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Porträt : Demütig in den „Bombenjob“

  • -Aktualisiert am

„Auf das Machbare konzentrieren” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Tränen sind schneller getrocknet, als mancher erwartet haben mag. Michael Meier versucht nach seinem unrühmlichen Ende als Manager in Dortmund einen Neuanfang beim Abstiegskandidaten Köln.

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          Als Michael Meier sich vor einem halben Jahr in Dortmund von langjährigen Weggefährten verabschiedete, hatte er die eine oder andere Träne nicht nur im Knopfloch. Doch die Tränen sind schneller getrocknet, als mancher erwartet haben mag. Seit dieser Woche ist Meier wieder im Geschäft - als Sportdirektor des 1. FC Köln.

          Dieser Klub ist für ihn nichts Neues. Der Diplom-Kaufmann hatte dort vor fast einem Vierteljahrhundert seine Karriere als Fußballmanager gestartet. Neu ist nur die Herausforderung. Meier heuert in der Bundesliga zum ersten Mal bei einem Abstiegskandidaten an. Als er seinen ersten Vertrag mit dem FC schloß, lag der Gewinn der deutschen Meisterschaft gerade drei Jahre zurück, und Köln galt, zumindest unter FC-Anhängern, als das Real Madrid des Westens.

          Kopilot eines Geisterfahrers

          Auch in Leverkusen und Dortmund war der Kampf um den Klassenverbleib (fast) nie der Maßstab für Meier. Als unerfahren im Abstiegskampf sieht er sich dennoch nicht. "Auch als Christoph Daum in Köln anfing, standen wir auf einem Abstiegsplatz." In einer Saison wurde es auch in Dortmund eng - trotz des großen Geldausgebens. Als die Borussia tief in den Sumpf geriet, soll auch Meier blaß geworden sein und beim Spargelessen manches Mal des Zuspruchs des damaligen Nothelfers Udo Lattek bedurft haben. Später mußte sich Meier auf wirtschaftliche Abstiegskämpfe konzentrieren.

          Als Kopilot des Geisterfahrers Gerd Niebaum versäumte er es, ins Lenkrad zu greifen. Dieses Unterlassen brachte ihm in der Branche und in den Medien den Beinamen "Schulden-Meier" ein. Doch Meier ist sich keiner großen Schuld bewußt. Der Ausbau des Stadions, die Verpflichtung des in Dortmund mittlerweile überaus geschätzten Trainers Bert van Marwijk, die vielen hochtalentierten Nachwuchskräfte: Dies alles sei ein Vermächtnis "aus der Ära Niebaum und Meier", sagt er. "Wir haben ein bestelltes Feld hinterlassen." Und rund neunzig Millionen Euro Schulden.

          „Wer hat denn die Lizenz erreicht?“

          "Natürlich hatten wir zwei desaströse Jahresabschlüsse, aber die Bilanz hat sie letztlich verkraftet. Ich kann zu jedem Gläubiger gehen, ohne daß mir die Tür zugeschlagen wird", behauptet Meier. "Wer hat denn die Lizenz für diese Saison erreicht?" Nach dem Ringen mit Gläubigern sieht sich der Manager nun wieder verstärkt als Fachmann des Sports gefordert. Ist er dafür als Diplom-Kaufmann überhaupt geeignet? Durchaus, antwortet Meier. Er sei "eine Person, die schwer einzuordnen ist in dieser Branche". Ihn nur als Kaufmann zu betrachten wäre zu kurz gegriffen, findet er. Auf diesem unwegsamen Terrain wartet am neuen Arbeitsplatz gleich zu Beginn eine der schwierigsten Aufgaben, die das Geschäft kennt.

          Der 56 Jahre alte Personalchef muß einen Trainer suchen. Daum, Sammer und Hitzfeld, drei der profiliertesten deutschen Trainer, wurden genannt. Meier weist sämtliche Spekulationen um diese drei Männer als unrealistisch zurück. Der 1. FC Köln müsse sich "auf das Machbare konzentrieren".

          Meier tappt im Dunkeln

          Meier tappt im Dunkeln oder tut zumindest so. Wenn er nicht gerade zu Hause das Laub wegräumt oder Interviews gibt, widmet er sich gegen Ende des Jahres der vorrangigen Frage: "Wen brauchen wir jetzt?" Es gibt zwei Möglichkeiten, "entweder eine kurzfristige Lösung mit einem Trainer, der nur die Klasse hält", oder einen Trainer, der den Klub langfristig nach vorn bringe. Das Spiel steht unentschieden. Meier sammelt in Fachkreisen Informationen über mögliche Kandidaten, um sich ein Bild zu machen von Fußball-Lehrern, die einen Namen haben, die er aber nicht persönlich kennt.

          Er ist stolz darauf, nach so kurzer Zeit wieder in der höchsten Klasse mitspielen zu dürfen, auch wenn er das nicht so deutlich sagen darf. Er will "kein Maulheld sein", der übertrieben selbstbewußt ankündigt, daß er es nun allen zeigen werde. Aus der Vergangenheit habe er gelernt, einiges anders machen zu müssen. "Das ganze Leben ist ein Lernprozeß." Meier ist vorsichtig genug geworden, keine großen Ankündigungen zu machen, nur weil er wieder "einen Bombenjob" habe. So spricht er vorerst nur vom Klassenverbleib, obwohl ihm, seinem Selbstverständnis nach, mittelfristig vermutlich andere Ziele vorschweben, Köln hat ihn nicht nur für die Erste Hilfe eingestellt, sondern auch mit Blick auf die (fernere) Zukunft. Der Arbeitsvertrag ist über vier Jahre geschlossen.

          Emotional verwurzelt

          Aber was sind Verträge im Vergleich zu Emotionen wert? Zumal im Vergleich zu einer Größe, die im Fußball fast soviel - mal mehr, mal weniger - zählt wie das Geld. Von den Dortmunder Tränen war schon die Rede. Aber auch in Köln ist Meier emotional verwurzelt, nicht nur weil der FC seine erste Station in der Branche war. Als der FC noch zu den Großen des Landes gehörte oder das zumindest annahm, trainierte Rinus Michels die Mannschaft. Der niederländische General wurde für Meier eine Art väterlicher Freund und gab ihm auf, sein Wirken mit Demut zu betrachten. "Wenn du 25 Jahre lang in diesem Geschäft arbeitest, mußt du dankbar sein. Das ist nicht jedem vergönnt", sagte Michels kurz vor seinem Tod zu Meier.

          Ein Vierteljahrhundert ist voll. Und Meier wird die Gnade zuteil, in Köln über diese (zeitliche) Grenze hinauszugehen. Dort wartet die vielleicht schwierigste Aufgabe seiner Karriere auf ihn. Aber das kann ihn nicht schrecken. Wichtiger ist ihm der Gewinn, das Wachstum auf einer anderen moralischen Ebene. "Ich bin wieder im Amt", sagt Meier, "und das in Würde." Darin liege die Erfüllung seines neuen Jobs. Um in Köln glücklich zu werden, wenigstens vorübergehend, braucht er nur noch den richtigen Trainer.

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