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Peter Neururer : „Mein Weg trug Züge einer Tellerwäscherkarriere“

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Ein Unikum: Der Fußballtrainer Peter Neururer hat eine Biographie vorgestellt Bild: dpa

Unser täglich Buch zur Messe: Peter Neururer spricht über seine Biographie, die er auf der Frankfurter Buchmesse vorstellt. Vor allem als „Feuerwehrmann“ hat sich der 57 Jahre alte Trainer einen Namen gemacht.

          3 Min.

          Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

          Das Buch von Philipp Lahm. Die Vorabdrucke hörten sich wahnsinnig interessant an. Es war die Rede davon, dass zum Beispiel Trainer beschimpft würden. Aber dann las sich alles ganz harmlos, eher nebensächlich.

          Warum lesen Sie?

          Früher habe ich gelesen, weil ich neben Sport auch Deutsch und Geschichte unterrichtet habe. Da habe ich solche Sachen gelesen wie „Der gute Mensch von Sezuan“ oder die „Dreigroschenoper“, Literatur eben, die ein Lehrer zu lesen hat, weil er sie den Schülern vermitteln soll. Über Sport lese ich neben Biographien, Chroniken und Zitatsammlungen auch Fachliteratur, um mich weiterzubilden - lauter Dinge, die niemanden interessieren mit Ausnahme derjenigen, die damit zu tun haben. Zum Beispiel Bücher über Leistungs- und Arbeitsphysiologie. Da will ich immer auf dem aktuellen Stand bleiben.

          Romane lesen Sie nicht?

          Nein, gar nicht. Dafür bin ich zu faul. Romane guckt man sich heute im Fernsehen an. Mir reicht das an Bildung, was ich mir bisher erworben habe. Meine Festplatte ist voll.

          Ein Roman muss ja nicht bilden, er kann auch einfach nur unterhalten.

          Die Simmels und Konsaliks habe ich natürlich gelesen.

          Gibt es in der Literatur eine Figur, die Sie besonders fasziniert?

          Nein.

          Und im Fußball-Leben?

          Eindeutig ja: Werner Altegoer, der frühere Aufsichtsratsvorsitzende des VfL Bochum. Ich habe im Fußballgeschäft viele Leute kennengelernt, aber nie einen ehrlicheren und gradlinigeren Menschen als ihn. Mit ihm habe ich alle Facetten des Fußballs erlebt, von größten Enttäuschungen bis zu größten Jubelarien. Ich kenne niemanden, der so viel eingesteckt hat, der in Kauf genommen hat, selbst Schaden zu nehmen, um seinen Verein und bestimmte Personen zu schützen.

          Auf der Buchmesse wird Ihre Biographie vorgestellt. Hand aufs Herz: Finden die spannendsten Fußballgeschichten überhaupt den Weg zwischen zwei Buchdeckel?

          Die spannendsten Geschichten, die für jeden der Kracher wären, sind natürlich die, die niemals veröffentlicht werden. Die schreibt man nicht, das klingt sonst nach Rechtfertigung. Mein Lebensmotto lautet: Schweigen ist feige. Aber ich würde niemals nachkarten. Wenn es darum ginge, könnte ich fünf Bücher schreiben.

          Warum haben Sie das Buchprojekt von Thomas Lötz unterstützt?

          Weil ich zigfach angesprochen wurde von allen möglichen Leuten, die mich aufgefordert haben, ich solle mal aufschreiben, was ich alles erlebt habe bei so vielen Vereinen. Hinzu kommt: Ich bin jetzt seit zwei Jahren nicht mehr im operativen Trainergeschäft tätig, sondern arbeite beim Fernsehen. Trotzdem ist der Drang nach Öffentlichkeit immer noch vorhanden, gerade nach der überstandenen Herzattacke, die ich hatte. Ich wollte auch überprüfen, wie stark ich noch wahrgenommen werde.

          Wie ist Ihre Erfahrung mit dem Leseverhalten von Spielern? Beschäftigen sich Fußballprofis mit Literatur, etwa auf Dienstreisen?

          Ein Beispiel fällt mir ein: Yves Eigenrauch von Schalke 04. Der wurde als Intellektueller belächelt, er war aber auch ein Intellektueller. Wenn der etwas gesagt hat, passte das immer auf den Punkt genau. Während andere Spieler St.-Pauli- Nachrichten, Kicker, Bild und was weiß ich gelesen haben, holte Yves Eigenrauch im Flugzeug plötzlich „Der Richter und sein Henker“ von Friedrich Dürrenmatt raus. Da habe ich gedacht, das glaube ich jetzt nicht. Ich habe zu ihm gesagt, hör mal, was ist eigentlich mit dem alten Bärlach los? Gebildet wie er war, hat Yves mir eine Antwort gegeben und erläutert, wie er den Kommissar sieht. Aber er war schon verwundert darüber, dass sein Trainer die Romanfigur Bärlach kannte. Eigenrauch ist der einzige Spieler, von dem ich weiß, dass er Literatur auf diesem Niveau gelesen hat.

          Angenommen, Sie würden Ihr Leben literarisch verarbeiten: Wäre es eine Komödie, eine Tragödie, eine Liebesgeschichte?

          In Teilen wäre es eine Komödie. Eine Tragödie passt einfach nicht zu meinem Typus, obwohl ich einige tragische Momente erleben musste, wobei Tragik ja auch immer relativ ist. Vor allem aber wäre es ein Abenteuerroman. Mein Weg in den Profifußball trug Züge einer Tellerwäscherkarriere. Ich war ein Student, der über relativ viel Geld verfügt, dann aber alles verzockt hat und am Ende nicht mal Geld hatte, um zu telefonieren.

          Erzählen Sie etwas von Ihrem Abenteuer!

          Ich hatte eine Tennisschule mit 120 Schülern und habe in der Oberliga Westfalen Fußball gespielt. Eines Tages hatte ich aus Frust einiges getrunken, dann bin ich im Taxi mit den Bareinnahmen von mehreren Wochen nach Aachen ins Casino gefahren und habe da reichlich Geld verloren. Mit der Restkohle, die ich noch in der Tasche hatte, bin ich in einer Kölner Eckkneipe gelandet und dort einigen Leuten aufgesessen, die sicher nicht mit normaler Arbeit ihr Geld verdient haben. Da habe ich dann mein letztes Geld gelassen und noch Schulden gemacht. Von meinen früheren Freunden fühlte sich keiner mehr imstande, mir auch nur zehn Mark zu leihen. Genau in dieser Phase habe ich meine Frau kennengelernt. Ein bisschen Liebesgeschichte wäre also auch dabei.

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