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Philipp Lahm : Der kleine Anführer

  • -Aktualisiert am

„Es herrscht große Enttäuschung”: Philipp Lahm am Tag nach dem 0:1 gegen Spanien Bild: AP

Mit dem 0:1 gegen Spanien müssen Ballacks junge Nachfolger einen schweren Dämpfer hinnehmen. Lahm wiederholt dennoch seine Ambitionen auf die Kapitänsbinde, schränkt seine Forderungen aber ein. Schweinsteiger baut Ballack eine Brücke zurück ins Team.

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          Am Ende blieb auch ihm nichts anderes übrig, als das bittere Aus im Titelkampf einzugestehen. Genauso wie Michael Ballack als Kapitän vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft nach der Endspielniederlage gegen die Spanier. Aber trotz desselben Ergebnisses gegen den gleichen Gegner - nun im Weltmeisterschaftshalbfinale - sah Philipp Lahm einen Unterschied zu 2008.

          „Im Gegensatz zu damals haben wir uns diesmal einige Chancen erarbeitet. Das zeigt die Qualität unserer Mannschaft. Wir haben hier alle über Wochen sehr gut zusammengearbeitet“, sagte der aktuelle Spielführer der deutschen Nationalelf. Seit er in dieser Woche den Anspruch auf die Kapitänsbinde betont hat und damit offen in Konkurrenz zum bisherigen Träger getreten ist, erscheint jedes Wort Lahms in dieser Beziehung beachtenswert. Dies könnte neue Hinweise liefern auf die Zukunft des alten „Capitano“ im Nationalteam.

          Erst einmal müssen Ballacks junge Nachfolger allerdings die schweren Dämpfer von Durban verarbeiten. Ein Turnier mit mitreißenden Darbietungen von deutscher Seite und vielen Hoffnungen endete mit Ernüchterung. Um drei Uhr in der Nacht kehrte der traurige Fußballertross zurück ins Mannschaftsquartier bei Pretoria. Anders als sonst nach Siegen im Turnier gab es diesmal kein Feuerwerk.

          Die Anführer trösten sich gegenseitig: Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm (r.)
          Die Anführer trösten sich gegenseitig: Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm (r.) : Bild: AP

          Null Freude, die Stimmung am Boden. Es wurde vor dem Zubettgehen wenig gegessen und fast nichts getrunken, hieß es von Seiten des Verbandssprechers. „Es herrscht große Enttäuschung“, sagte Lahm, der aus dem Spiel eine Blessur an der Wade davontrug. Dennoch versuchte er, sich nach außen nicht zu lange mit dem Negativerlebnis zu beschäftigen.

          „Wir wollen mit einem guten Gefühl nach Hause“

          Er lobte die Gesamtleistungen der deutschen Elf, rühmte wieder die Qualitäten der jungen Spieler, wandte sich nach vorne und blickte auf den Samstag (20.30 Uhr / FAZ.NET-WM-Liveticker) in Port Elizabeth, wo die Deutschen im Spiel um Platz drei auf die Auswahl Uruguays treffen werden. Nach Wochen harter Arbeit, physischer und psychischer Belastung und intensiven Lagerlebens soll eine letzte gemeinsame Kraftanstrengung wenigstens den kleinen Abschlusserfolg sichern. „Wir wollen mit einem guten Gefühl nach Hause und Bronze einfahren“, forderte Lahm.

          Ein Sieg gegen die Südamerikaner ist nicht nur wichtige Mannschaftssache, sondern hat gerade für ihn persönlich eine hohe Bedeutung. Es sähe nicht gut aus, wenn die Mannschaft, welche er als mitverantwortlicher Kapitän führt, zum Ausklang ein schwächliches oder gar unmotiviertes Bild abgäbe.

          Kein Angriff auf Ballack und kein Machtkampf

          So stark hat Lahm sich in den vergangenen Wochen vor das Team gestellt und auch seine neue Rolle gegenüber seinem Vorgänger herausgehoben. „Freiwillig“ wolle er die Kapitänsbinde nicht mehr hergeben, hatte er vor dem Spanien-Spiel in einigen Interviews gesagt und damit für mediale Aufregung gesorgt.

          Am Donnerstag wiederholte er seine Ambitionen. „Ich habe auf eine einfache Frage ehrlich geantwortet. Es macht mir wahnsinnig viel Spaß, mit dieser Mannschaft zu arbeiten. Es wäre schlimm, wenn ich zum Bundestrainer ginge, die Binde zurückgäbe und sagte, ich wollte das Amt nicht weiterführen. Es geht da auch um Verantwortung“, erläuterte der 26 Jahre alte Außenverteidiger vom FC Bayern den Fall. Sein Begehren sei aber weder ein Angriff auf Michael Ballack, noch ginge es um einen Machtkampf.

          „Macht über Entscheidung beim Bundestrainer“

          Erstmals schränkte Lahm seine Forderung ein wenig ein und reichte die Verantwortung über die Kapitänsfrage zugleich an Joachim Löw weiter. „Die Macht über diese Entscheidung hat alleine der Bundestrainer. Wenn Michael diese Aufgabe wieder zugetragen wird, hätte ich damit überhaupt kein Problem. Unser Verhältnis bliebe wie vorher auch.“ Doch: Erstens kann Lahm nicht über Ballacks Sicht in gegenseitigen Beziehungsfragen verfügen, zweitens war ihr Verhältnis schon länger nicht mehr von großer Herzlichkeit geprägt.

          Im Unterschied zum neuen Kapitän baute Bastian Schweinsteiger als sein Vertreter im Mannschaftsrat dem langjährigen Anführer dieser Tage eine Brücke zurück ins Team. Nach den starken Leistungen der Nationalelf gegen England und Argentinien war plötzlich die Frage aufgekommen, wie der 33 Jahre alte Ballack noch in diese junge Mannschaft zu integrieren sei.

          „Um mich brauchen Sie sich keine Sorgen machen“

          Schweinsteiger konkretisierte dazu am Mittwoch nach dem Aus im Halbfinale seine Meinung. „Michael ist derzeit verletzt, aber wird in jedem Fall zurückkommen. Er ist mit seiner Erfahrung bei großen Turnieren ein sehr wichtiger Spieler für uns. Er wird uns weiterhelfen“, sagte der Münchner. Nachgehakt bei Lahm ergibt sich ein wesentlich distanziertes Bild über die Bedeutung Ballacks für die Zukunft der Nationalmannschaft. „Die Frage ist nicht mit ja oder nein zu beantworten. Michael ist ein hervorragender Spieler. Mehr gibt es nicht zu sagen.“

          Neuer Kapitän, alter Kapitän - die wichtigsten Entscheidungen auf dem Platz und auch am Rande liegen vorerst mal in der Mitverantwortung der neuen, verjüngten Führungscrew. Der Bundestrainer hat als oberste Instanz hierbei noch keine neuen Ansagen getroffen. Und sowieso will man sich nun nach einem Tag der Erholung und Trauerarbeit voll auf die letzte wichtige Aufgabe in diesem Turnier konzentrieren - den abschließenden Sieg über Uruguay. Der leicht angeschlagene Lahm sieht für sich keine Probleme. Er sagt es so, wie ein Kapitän sich ausdrücken muss. „Um mich brauchen Sie sich keine Sorgen machen. Ich habe nur einen Schlag abbekommen und werde auflaufen.“

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