https://www.faz.net/-gtl-a8p9c

Coming-out von Fußballprofis : „Wer würde das aushalten?“

  • Aktualisiert am

Philipp Lahm rät homosexuellen Profifußballern vom Coming-out in der Öffentlichkeit ab. Bild: dpa

Der Umgang mit Homosexualität im Fußball bleibt ein schwieriges Thema. Philipp Lahm rät Profis in der heutigen Zeit von einem Coming-out ab. Mehr als 800 Spielerinnen und Spieler starten derweil eine Solidaritätsaktion.

          3 Min.

          Der frühere Nationalspieler Philipp Lahm würde auch in der heutigen Zeit einem homosexuellen Fußballprofi vom Coming-out in der Öffentlichkeit abraten. „Die Verantwortung wäre mir zu groß“, schrieb der Weltmeister-Kapitän von 2014 in seinem neuen Buch „Das Spiel: Die Welt des Fußballs“, aus dem die „Bild“-Zeitung vorab zitierte. Gegenwärtig seien „die Chancen gering, so einen Versuch in der Bundesliga mit Erfolg zu wagen und nur halbwegs unbeschadet davonzukommen“, meinte Lahm (37).

          Wissen war nie wertvoller

          Vertrauen Sie auf unsere fundierte Corona-Berichterstattung und sichern Sie sich mit F+ 30 Tage freien Zugriff auf FAZ.NET.

          JETZT F+ KOSTENLOS SICHERN

          „Wenn er so etwas planen und mir davon erzählen sollte, würde ich ihm empfehlen, sich sehr intensiv mit seinen engsten Vertrauten zu beraten und sich selbst ehrlich Rechenschaft zu geben über seine Beweggründe für diesen Schritt“, ergänzte der frühere Profi des FC Bayern München: „Aber ich würde ihm nicht einmal raten, sich mit seinen Mitspielern im eigenen Klub über dieses Thema zu unterhalten.“

          Selbst wenn der betroffene Profi die nötige Reife für einen solchen Schritt hätte, könnte er „nicht mit der gleichen Reife bei allen Gegnern im Sport und ganz sicher nicht in allen Stadien rechnen dürfen, in denen er antritt“, so Lahm, der in diesem Fall „gebrüllte Beleidigungen, Beschimpfungen und diffamierende Äußerungen“ befürchtet: „Wer würde das aushalten? Und wenn ja, wie lange würde er es aushalten?“

          „Lebensklug von Thomas Hitzlsperger“

          Es möge Städte und Vereine geben, wo solch ein Coming-out eher möglich wäre als anderswo. Lahm nannte Berlin, Freiburg und den FC St. Pauli. „Aber gegenwärtig schienen mir die Chancen gering, so einen Versuch in der Bundesliga mit Erfolg zu wagen und nur halbwegs unbeschadet davonzukommen.“

          „Da muss man enorm stark sein, um das alles zu verkraften“, sagte Lahm am Mittwoch in München bei einer Online-Pressekonferenz zur Vorstellung des am 22. Februar erscheinenden Buches. „Ich will in dem Buch auf Gefahren hinweisen, man muss sich das genau überlegen.“ In dem Buch setzt sich Lahm mit Facetten des Profifußballs auseinander, schreibt auch über Themen wie Depressionen oder Rassismus.

          Als erster prominenter deutscher Fußballspieler hatte Lahms Auswahlkollege Thomas Hitzlsperger 2014 nach Abschluss seiner sportlichen Karriere öffentlich gemacht, dass er homosexuell ist. „Mir scheint es lebensklug, dass Thomas Hitzlsperger erst nach Beendigung seiner Laufbahn als aktiver Fußballprofi den Schritt gewagt und seine Homosexualität öffentlich gemacht hat“, schreibt Lahm.

          Derweil sicherten in einer öffentlichen Solidaritätsaktion mehr als 800 Fußballer und Fußballerinnen in Deutschland homosexuelle Spielern Unterstützung zu. „Wir werden euch unterstützen und ermutigen und, falls notwendig, auch gegen Anfeindungen verteidigen. Denn ihr tut das Richtige, und wir sind auf eurer Seite“, heißt es in dem emotionalen Appell, den das Magazin „11 Freunde“ in seiner jüngsten Ausgabe veröffentlicht.

          „Auch im Jahr 2021 gibt es keinen einzigen offen homosexuellen Fußballer in den deutschen Profiligen der Männer“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung. „Die Angst, nach einem Coming-out angefeindet und ausgegrenzt zu werden und die Karriere als Profifußballer zu gefährden, ist offenbar immer noch so groß, dass schwule Fußballer glauben, ihre Sexualität verstecken zu müssen.“

          „Er würde allen Support bekommen“

          Zu den Unterzeichnern des Appells „Ihr könnt auf uns zählen!“ gehören unter anderen prominente Profis wie Max Kruse (1. FC Union Berlin), Niklas Stark (Hertha BSC), Jonas Hector (1. FC Köln), Bakery Jatta (Hamburger SV), die Nationalspielerinnen Almuth Schult und Alexandra Popp (VfL Wolfsburg) sowie ganze Mannschaften von Profiklubs. Niemand solle zu einem Coming-out gedrängt werden, betonen die Unterzeichner. „Das ist die freie Entscheidung jedes Einzelnen. Aber wir wollen, dass sich jeder, der sich dafür entscheidet, unserer vollen Unterstützung und Solidarität sicher sein kann.“

          Starke Worte fand Unions neuer Publikumsliebling Kruse. „Wenn sich einer meiner Kollegen outen würde, würde ich ihn vor den Idioten draußen schützen“, sagte der 32 Jahre alte Angreifer. Mannschaftskollege Christopher Trimmel ist da an seiner Seite: Wenn ein Mitspieler sich outen würde, „würde er von mir allen Support bekommen, den er benötigt“. FC-Kapitän Hector verwies auf die Charta des Kölner Bundesligavereins, in der es heißt: „Herzlich willkommen in der schönsten Stadt Deutschlands – egal, woher du kommst, was du glaubst, was du hast oder bist, wie du lebst und wen du liebst.“

          Weitere Themen

          Noch ist die Kritik leise

          Lockerungen für den Sport : Noch ist die Kritik leise

          Der Sport hatte sich von Kanzlerin und Ministerpräsidenten mehr Öffnung gewünscht. Mit den neuesten Beschlüssen sieht man nun viele praktische Probleme auf sich zurollen.

          Topmeldungen

          Angela Merkel im Bundestag bei der Debatte „Epidemische Lage von nationaler Tragweite“, einen Tag nach dem Bund-Länder-Gipfel

          Deutschlands Corona-Wette : Angela Merkel hisst die weiße Fahne

          Die gesamte Konstruktion, mit der Bund und Länder die Pandemie bewältigen wollten, hat Risse bekommen. Deutschland erlebt eine neue Form von politischem Kontrollverlust.
          Ein besonderes Tänzchen: Kneissl mit Putin auf ihrer Hochzeit in der Südsteiermark

          Kneissl geht zu Rosneft : Wer mit Putin tanzt

          Einst sorgte Österreichs frühere Außenministerin für Aufsehen, weil sie den russischen Präsidenten zu ihrer Hochzeit einlud. Nun zieht Karin Kneissl in den Aufsichtsrat von Rosneft ein – einem besonderen Unternehmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.