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Porträt Hans Meyer : Heiligenschein, nein danke!

  • -Aktualisiert am

Einer mit Augenzwinkern: Hans Meyer Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Fußballtrainer Hans Meyer hat den ehedem abstiegsbedrohten „Club“ auf einen Mittelfeldplatz in der Bundesligatabelle geführt. Doch ein Erfolgsrezept hat er nicht - oder er will es nicht verraten. In Nürnberg erreichten sie ihm bald wohl ein Denkmal.

          Nürnberg, Anfang November 2005: Die Fußballfans des altehrwürdigen "Clubs" werden bei einem Blick auf die Bundesligatabelle vom kalten Grausen gepackt. Zwölf Spiele, sechs Punkte, vier weniger als der 1. FC Köln, der den die Klasse bewahrenden 15. Rang einnimmt. Bei einer Umfrage sagen 65 Prozent der Teilnehmer: Der 1. FC Nürnberg hat keine realistische Chance mehr auf den Verbleib in der Bundesliga.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Nürnberg, Ende März 2006: Die Fußballwelt in Franken ist wieder in Ordnung. Nach der 27. Runde behauptet der "Club" Rang elf mit 31 Punkten, immerhin vier Zähler Abstand bis zu einem Abstiegsplatz. Wie geht das? Solch eine Blüte, wo zuvor nur Wüste war, und das in so einer kurzen Zeit? Es gibt für Fußballjournalisten kaum angenehmere Berufssituationen, als diese Frage an die Person zu richten, die dieses Naturwunder geschaffen hat. 99,9 Prozent der Fußballtrainer werden - je nach Charakter - mehr oder weniger stolz, aber auf jeden Fall bereitwillig über ihre Arbeit berichten.

          Lobeshymnen werden zurückgewiesen

          Das gilt nicht für Hans Meyer. Schmeichelnde Fragen nach dem Erfolgsgeheimnis kontert er im besten Falle mit Selbstironie, oft mit Sarkasmus und meistens mit dem Hinweis, daß es im Fußball keine Geheimnisse gibt. Sie sind ihm zuwider, die Claqueure und Schulterklopfer in den Medien, die seine Maßnahmen als genial darstellen, seine Persönlichkeit als vorbildlich, seinen Humor als köstlich und sein psychologisches Geschick als immens. "Wollten Sie mir einen Heiligenschein aufsetzen, ich würde ihn sofort herunterreißen." Er sagt das mit einer Mischung aus Entrüstung und Augenzwinkern.

          Nürnberg auf Rang 11: fast unglaublich

          Was ist es denn nun, was den Nürnberger Aufschwung heraufbeschworen hat? Meyer läßt sich nicht leicht packen. "Die Branche neigt dazu, Einzelpersonen in Einzelsituationen zu überschätzen." Ja, aber bitte, was denn nun? "Mit Quatschen geht es nicht." Oh, Mann. Und dann kommt es: "Unglaublich wichtig für meine Arbeit war der erste Sieg." Nein, nicht schon wieder. Einer dieser bescheidenen Typen, sozialisiert in der DDR, das Kollektiv ist alles, das Individuum nichts. Doch die Furcht vor einem langweiligen Gespräch ist unbegründet.

          Meyer kommt nicht mit falscher Bescheidenheit daher, sondern hat die schlechten Erfahrungen, die er in fast 33 Trainerjahren machte, zu einer ehrlichen Selbsteinschätzung destilliert: "Ich kann die Taktik noch so geschickt wählen, die Spieler noch so gut motivieren, noch so perfekt trainieren: Wenn wir viermal nacheinander verloren haben, wenn dich der Vorstand nicht mehr grüßt, wenn die Mannschaft in Grüppchen zerfällt, wenn im Umfeld das Hauen und Stechen beginnt, wenn alle sich gegenseitig nur noch Schuld zuweisen, dann hilft dem Trainer keine seiner Fähigkeiten, sondern nur noch ein Sieg."

          Durch und durch Realist

          Diese Hilflosigkeit hat Meyer in Mönchengladbach erlebt - und so ist es auch seinem Vorgänger Wolfgang Wolf in Nürnberg ergangen. Das bedeutet aber nicht, daß Meyer deswegen an seiner Kompetenz oder an der Kompetenz des Kollegen zweifeln würde. "Wolfgang Wolf hat hier richtig gute Arbeit abgeliefert. Aber dann hat er es irgendwie nicht geschafft, einen Lauf zu bekommen, und irgendwann kippte es. Aber ich habe eine topfitte, eine intakte Mannschaft übernommen." Im Detail wußte Meyer nicht, worauf er sich mit Nürnberg eingelassen hatte. "Ich habe selbst gezweifelt, ob es machbar ist, ich habe auch niemandem gesagt, daß ich es schaffe, die Klasse zu halten. Aber jetzt müßte ich ausgemachter Pessimist sein, wenn ich sagte, ich zweifle noch. Aber ich bin kein Pessimist, sondern Realist."

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