https://www.faz.net/-gtl-7za31

Pegida und der Fußball : Hooligans als Schutztruppe

  • -Aktualisiert am

Machten Pegida erst möglich: die Hooligans und ihre kruden Vorstellungen Bild: dpa

Den Erfolg fremdenfeindlicher Bewegungen wie Pegida haben „rechtsmotivierte“ Fans von Fußballvereinen ermöglicht. Manche der Hooligans verstehen sich als eine Art moderne SA. An diesem Montag beginnt der erste Prozess gegen eine von ihnen.

          Vereinzelt fallen Schneeflocken auf die Köpfe derjenigen, die sich auf dem von Polizisten mit Helmen eingefassten Augustusplatz in Leipzig versammelt haben. Es sind sehr viel weniger Menschen als in den Vorwochen bei Legida, dem lokalen Ableger von Pegida. Es hat sich reduziert auf einen radikalen Rest, auf 1500 zumeist männliche Protestierer. Geblieben sind vor allem „rechtsmotivierte“ Hooligans und Neonazis aus freien Kameradschaften, die von Anfang an dabei sind, und die sich an diesem nasskalten Abend an der Zuneigung wärmen, die ihnen mit gepresster Stimme von der Bühne aus zuteilwird: „Nun ein Wort an euch Hools, die ihr heute Abend wieder hier seid, weil ihr versprochen habt, das Volk vor der Antifa zu schützen.“ Jubel und Applaus bei den Angesprochenen.

          Legida-Redner Friedrich Fröbel stellt damit öffentlich klar, was sich bei den Demonstrationen der Pegida-Bewegung, ob in Leipzig oder Düsseldorf, vor allem aber auch in Dresden, deutlich gezeigt hat: dass „rechtsmotivierte“ Hooligans als Schutztruppe und lautstarke Einpeitscher dieser bundesweiten fremdenfeindlichen Bewegung auftreten. An diesem Abend werden sie öffentlich zu einer allgemeinen Bürgerwehr stilisiert: „Wenn die Politik unsere Polizei weiter so kaputt spart, dann werdet ihr noch einmal gefordert sein, Seite an Seite mit diesen Polizisten Recht und Gesetz zu verteidigen“, brüllt Fröbel. Die angesprochenen Hooligans, von denen sich nicht wenige als eine Art moderne SA verstehen, brüllen ihre Antwort zu Hunderten in den Nachthimmel: „Wir sind da! Wir sind da!“

          Gefühltes Gewaltmonopol

          Seit Wochen waren sie da. In Leipzig und in Dresden, die meisten von ihnen aus Sachsen, von Lokomotive Leipzig und Dynamo Dresden, aber auch aus Chemnitz, Erfurt, Magdeburg, Braunschweig, Cottbus und vom BFC Dynamo aus Berlin. Sie waren es, die Journalisten auf Distanz hielten, unliebsame Reporter und Fotografen sogar körperlich angriffen, die Kameramänner bedrängten, die immer wieder, auch an diesem Abend in Leipzig, den „völkischen“ Ruf von der „Lügenpresse“ intonieren, der es nur durch sie zum Unwort des Jahres gebracht hat. Die über Wochen das gefühlte Gewaltmonopol bei den Pegida-Demonstrationen in Dresden innehatten, überlassen von einer Polizei, die sich dort auffallend zurückhielt, wo die Masse am größten war.

          „Ihr müsst heute alle Ordner sein“, rief die damalige Pegida-Sprecherin Kathrin Oertel noch in der vergangenen Woche den Demonstranten auf dem Theaterplatz vor der Semperoper in Dresden zu. Und die Hooligans unter ihnen, die auch dort wieder zahlreich erschienen waren, wussten, was gemeint war. Sie haben den zwischenzeitlichen Erfolg von Pegida erst ermöglicht. Weil sie den Gegenprotest ferngehalten und die Pressefreiheit während der Demonstrationen eingeschränkt hatten. Sie haben dafür gesorgt, dass sich Tausende Pegida-Demonstranten für rund drei Stunden als eine Art Volksgemeinschaft fühlen und sich dem Irrglauben „Wir sind das Volk“ in erstaunlicher Selbstüberschätzung hingeben konnten.

          In Dresden hat sich ihnen niemand in den Weg gestellt, nicht die Gegendemonstranten, aus Angst und weil sie dort zu wenige waren, nicht die Polizei, aus taktischen Gründen, wie es hieß, nicht der Sächsische Fußball-Verband und auch nicht der Verein, dessen Hooligans von Beginn an ein wesentlicher Faktor im Pegida-Konzept waren. Dynamo Dresden, dessen Geschäftsführung keine Notwendigkeit darin sah, sich zu diesem Einfluss zu positionieren, will den Rechtsextremismus bei manchen Anhängern des Vereins nicht mal wahrgenommen haben. Sie alle haben die Hooligans und damit Pegida stark gemacht.

