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Polizei-Gewerkschafter Witthaut : „Ultras attackieren uns gezielt“

  • Aktualisiert am

„Man müsste einfach mal sagen: Schluss, Ende, Aus“: Die Polizei fordert, der DFB müsse auch über Spielabsagen nachdenken Bild: dpa

Die Situation in den Fußballstadien sorgt für Diskussionen. Bernhardt Witthaut von der Polizeigewerkschaft GdP spricht im Interview über die neue Dimension der Gewalt von Fußball-Fans gegen Polizisten.

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          Gewalt bei Fußballveranstaltungen ist das Thema dieser Woche. Wann werden wir in oder vor einem Stadion den ersten toten Polizisten beklagen müssen?

          Das will ich nicht hoffen, doch dieses Berufsrisiko trägt jeder Polizist. Er muss im Einsatz damit rechnen, angegriffen, angeschossen oder sogar erschossen zu werden, wie gerade ein Kollege in Augsburg durch Kriminelle. Das ist leider so. Darauf sind wir eingestellt. Für den Fußball aber gilt das nicht. Der ist eigentlich friedlich, und die meisten Menschen wollen nur Vergnügen haben. Deshalb erschrecken mich auch die Bilder dieser Woche.

          Beim Pokalspiel in Dortmund wurde die Polizei von mehreren tausend gewaltbereiten Dresdner Fans brutal angegriffen. Einen Tag später ergab sich in Frankfurt ein ähnliches Bild. Eintracht-Ultras schossen Leuchtspurmunition auf Polizeipferde, warfen Böller in die Menge und einen schweren Wackerstein ins Genick eines Ihrer Kollegen. Er verletzte sich, hatte glücklicherweise einen Helm auf. Wie lange lassen Sie sich das noch bieten?

          Ich kann diese Entwicklung der vergangenen drei, vier Jahre einfach nicht nachvollziehen, weil ich immer noch die friedliche WM 2006 im Kopf habe. Ich komme aber zu der Erkenntnis, dass die Ultra-Fans jetzt geradezu die Gewalt gegen Polizisten suchen. Sie attackieren uns gezielt. Das ist sehr massiv. Die großen Plakate in den Stadien mit der Aufschrift: "All Cops Are Bastards" sind ja nicht zu übersehen.

          Um wie viele Gewalttäter geht es im Fußball?

          Gerechnet wird in Deutschland mit etwa 10.000 Störern, von denen 2500 als "Gewalt suchend" eingestuft sind.

          Ist es nicht inakzeptabel, dass Fußballklubs in der Bundesliga solche Hassparolen auch gegen die Polizei in ihren Stadien tolerieren?

          DFB (Deutscher Fußball-Bund), DFL (Deutsche Fußball Liga) und die regionalen Verbände haben die Sportgerichtsbarkeit verschärft, zum Beispiel Stadionverbote eingeführt und damit den absolut richtigen Weg eingeschlagen. Aber dieser Weg wird von manchen Vereinen in der tatsächlichen Abgrenzung zu Gewalt-Fans nicht mitgetragen. Das ist ein großes Problem. Alle Vereine und Fans müssen diese Gewalttäter endlich ächten und sie aus der Fan-Kurve drängen. Das muss forciert werden.

          Die Verantwortlichen in Frankfurt und Dresden reagieren mit der üblichen Betroffenheit, kündigen harte Maßnahmen gegen die Randalierer an. Aber wie immer wird wohl nichts passieren. Schon wieder ist von den "Selbstreinigungskräften" zu hören.

          Das ist ein hohles Argument. Die Ultras nehmen für sich in Anspruch, eine geschlossene Gruppe zu sein, die sich jeder Einwirkung von außen erwehrt. Das gleicht einer Abschottungsstrategie. Gefährlich ist auch, dass diese Fangruppen versuchen, in die Vereinsgremien zu kommen, um weitere Macht zu gewinnen.

          Bernhardt Witthaut ist Chef der Polizeigewerkschaft GdP

          Manche Vereinsfunktionäre kokettieren mit ihrer Nähe zu diesen einflussreichen Fangruppen. Bei der Frankfurter Eintracht, wo die Ultras lange schon Sonderrechte genießen, sprach ein Vorstandsmitglied sogar von "unseren Jungs".

          Einige dieser Funktionäre sind stolz, die Ultras hinter sich haben. Die machen ja auch tolle Stimmung, und ihre Choreographien sehen gut aus. Aber eigentlich verfolgen diese Gruppen andere, gefährliche Ziele. Ich habe auch das Gefühl, dass durch diese neuen Gewaltausbrüche auch die Vereine in eine Richtung gedrückt werden sollen, damit Pyrotechnik im Stadion erlaubt wird.

          Ligapräsident Rauball hat angekündigt, Pyrotechnik in den Stadien nicht zulassen zu wollen. Der DFB hatte zu Beginn des Jahres mit den Ultra-Gruppen darüber eine Diskussion begonnen, was einige als Entgegenkommen interpretierten. War das vielleicht ein falsches Signal?

          Ich bin am Mittwoch zu Gesprächen beim DFB. Aber ich weiß, dass Pyrotechnik in den Stadien auch dort sehr kritisch gesehen wird. Bengalos mit über 1000 Grad Hitze sind zu gefährlich. Mit uns wird es das nicht geben.

