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Pelé wird 65 : Einer, dem alles gegeben ist

Weggenossen: Pelé in Beckenbauers Armen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Pelé ist ein nationaler Schatz der Brasilianer. Er hat die Ausstrahlung funkelnder Vitalität, stark wie ein Baum, geschmeidig wie ein Panther; einer, dem einfach alles gegeben ist. Am Sonntag wird der bekannteste Fußballer der Welt 65.

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          Aus Hollywood stammt ein Rezept, wie man das Publikum fesselt: „Beginne mit einem Erdbeben, dann steigere langsam.“ Billy Wilder sagte das. Im selben Jahr, in dem er sein Meisterwerk „Manche mögen's heiß“ drehte, 1958, machten sich zwei junge Burschen daran, den guten Rat auf das Feld des Fußballs zu übersetzen. Sie waren 21 und 17 Jahre alt und wurden bei der Weltmeisterschaft in Schweden gegen den Mitfavoriten UdSSR mit dem weltbesten Torwart Lew Jaschin erstmals aufgeboten.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Das sah so aus: Zwei Minuten lang spielte Garrincha alle aus, traf den rechten Pfosten; dann war Pelé dran, traf den linken; nach drei Minuten führte Brasilien. Später gab Pelé die Vorlage zum 2:0, von da an spielten die beiden alle WM-Spiele mit. Pelé schoß sechs Tore in drei Partien, darunter den legendären Volley nach Lupfer im Finale gegen Schweden. Erst ein Erdbeben, dann langsam gesteigert. Und das war erst der Anfang.

          1280 Tore in 1360 Spielen

          Diesen Sonntag wird Edson Arantes de Nascimento, der als Junge den unergründlichen Namen Pelé erhielt, 65 Jahre alt. Noch immer geht von ihm das Jungenhaft-Fröhliche, das Strahlende und Federnde aus wie vor fast 50 Jahren, als er auf einen Schlag der berühmteste Fußballer der Welt wurde - und blieb. In Brasilien, sagt man, sei er bewundert wie kein anderer, aber dem Herzen des Volkes nicht so nahe wie Garrincha; der hatte das Flatternde und Zerbrechliche seines Namensgebers, des Paradiesvogels, und kam mit dem Leben nicht zurecht. Pelé dagegen hatte immer die Ausstrahlung funkelnder Vitalität, stark wie ein Baum, geschmeidig wie ein Panther; einer, dem alles gegeben ist.

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          1280 Tore in 1360 Spielen, 92 Hattricks, drei Weltmeistertitel; zwei Weltpokale und neun Landesmeisterschaften binnen elf Jahren mit dem FC Santos; 127 Tore allein in der Saison 1959 - der Sohn eines schlechtbezahlten Zweitligaprofis aus dem Bundesstaat Minas Gerais hat schon statistisch mehr hinterlassen, als je übertroffen werden kann. Aber Tore sind nur die eine Seite des Phänomens Pelé. Diejenigen, die ihn in seiner Glanzzeit sahen, in Brasilien oder bei den Europatouren des FC Santos, oder gar bei der WM 1970, als er im vielleicht besten Fußballteam der Geschichte brillierte und beim 4:1 im Finale gegen Italien ein Kopfballtor von typischer Dynamik erzielte - sie schwärmen von einem Spieler, der nahezu alles, was Fußball ausmacht, perfekt verkörperte: Tempo, Technik, Witz, Vision. Und dazu jenes „Brasilianische“, das Unvorhersehbare, das der Fußballfreund liebt, aber nach Pelé nur alle Jubeljahre findet, in Spielern wie Romario oder Ronaldinho.

          Zugabe mit Glanz und Glamour

          Heute landet jeder halbwegs gute Brasilianer in Europa. Pelé blieb 18 Jahre beim FC Santos. 1960 hatte ihn der Staat zum nationalen Schatz erklärt, um einem Wechsel vorzubeugen. Fiat-Präsident Agnelli bot ihm einmal sogar ein Aktienpaket an der Autofirma für einen Wechsel nach Turin. Erst nach seinem ersten Rücktritt ließ er sich 1975 durch ein Sieben-Millionen-Dollar-Angebot von Warner Communications doch noch ins Ausland locken: eine dreijährige Zugabe mit Glanz und Glamour. Das Filmstudio wollte in der neuen US Soccer League seinen Klub Cosmos New York groß herausbringen und dachte sich nach Hollywood-Art: Fange mit einem Erdbeben an. Also mit Pelé.

          Wie sonst nur sein Cosmos-Kollege Franz Beckenbauer wurde er eine wandelnde Institution des Fußballs: einer, der tun, lassen, reden kann, was er will, und zeitlos populär bleibt. Pelé dilettierte in John Hustons Fußballfilm „Escape to Victory“; schrieb den peinlichen Kriminalroman „The World Cup Murder“ (in dem Gregor Ragusic, der nach Knoblauch riechende serbische Trainer der US-Elf, von Kommunisten erschossen wird); sagte Kolumbien als Weltmeister, Kroatien als Europameister voraus; spielte als Sportminister und als Geschäftsmann eine undurchsichtige Rolle im korrumpierten brasilianischen Fußball; sang öffentlich selbstkomponierte Lieder (wie in der Show von Diego Maradona, mit dem er sich nach einem Streit über die Rolle des „Besten aller Zeiten“ offenbar wieder vertragen hat). Und blieb doch Pelé, der Unvergleichliche.

          Die Verwandlung zur mythische Figur

          So wie es Henry Kissinger, der frühere US-Außenminister und Fußballfan, 1999 für das Magazin „Time“ schrieb, das Pelé als einen der 100 einflußreichsten Menschen des 20. Jahrhunderts einstufte: „Die meisten heutigen Fans sahen ihn nie spielen, und doch spüren sie irgendwie, er ist Teil ihres Lebens. Er erlebte die Verwandlung von einem Superstar in eine mythische Figur.“

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