Zukunft macht er sich Sorgen. Nach der WM 2002, noch vor der Trainerkarriere, forderte er radikales Umdenken, um das Spiel „attraktiv, also vital, spannend und ehrlich“ zu erhalten. „Jedes Unternehmen strebt nach Verbesserung seines Produkts - mit Ausnahme des Fußballs“, schrieb er in der Fußballzeitschrift „Hard Gras“.

          Er forderte grundlegende Neuerungen: Torkameras; einen Regieraum, aus dem der Schiedsrichter durch TV-Assistenten über Abseitsstellungen, Fouls oder Schwalben informiert wird; die Einführung einer reinen Spielzeit wie im Basketball oder Eishockey, zum Beispiel zweimal 35 Minuten, womit jedes Zeitschinden sofort sinnlos würde; eine einminütige Auszeit pro Halbzeit pro Mannschaft; ein Strafsystem, in dem ein Spieler wie im Basketball persönliche Fehlerpunkte bekommt: Bei vier Übertretungen muß er vom Platz, der Trainer darf ihn ersetzen, den nächsten auch, wenn aber ein dritter Spieler sein viertes Foul begangen hat, muß das Team mit zehn Mann auskommen.

          Noch mehr Ideen

          Van Basten will die Gelbe Karte durch eine zehnminütige Zeitstrafe ersetzen, damit nicht erst der nächste Gegner von der Strafe profitiert; will die Notbremse statt mit Roter Karte mit einem „Shootout“ bestraft sehen, der die gestohlene Chance wiederherstellt - vergleichbar dem Penalty beim Eishockey, bei dem der Schütze allein auf den Torwart zulaufen kann. Nicht zuletzt forderte er auch die Reduzierung der höchsten Ligen auf 16 Klubs und einen Spielkalender, der eine sechswöchige Vorbereitung auf ein WM-Turnier garantiert.

          Natürlich ist passiert, was van Basten von den „verstaubten Institutionen Fifa und Uefa“ erwartete. Nämlich nichts. Er wird es aber auch diesen Verteidigern weiter nicht bequem machen: den Verteidigern des Status quo.

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