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Pierre Littbarski : Bei den Fußball-Zwergen zwischen den Bergen

  • -Aktualisiert am

„Das Gehalt wird pünktlich überwiesen”: Pierre Littbarski, Trainer des FC Vaduz Bild: REUTERS

Aus Teheran geflüchtet, in Liechtenstein gelandet: Pierre Littbarski schlägt sich mit dem FC Vaduz in der Schweizer Liga durch. An große Ambitionen kann der Weltmeister von 1990 nicht denken - denn überall lauern Widerstände.

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          Schwarzer Anzug, weißes Hemd und rote Krawatte - Pierre Littbarski hat sich schick gemacht. Unter anderem ist ein Fernsehteam aus Köln zum Interview angereist. Jetzt, wo am Samstag das WM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Liechtenstein (20.00 Uhr / Live im ZDF und im FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker) ansteht, ist der deutsche Trainer des FC Vaduz ein gefragter Mann. Von Medienrummel zu sprechen wäre dennoch übertrieben. „Den brauche ich auch nicht“, sagt Littbarski.

          Nach all den Abenteuern in Teheran scheint der Fußball-Weltenbummler die Beschaulichkeit im Fürstentum zu genießen. Er, der auch in Berlin, Köln, Paris, Tokio und Sydney gelebt hat, versucht im 5000-Seelen-Ort Vaduz einen Neuanfang. Wenn Pierre Littbarski sagt, „es ist nicht aufregend hier“, dann klingt das weniger nach Langeweile denn nach willkommenem Kontrastprogramm zum Chaos in Iran, vor dem er im Herbst geflüchtet war - und in Liechtenstein landete. Littbarski berichtet von Überwachungskameras hinter Spiegeln, dem Mann vom Geheimdienst als Chauffeur und einem Ali Daei als intrigantes Vorstandsmitglied, der ihm das Leben bei Saipa Teheran zur Hölle machte. Vieles wirkt befremdlich.

          „Die Leute hier sind sehr strikt und ein bisschen zurückhaltend“

          Anders als in Teheran darf Littbarski in Vaduz beim Training kurze Hosen tragen und seine O-Beine zeigen. Auch die Familie, die vor knapp zwei Monaten von Japan nach Liechtenstein übersiedelte, fühlt sich wohl im Kleinstaat zwischen den Bergen. „Die Leute hier sind sehr strikt“, so Littbarskis Eindruck. „Und sie sind ein bisschen zurückhaltend.“ Das sei in etwa so wie in Japan, dem Geburtsland seiner Frau Hitomi und der Söhne Joel und Lucien.

          Zurückhaltung - eine Spur weniger davon wünscht sich Pierre Littbarski, wenn es um die Beziehung der 35.000 Untertanen von Fürst Hans-Adam II. zum Fußball geht. Seit dem Aufstieg des FC Vaduz in die oberste Schweizer Spielklasse, der das Land nach all den Negativschlagzeilen über Steuerhinterziehung und Geldwäsche in ein positives Licht rücken sollte, kommen im Schnitt 2222 Zuschauer ins Rheinpark-Stadion. Immerhin sind das doppelt so viele wie in der Saison 2007/2008.

          „Natürlich würde ich lieber vor 40.000 Zuschauern spielen“

          Es gibt aber auch Spiele wie das gegen Bellinzona mit nur 930 zahlenden Besuchern. „Natürlich würde ich lieber vor 40.000 Zuschauern spielen“, sagt Littbarski. „Wenn man aber die Einwohnerzahl von Liechtenstein ins Verhältnis stellt, dann haben wir einen Riesen-Zuschauerschnitt.“ Umfeld und Infrastruktur, sagt Littbarski, seien auf jeden Fall besser als beispielsweise in Yokohama, wo er mit seinem Team in einem Park trainieren musste. Der 48-Jährige klingt nicht verbittert, wenn er über den eines Weltmeisters vermeintlich unwürdigen Fußball-Standort Vaduz spricht. „Ich habe nicht mehr erwartet. Da kommt der Realist in mir durch.“

          Auch was die Spielkultur angeht, fand sich der einstige Dribbelkünstler schnell mit dem Ist-Zustand ab. „Ich habe anfangs gesagt, wir wollen uns mit schönem Fußball in der obersten Schweizer Liga etablieren - das war ein Fehler.“ Für wirklich attraktiven Fußball fehlen ganz einfach begabte Spieler. Zuletz erkämpfte sich die Multikulti-Truppe mit Profis aus zwölf Nationen und drei Liechtensteinern einen 3:1-Sieg gegen die Young Boys Bern, die bis dato in der Rückrunde ungeschlagen waren. Trotzdem muss Vaduz als Tabellenvorletzter um den Klassenverbleib bangen.

          Schweizer Boulevard: „Keiner will mehr den FC Vaduz sehen“

          Nicht wenige Fußball-Anhänger in der Schweiz wünschen dem FC Vaduz, der kaum Zuschauer zu den Auswärtsspielen mitbringt, den Abstieg. „Keiner will mehr den FC Vaduz sehen“, titelte der „Blick“. Das Boulevard-Blatt macht immer wieder Stimmung gegen die nur geduldeten Gäste. Ende April treffen sich die Vertreter der Swiss Football League, um über die Verlängerung des bis 2010 laufenden Vertrags mit dem FC Vaduz zu beraten. 2004 war vereinbart worden, dass der FC Vaduz in der Schweizer Super League spielen darf, wenn er die sportlichen und wirtschaftlichen Kriterien erfülle.

          „Der Sport soll es entscheiden“, antwortet Axel Bernhardt auf die Frage, wie es denn wohl weitergehe. Der Niederbayer und Geschäftsführer der „FC Vaduz-Lie AG“ verweist auf die solide wirtschaftliche Basis des Klubs, was im Schweizer Profifußball eher die Ausnahme ist. Und Bernhardt erzählt von den Bemühungen, eine Fußball-Kultur im Fürstentum aufzubauen. Dazu zähle auch die Verpflichtung von Pierre Littbarski, der mit seinem großen Namen dem Liechtensteiner Fußball ein wenig Glanz verleihen soll. Bernhardt weiß daneben um das Netzwerk, das Littbarski weltweit aufgebaut hat und das bei spektakulären Neuverpflichtungen helfen könnte. Unter anderem wurde mit Henrik Larsson und Dwight Yorke Kontakt aufgenommen. Am Ende half aber auch der Littbarski-Faktor nicht, einen Hochkaräter in die Fußball-Diaspora zu lotsen.

          „Aber man weiß, dass das Gehalt pünktlich überwiesen wird“

          Stattdessen kamen in der Winterpause Neuzugänge aus Island und Australien sowie die Deutschen Tobias Nickenig und Thorsten Kirschbaum. Der eine konnte sich als Abwehrspieler beim 1. FC Köln nicht durchsetzen, der andere sah durch die Verpflichtung von Timo Hildebrand seine Chancen auf der Torhüterposition bei Hoffenheim gegen null sinken.

          Littbarski, der in Vaduz als Trainer und Sportdirektor die Fäden in der Hand hält, kann nach eigenen Worten bei Verhandlungen vor allem die Aussicht auf Spielpraxis in die Waagschale werfen, ein hohes Gehalt sicher nicht, auch wenn Liechtenstein weltweit als Synonym für Geld und Wohlstand steht. „Mit Fußball wird man hier sicher nicht reich“, stellt Pierre Littbarski klar. „Aber man weiß, dass das Gehalt pünktlich überwiesen wird.“

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