          Was werden Sie vorschlagen? Müssten nicht Spiele wie diese Woche in Dortmund oder Frankfurt einfach abgesetzt oder abgebrochen werden?

          Darüber müsste man intensiv nachdenken. Es reicht nicht mehr, ein Spiel, in dem es zu Ausschreitungen kommt, mal fünf Minuten zu unterbrechen. Man müsste einfach mal sagen: Schluss, Ende, Aus.

          Aber die Fernsehrechte, die Millioneneinnahmen für die Vereine?

          Der Veranstalter trägt das Risiko. So könnten die Ultras zum Nachdenken animiert werden.

          Die Liga sagt jetzt auch, dass in Zukunft bei Risikospielen die Kartenkontingente für die Auswärtsfans gestrichen werden könnten.

          Das ist der richtige Weg, um die Zuschauer zu schützen. Wir müssen darüber nachdenken, dass der DFB die Möglichkeit in Anspruch nimmt, Spiele ganz abzusagen, wenn es gesicherte Erkenntnisse über massive, gewalttätige Auseinandersetzungen gibt.

          Beim Frankfurt-Spiel waren mehr als 1000 Polizisten, 700 Ordner, szenekundige Beamte, Streetworker, Pferdestaffeln und Hubschrauber im Einsatz. Es gibt Risikospiele in der dritten oder vierten Liga, die auf ähnliche Weise abgesichert werden müssen. Ist dieser Aufwand gerechtfertigt?

          Es gibt ja inzwischen bis hinunter zu deutlich tieferen Ligen Auseinandersetzungen. Auch da sind aufgrund der Erfahrungen nicht mehr nur eine Streife, sondern mehrere Kollegen im Einsatz. Das ist grotesk. Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zu dem, was so ein Fußballspiel eigentlich bedeutet. Jetzt sind die Veranstalter gefragt, den Ultras deutlich zu zeigen, dass eine Grenze überschritten wurde.

           Wo sehen Sie konkrete Lösungsansätze auch außerhalb der Verantwortung der Vereine?

          Wir sind an den Spieltagen für ein generelles Alkoholverbot bei der Bundesbahn. Viele Fans reisen mit dem Zug - auch die gewaltbereiten. Das sollte umgesetzt werden. Auch die DFB-interne Sportgerichtsbarkeit ist verbesserungswürdig. Wir wollen erreichen, dass Vereine sanktioniert werden, wenn ihre Fans außerhalb der Stadien, zum Beispiel in Bahnhöfen, randalieren. Der Gewalt-Fan muss begreifen: Raste ich aus, zahlt mein Verein drauf! Wir brauchen technische Einrichtungen, um die Fans beim Einlass ins Stadion besser zu kontrollieren. Wenn viele auf einmal gezielt versuchen, das Stadion zu stürmen und Sprengkörper oder Pyrotechnik hineinzuschmuggeln, sind die Ordner nicht in der Lage, in solch einer Drucksituation für Sicherheit zu sorgen.

          Ihr Kollege von der kleineren Polizeigewerkschaft DPolG fordert eine Beteiligung der Profiklubs an den Einsatzkosten der Polizei. Das erscheint konsequent. Warum sind Sie dagegen?

          Das ist absoluter Populismus. Mit dieser Idee muss Schluss sein. Die Polizei und private Veranstalter kämen doch damit in eine riesengroße Bredouille. Wenn es gerecht zugehen soll, muss jeder private Veranstalter dann für die polizeilichen Kosten auch bei einem Weinfest, Marathonlauf oder Radrennen aufkommen. Gleiches gilt für Eishockey, Basketball oder Handball. Das ist der völlig falsche Weg.

          Aber es hätte vielleicht erzieherische Wirkung bei den Vereinen, wenn schlechte Fanarbeit sie Millionen kosten würde.

          Wohin sollte das eingenommene Geld gehen? Es würde in den Landeshaushalten verschwinden und nie bei der Polizei ankommen. Und bei den Vereinen wäre es durchaus wahrscheinlich, dass sie diese Kosten an anderer Stelle wieder reinholen. Wir müssen vielmehr daran arbeiten, dass die Gewalttäter nicht mehr ins Stadion kommen und als Besucher eines Fußballspiels isoliert werden. Darum geht's.

          Hier und da gibt es den Vorwurf, die Polizei würde manchmal im Fußballeinsatz überreagieren und Gewaltausbrüche damit erst provozieren. Wie sieht es bei Ihnen mit Selbstkritik aus?

          Ich kann mir schon vorstellen, dass Kollegen, die sich an 30 oder 40 Wochenenden immer wieder im Fußballeinsatz befinden und in der Woche auch kaum regenerieren können, sehr gefrustet sind. Den Vorwurf, dass sie bewusst oder unbewusst Menschen provozieren, kenne ich von Demonstrationen. Das wird uns gerne unterstellt. Aber ich kann nur sagen, dass jeder Einsatz professionell durchgeführt und innerhalb der Abteilungen und Hundertschaften aufgearbeitet wird.

          Das Gespräch führte Michael Ashelm.

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