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Porträt : Eine feste Größe mehr - der neue Klose

Mann mit Tordrang Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Torjäger aus der Pfalz ist in Bremen sportlich und menschlich gereift. Er trift nicht nur regelmäßig, sondern bringt auch seine Nebenleute in aussichtsreiche Position. Solche Erfolgstypen sind bei der Fußball-Nationalelf gern gesehen.

          Ein Torjäger im Fußball bewegt sich auf einem sensiblen Geschäftsfeld. Wer nicht trifft, kann schnell den Boden unter den Füßen verlieren und in die Tiefen seelischen Ungemachs herabgerissen werden. Wer das Glück hat, die Erwartungen vor des Gegners Tor planmäßig zu erfüllen, der wird meist wie von selbst von Erfolg zu Erfolg getragen. In dieser Hinsicht kann sich Nationalstürmer Miroslav Klose derzeit nicht beklagen.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Was der Pfälzer anpackt, funktioniert, so daß sich sein gewachsenes Selbstbewußtsein auch anderweitig zeigt als auf dem Platz. Zum Beispiel, um seine verunsicherten Kollegen aus der Nationalmannschaft ins Gebet zu nehmen, die bei den vergangenen Auftritten ohne ihn ziemlich enttäuscht hatten. "Ich habe mich gewundert, mit wie wenig Leidenschaft gespielt wurde. Da hat mir der Mumm gefehlt", sagt er.

          „In hervorragender Verfassung“

          Wer in diesen Tagen den 27 Jahre alten Angreifer von Werder Bremen spielen sieht und sich anhört, was er sagt, erhält ein Bild der Stärke. Klose zählt nicht nur zu den erfahrenen Kräften der Klinsmannschen WM-Mission, er ist auch dienstältester Stürmer des jungen Ensembles und vor allem im Moment der beste Stürmer der Bundesliga (zwölf Treffer in elf Spielen). Solche Erfolgstypen sind natürlich gern gesehen. "Miroslav ist in hervorragender Verfassung", sagt Assistenztrainer Joachim Löw und betont, daß der Vollstrecker inzwischen auch zu einem "sehr guten Kombinationsspieler" gereift sei.

          Während die Form seiner Mitstreiter Kevin Kuranyi oder Lukas Podolski derzeit unkalkulierbar scheint, weist der Weg von Klose stetig nach oben. Er schießt nicht nur Tore, sondern kämpft genauso im Mittelfeld um den Ball und bringt seine Nebenleute in aussichtsreiche Position. Oliver Bierhoff, ehemaliger Torjäger und heutiger Manager der Nationalmannschaft, bestätigt diesen Eindruck vom Stürmer aus Bremen: "Er zeigt einen wahnsinnig hohen Einsatz, ist immer bissig." Klose sei weiter als bei der Weltmeisterschaft 2002.

          „Ich habe nie an mir gezweifelt“

          Vor dreieinhalb Jahren beim Weltturnier in Japan und Südkorea fiel der Scheinwerfer auf den Angreifer aus der Pfalz, als er in Fernost insgesamt fünfmal per Kopfball in des Gegners Tor traf - inklusive des Hattricks gegen Saudi-Arabien. "Er ist international gereift und schießt seine Tore auch gegen große Gegner", sagt Bierhoff. Der Klose von heute kann mehr, entwickelte sich nach dem Wechsel vom 1. FC Kaiserlautern in den Norden als Nachfolger des Bremer Tor-Heroen Ailton Stück für Stück weiter. Die offensive Ausrichtung von Werder Bremen und der Nationalmannschaft kommt seiner Spielart dabei sehr entgegen, zudem verfügt Klose über eine gewisse Gelassenheit, die seiner Entwicklung förderlich ist. "Ich habe nie an mir gezweifelt", sagt er, und man merkt ihm dabei die Genugtuung an, es nebenbei auf diesem Weg auch einigen Zweiflern gezeigt zu haben, die ihm gerne ein gewisses Phlegma nachgesagt hatten.

          Klose brennt vor Ehrgeiz, beklagt, ein Jahr zu spät von Kaiserslautern nach Bremen gewechselt zu sein und dadurch womöglich wertvolle Zeit in seiner Entwicklung verloren zu haben. Und er sieht sich noch längst nicht auf dem Leistungshöhepunkt seiner Laufbahn. "Da ist noch Luft nach oben." Daß der Stürmer aus Bremen sich als nächsten Karriereschritt noch einen Wechsel ins Ausland zu einem Klub mit Weltrenommee vorstellen könnte, gehört zu diesem Bild, das er in diesen Tagen abgibt. Auch wenn der Vertrag mit Werder Bremen auf das Jahr 2008 datiert ist. Der neue Klose zeigt sein Selbstbewußtsein ganz offen, und der Endspurt auf die Weltmeisterschaft in sieben Monaten soll zu seiner persönlichen Erfolgsgeschichte werden. "Jetzt will ich das Frankreich-Spiel gut bestreiten, daß ich in Ruhe Weihnachten feiern kann", sagt er.

          Er gibt sich als Mahner

          Zu seinem persönlichen Reifeprozeß gehört für ihn, daß er sich nicht nur auf die eigene Leistung konzentriert, sondern als erfahrene Größe in der Pflicht ist, die jungen Kollegen in der Nationalmannschaft an die Hand zu nehmen. Aktuelles Beispiel ist der Kölner Shootingstar Lukas Podolski, der sich nach seinen atemberaubenden Auftritten in einer Art Orientierungsphase befindet und lange nicht mehr so ausgeglichen wirkt wie noch vor Monaten beim Confederations Cup. "Ich kenne das Problem, wenn man plötzlich so hochgejubelt wird", sagt Klose.

          Er habe schon mehrfach mit Podolski darüber gesprochen, in Polnisch, der Muttersprache beider Spieler, und ihm geraten, sich "auf die einfachen Sachen" zu konzentrieren. Wie schnell das Toreschießen zu einem Fluch werden kann, weiß Klose aus eigener Erfahrung. Aber mit derart schlechten Gedanken will er sich nicht befassen in diesen Tagen - was zumindest seine Person angeht. Vielmehr drängt der Stürmer auf Verbesserungen in der Nationalmannschaft und gibt sich als Mahner. Der neue Klose hat an Format gewonnen und scheut sich nicht, kritische Töne anzuschlagen. "Wenn das nicht klappt mit der Leidenschaft, dann werden wir nicht viel erreichen." Ein paar starke, erfahrene Stimmen mehr wie diese in der Mannschaft würden Bundestrainer Jürgen Klinsmann sicher guttun. Neben Kahn und Ballack ist Klose auch in dieser Hinsicht auf einem vielversprechenden Weg.

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