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Polen nach der Fußball-EM : Madonna im Mausoleum

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Viel Rauch, wenig Erfolg: Jakub Kosecki und die polnischen Nationalspieler haben kaum noch Chancen auf die WM in Brasilien Bild: dpa

Ein Jahr nach der EM 2012 ist die Ernüchterung im Co-Gastgeberland Polen groß. Der Fußball liegt am Boden, Erfolge bleiben aus, die teuren Stadien leer. Aber die Polen zehren von der Erkenntnis, vollends in Europa angekommen zu sein.

          Der Zeitpunkt, seitdem sich dieses lähmende Gefühl der Ernüchterung in Polen ausgebreitet hat, lässt sich auf die Minute genau bestimmen. Zuerst war es unter dem weiten Zeltdach des neu errichteten Nationalstadions in Warschau zu spüren: während des Eröffnungsspiels zur EM 2012 vor einem Jahr. Es war die 69. Spielminute, nach der die hoch gesteckten Erwartungen merklich nachließen, an die weiß-rote Reprezentacja, an den polnischen Fußball insgesamt, an eine Fußballeuropameisterschaft als Erweckungserlebnis für eine ganze Nation.

          Als Torwart Wojciech Szczesny den heran eilenden Stürmer Dimitrios Salpingidis in Höhe des Elfmeterpunktes zu Fall brachte, dafür das Spielfeld verlassen musste, und seine Mannschaft danach nicht mehr die Dynamik entwickeln konnte, die es gebraucht hätte, mit einem Sieg gegen Griechenland eine nationale Welle der Begeisterung auszulösen.

          Ersetzt Stevens Nationaltrainer Fornalik?

          Das Spiel endete schließlich 1:1 unentschieden. Und das glücklose Szenario, mit dem sich von nun an viele Polen konfrontiert sahen, nahm einen sich selbst erfüllenden Lauf: Polen schied sieglos nach der Vorrunde aus. Es schien so, als hätte sich in jener 69. Minute das luftige Zeltdach über den ganzen Zauber gelegt, den das größte nationale Ereignis seit der Unabhängigkeit entfacht hatte.

          Und nun, auf den Tag genau ein Jahr später, am 8. Juni, verpasste die Reprezentacja auch noch ihre realistische Chance zur Teilnahme an der WM im kommenden Jahr in Brasilien. Nach einem 1:1 in Moldau liegt Polen auf einem aussichtslosen vierten Platz in seiner Qualifikationsgruppe H. Auch auf der Fifa-Weltrangliste rutscht Polen immer weiter ab, steht dort inzwischen auf Rang 65 - nur knapp vor den Krisenländern Libyen und Iran.

          Teuer und fast immer leer: Das Warschauer Nationalstadion

          Nationaltrainer Waldemar Fornalik könnte bald schon ersetzt werden. Nach polnischen Medienberichten hat der niederländische ehemalige Trainer von Schalke 04, Huub Stevens, als erster das Kandidatenkarussell bestiegen. Fest steht allerdings, dass die Chance, den Fußball auch in Polen mittels der EM 2012 zu einem verbindenden Massenereignis zu machen, ungenutzt verstrichen ist.

          Auch hat sich der Ligafußball bis heute nicht von dem größten Korruptionsskandal im europäischen Fußball erholt, in dem über Jahre mindestens 522 Spiele manipuliert worden sind. Das sportliche Niveau ist schwach. Talentierte Spieler nutzen die Ekstraklasa vor allem als Vorspiel für westeuropäische Scouts. So wie zuletzt der schmächtige Stürmer Mariusz Stępiński, der nur ein paar Tage nach seinem 18. Geburtstag von Widzew Lodsch zum 1. FC Nürnberg gewechselt ist.

          Ungenutzte Luxus-Stadien

          Auf die fortwährende Fangewalt im Umfeld der Spiele in der Ekstraklasa reagierten Staat und Klubs nach Jahren des Wegschauens mit einem Maß an Repression, das vielen Fußballinteressierten den Weg in die Stadien verleidet. Tatsächlich war der Zuschauerschnitt dort in der Nach-EM-Saison niedriger als in dem Jahr vor dem Turnier. Die meisten Ligaspiele werden von weniger als 5000 Besuchern verfolgt.

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