          Begonnen hat alles im Stadion von Dynamo Dresden im Frühsommer 2013, als dort wegen der Elbe-Flut ein Fluthilfezentrum organisiert wurde. Auch die Erinnerung an diese Zeit der „Solidarität“ mahnt Redner Fröbel vor den Hooligans an: Haben sie sich doch schon damals als ehrenamtliche Helfer zusammengefunden, mit anderen Rechtsextremisten und fremdenfeindlichen Aktivisten aus West- und Ostdeutschland, mit dem umtriebigen späteren Pegida-Chef Lutz Bachmann und einigen anderen aus dem Orga-Team dieser Bewegung, das sich inzwischen heillos zerstritten hat.

          Wo alles begann: im Oktober „protestieren“ in Köln tausende Hooligans gegen Salafisten

          Damals haben sie zueinander gefunden in ihrer selbstverstandenen Solidarität für das „deutsche Volk“. Aus diesem Gedanken hat man schließlich weitere Ideen entwickelt, daraus ist Pegida entstanden, aber früher noch die „Hooligans gegen Salafisten“ (Hogesa), beide Initiativen Teil ein und derselben fremdenfeindlichen Bewegung. Und auch dafür wird in Leipzig eine Bestätigung geliefert, der sich Pegida bislang verweigerte aus dem Bemühen um ein bürgerliches Antlitz: „Die Ersten, die für die Freiheit in Deutschland auf die Straße gegangen sind, waren nicht Pegida, sondern es waren die Hooligans in Köln“, ruft Fröbel seinen Zuhörern zu. Wieder Jubel unter den rechtsextremen Fußballanhängern, nach deren Interpretation von Freiheit Fröbel in der Sache recht hat. Denn die massiven Krawalle der Hogesa Ende Oktober in Köln waren der Auftakt eines bundesweiten zusammenhängenden rechten Kulturkampfes, der an verschiedenen Orten unterschiedlich geführt, aber stets von Hooligans begleitet und forciert wird.

          In Köln hatten nach Polizeiangaben 4800 Protestierer aus dem „rechtsmotivierten“ Fußballmilieu nach einer Demonstration randaliert, dabei sollen 45 Polizisten verletzt worden sein. An diesem Montag beginnt in Köln der erste Prozess gegen eine Hogesa-Aktivistin. Ausgerechnet eine junge Frau. Sie soll eine Flasche auf Polizisten geworfen haben, den Hitlergruß gezeigt und einige Beamte nach ihrer Festnahme beleidigt haben.

          Durch Videoaufzeichnungen identifiziert

          Die meisten der 330 Gewalttäter, gegen die ermittelt wird, wurden mittels der umfangreichen Videoaufzeichnungen identifiziert. In ihrer Einschätzung ist die Kölner Staatsanwaltschaft eindeutig: „Die meisten dieser Personen kommen aus dem Bereich der Gewalttäter Sport oder aus der rechtsmotivierten Szene“, sagt Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn auf Anfrage. Wie viele Verhandlungen noch folgen werden, ist bislang unklar. Drei Anklagen seien erst verfasst worden. Inzwischen korrigiert man in Düsseldorfer Regierungskreisen die Einschätzung, die im unmittelbaren Nachgang der Krawalle von der Polizei abgegeben wurde. So ordnete der Staatsschutz nur rund zehn Prozent der Kundgebungsteilnehmer der rechten Szene zu. Aber längst ist klar, dass der politisch homogene Hogesa-Protest Teil der rechtsextremen Bewegung ist.

          Auch die Polizei in Nordrhein-Westfalen wird sich über ihre Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZiS) mutmaßlich korrigieren müssen. Denn noch unmittelbar vor den Kölner Krawallen ging man dort davon aus, dass die Schnittmenge der sogenannten Gewalttäter Sport mit bekannten Rechtsextremisten bei bundesweit 400 liegt. Die Betrachtung von Pegida und Hogesa in den zurückliegenden Monaten hat zu einem gänzlich anderen Lagebild geführt. Vorsichtshalber hat die Landesinnenministerkonferenz bis zu ihrer Frühjahrssitzung einen Bericht über „Verbindungen zwischen der rechtsextremistischen und der Hooliganszene“ gefordert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Aufnahme aus der U-Bahn-Station Westfriedhof in München: Kommt die Zukunft der Mobilität einfach nicht, oder rast sie längst an uns vorbei?

          Verkehrspolitik : Wir brauchen mehr Tempo

          Die Debatte ums Tempolimit übertönt die wirklich wichtigen Fragen der Verkehrspolitik: Wo sind denn die neuen futuristischen Züge, die gestresste Raser und müde Lkw-Fahrer auf die Schiene locken?

          Prozess zu Messerattacke : Wofür Chemnitz steht

          Auch Chemnitz sitzt beim Strafprozess um den gewaltsamen Tod eines Deutsch-Kubaners gleichsam auf der Anklagebank. Es gibt aber keinen Grund, von vermeintlich größter moralischer Höhe auf die armen Brüder und Schwestern im Osten zu blicken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.