https://www.faz.net/-gtl-7rrxq

Philipp Lahm : Ein sehr leises Adieu

„Das ist der richtige Zeitpunkt für mich“, sagte Lahm zu seinem Abschied gegenüber dem Sportboulevard-Blatt. Für ihn vielleicht schon. Aber eben nicht für die Nationalelf. Lahm hatte den Bundestrainer demnach schon am Montag beim Frühstück in Brasilien, einen Tag vor der Feier auf der Fanmeile, unterrichtet. Joachim Löw wäre jedoch, wie man annehmen darf, liebend gerne zwei, aber vermutlich auch vier weitere Jahre den Weg zusammen mit Lahm bis zur EM in Frankreich oder bis zur Titelverteidigungsmission in Russland gegangen. „Als Trainer kann man sich einen solchen Spieler nur wünschen. Philipp ist ein Musterprofi, der alles dem Erfolg unterordnet. Philipp war für mich immer ein zentraler und ganz wichtiger Ansprechpartner, mit dem wir unsere Ideen diskutieren konnten“, teilte der Bundestrainer in einer Erklärung des Verbandes mit.

„Ich habe in dem Gespräch sehr schnell gemerkt, dass es aussichtslos ist, ihm seine Entscheidung ausreden zu wollen“, sagte Niersbach, nachdem er am Telefon von Lahm aus dessen Urlaubsort erfuhr, dass eines der prägenden Gesichter des deutschen Fußball-Aufschwungs seit 2004 künftig nun nur noch für den FC Bayern Fußball spielen will. So brachte Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende der Münchner, denn auch die zwiespältigen Gefühle am Tag des Lahm-Abschieds auf den Punkt; nämlich die unterschiedlichen Interessen des Kapitäns und des Nationalteams: „Es gibt kaum einen besseren Abschied, als auf dem Höhepunkt einer Karriere als Weltmeister Schluss zu machen“, sagte Rummenigge. „Für die Nationalmannschaft wird es nicht einfach, Lahm als Spieler, Mensch und Kapitän zu ersetzen.“

Kein Hinweis auf das Ende

Die Ambivalenz, die der Rücktritt bei deutschen Anhängern mit Blick auf die Zukunft der Nationalelf auslöste, nahm auch Bayern-Sportdirektor Matthias Sammer in seinen würdigenden Blick: „Es ist eine überraschende Nachricht. Nur Philipp kann fühlen, ob seine Entscheidung zu diesem Zeitpunkt die richtige ist.“ Am Tag nach dem Finale hatte Lahm dem Magazin „Stern“ noch ein Interview gegeben, mit ziemlich zerkratzter Stimme von der Siegesfeier. Ein Hinweis, dass sich seine Karriere in der Nationalelf dem Ende neigt, fand sich nicht, im Gegenteil.

Auf die Frage, ob ein WM-Titel einen Spieler zum „Allergrößten“ erhebt, antwortete er: „Deutschland hat jetzt vier Titel gewonnen. Jeder kennt die Spieler der jeweiligen Mannschaften. So ein WM-Titel ist eine Marke, die man immer mit sich trägt. Aber so eine Sicht auf den Titel kommt mir zu früh. Wenn ich irgendwann mit den anderen Kapitänen genannt werde, dann wird mich das stolz machen. Im Moment ist das zu weit weg. Ich will mich noch als Sportler verwirklichen, das treibt mich an.“

Lahm äußerte sich auch über seinen Positionswechsel und die Entscheidungsfindung im Campo Bahia in dieser zentralen sportlichen Frage. „Es hat gute Gründe dafür gegeben, dass ich im Mittelfeld gespielt habe, und es hat gute Gründe gegeben, dass ich wieder nach hinten gewechselt bin. Was besser ist, wurde von Spiel zu Spiel entschieden. Auch das war eine Qualität, dass wir in solchen Entscheidungen offen blieben“, sagte er.

Im Dienst der Sache

Auf die Frage, wonach es angeblich sanften Druck aus der Mannschaft hin zu diesem Wechsel gab, antwortete der Kapitän: „Ich habe da eine andere Wahrnehmung gehabt. Es ging für mich darum, die beste Lösung für alle zu finden. Und das geht nur, wenn ich als Einzelner diszipliniert bin. Dass dies bei uns so war, sagt viel über die Qualität unserer Mannschaft.“ Nur so habe der Teamgeist entstehen können, und dieser Teamgeist habe die Elf „robuster gegen Widerstände von außen“ gemacht. „Das hat viel mit der Haltung der wichtigen Spieler zu tun. Ob die sich im Dienst der Sache zurücknehmen können oder nicht.“

Nun nimmt sich Philipp Lahm ganz zurück. Und der Kleinste des Weltmeistersteams hinterlässt in der Nationalmannschaft so eine ganz große Lücke, die nur ganz schwer zu füllen sein dürfte.

Philipp Lahm - Die Karriere in Zahlen

Verein: FC Bayern München (Vertrag bis 30. Juni 2018). - Länderspiele/Tore: 113/5.
Debüt: 18. Februar 2004 in Split beim 2:1 gegen Kroatien
Turniere: EM 2004 (Vorrunde), WM 2006 (Dritter), EM 2008 (Finale), WM 2010 (Dritter), EM 2012 (Halbfinale), Weltmeister 2014.
Größte Erfolge mit dem FC Bayern München: Champions-League-Sieger 2013 (Finalist 2010 und 2012), Klub-Weltmeister 2013, europäischer Supercup-Sieger 2013, fünf deutsche Meistertitel und fünf Pokalsiege (jeweils 2006, 2008, 2010, 2013, 2014.), zweimal A-Juniorenmeister (2001 und 2002).
DFB-Kapitän: Erstmals Kapitän in der Startelf der Nationalmannschaft am 29. Mai 2009 beim 1:1 in Schanghai gegen China. Kapitän bei der WM 2010 und 2014 sowie der EM 2012.
Schwerste Verletzungen: Mittelfußbruch im Januar 2005, Kreuzbandriss im rechten Knie im Mai 2005, Sehnenanriss am rechten Ellbogen im Mai 2006 kurz vor der WM in Deutschland.
Allstar-Team: WM 2006, 2010 und 2014, EM 2008 und 2012.

Weitere Themen

Topmeldungen

F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Hauptsache, der Riesling fließt

Die Weinernte dieses Jahr wird wohl unterdurchschnittlich, aber besser als letztes Jahr. Wie die Erntemengen schwankt auch der Geschmack der deutschen Weintrinker – einer Sorte aber bleiben sie seit Jahren treu.
Aufgebracht: Wieder haben Frauen in Warschau gegen die Verschärfung des Abtreibungsverbots demonstriert.

Abtreibungsgesetz in Polen : „Die Revolution ist eine Frau“

In Polen demonstrieren Tausende seit Tagen gegen das verschärfte Abtreibungsgesetz. Der Protest reicht sogar bis in die Gottesdienste. Welche Lager stehen einander hier gegenüber?
Anis Mohamed Youssef Ferchichi, bekannt als Rapper Bushido, im Gerichtssaal im August.

Bushido im Abou-Chaker-Prozess : „Ich habe meine Frau geschlagen“

Beim Prozess gegen Arafat Abou-Chaker wird Bushido vor Gericht persönlich: Er habe im Streit zwischen Abou-Chaker und seiner Frau die „dümmste Entscheidung“ seines Lebens getroffen. Auch den anschließenden Tiefpunkt schildert er.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.