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Polen und die EM 2012 : Hoffen auf den Zivilisationssprung

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Das seit Jahren stillgelegte Nationalstadion nahe der Weichsel im Sommer 2008. Hier soll bis 2012 das neue Nationalstadion entstehen Bild: imago sportfotodienst

Korruption, Gewalt, Rassismus: Der polnische Fußball hat einen miserablen Ruf. Die EM 2012 soll das ganze Land voranbringen - das Scheitern wäre ein nationales Desaster. Ein Reisebericht von Michael Horeni.

          Adam Olkowicz ist ein liebenswürdiger Herr. Seinen Gästen bietet er zur Begrüßung mit ausgesuchter Höflichkeit eine Tasse Tee an, und man würde sich unmöglich machen, diese Bitte abzuschlagen. Denn ohne eine gemeinsame Teerunde könne man doch kein Gespräch führen, sagt er. Das gehöre sich so. Als Olkowicz nach dem Tee dann das Wort ergreift, benutzt er eine schöne, lange verflossene Sprache mit poetischen Formulierungen.

          Wenn der feinsinnige Herr dann aber diesen Begriff aus dem Polen der Gegenwart hört, verfinstert sich sein Gesicht. Olkowicz spricht dann auch nicht mehr ganz so pathetisch. Er redet wie ein Rechtsanwalt. Das hässliche Wort, das diese Veränderungen am Sitz des Polnischen Fußball-Verbandes bei Adam Olkowicz auszulösen vermag, heißt: Korupcja.

          „In Polen gibt es Korruption, nicht nur im Fußball“

          Vor zwei Monaten sah sich Verbandspräsident Michal Listkiewicz auf politischen Druck gezwungen, von seinem Amt zurückzutreten. Ihm wurde vorgeworfen, zu wenig gegen die Korruption im polnischen Fußball zu unternehmen. Olkowicz jedoch kann das noch immer nicht verstehen. „In Polen gibt es Korruption, nicht nur im Fußball. Auch Ärzte stecken Geld für eine Operation in die eigene Tasche. Aber deswegen entlässt man doch nicht den Gesundheitsminister“, sagt er.

          Ausschreitungen in Bratislava während des Länderspiels Slowakei-Polen im Oktober 2008

          Dazu muss man wissen, dass Olkowicz dem Präsidium des Polnischen Fußball-Verbandes angehört und auch noch dem Organisationskomitee der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine vorsteht. Es sind Aufgaben, um die man ihn nicht beneidet. Es geht immer wieder drunter und drüber. Mittlerweile fürchten die Polen nämlich, dass ihnen nach einem zwielichtigen Verbandspräsidenten noch etwas weit Wertvolleres und Wichtigeres abhandenkommen könnte - die Europameisterschaft. Es wäre ein nationales Desaster.

          Platini schließt einen polnischen Partnerwechsel aus

          Die Vorbereitungen vor allem in der Ukraine laufen miserabel, in Polen geht es besser, aber längst noch nicht so, wie es die Europäische Fußball-Union (Uefa) fordert. Die Uefa könnte den beiden Ländern die Europameisterschaft nach etlichen Warnungen noch entziehen. Präsident Michel Platini hat zudem kürzlich erklärt, dass das auf wackligen Beinen stehende Turnier entweder wie geplant in beiden Ländern ausgetragen wird. Oder andernfalls komplett an einen anderen Ausrichter geht. Ein polnischer Partnerwechsel - etwa mit Deutschland, wie oft spekuliert - kommt also nicht mehr in Frage. Es geht um alles oder nichts.

          Die Schlagzeilen, die seit Jahren aus dem polnischen Fußball über die Grenzen dringen, sind finster. Aber sie sind auch einseitig. Sie handeln von massiver Korruption der Fußball-Mächtigen und Gewaltexzessen einer enthemmten Hooliganszene. Aber neben diesen kriminellen Organisationen existieren im polnischen Fußball auch Aufbruchstimmung, Veränderungsgeist und Engagement für einen Fußball mit größerer gesellschaftlicher Verantwortung. Es sind grundverschiedene Welten, die in Polen derzeit neben- und gegeneinander existieren, sich offen oder verdeckt bekämpfen. Und man weiß noch nicht, wann und wie dieser Kampf einmal enden wird.

          Olkowicz erzählt von einem Traumland

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