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Paul Gascoigne : "Ein kleiner Mann sagt: Nimm einen Drink"

Suchte Arbeit zwischen Sibirien und St. Pauli: Paul Gascoigne Bild: PA

Paul Gascoigne, einstiger Star und Exzentriker in Reihen der englischen Nationalmannschaft, bleibt auch am Rande der Wüste Gobi nicht trocken.

          2 Min.

          Auch am Rande der Wüste Gobi konnte Paul Gascoigne nicht lange trocken bleiben. Nach der Episode bei Gansu Tianma, einem Zweitligaklub in der Ödnis von Lanzhou am Gelben Fluß, 1998 zur schmutzigsten Stadt der Welt erklärt, hat der schillerndste englische Fußballer seiner Generation nun eingestanden, daß er einfach nicht vom Alkohol wegkomme.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          "In meinem Kopf sitzt ein kleiner Mann, der sagt zu mir: Nimm einen Drink, nimm einen Drink. Und ich bekomme ihn nicht aus dem Kopf, besonders dann, wenn ich mit ihm alleine bin", sagte der 36jährige frühere Nationalspieler der Boulevardzeitung "Sun“.

          Cascoigne und das Verlangen nach mehr

          Gern würde er ausgehen und nur drei Bier oder ein paar Gläser Wein trinken, "aber ich kann das nicht. Wenn ich ein paar Gläser getrunken habe, dann will ich mehr. Selbst wenn ich vorher die besten Vorsätze hatte. Alle Alkoholiker werden wissen, wovon ich rede." Im chinesischen Abseits war Gascoigne Anfang des Jahres gelandet, nachdem sich in England und anderen Ländern Europas kein Klub mehr fand, der den begnadeten, aber selbstzerstörerischen Mittelfeldspieler verpflichten wollte. Während der durch Sars ausgelösten Saisonpause in China hat sich Gascoigne wie schon vor zwei Jahren einer Entziehungskur in einer Klinik in Arizona unterzogen. Nun ist die Lungenseuche unter Kontrolle, im Gegensatz zur Alkoholseuche.

          Der Fußballbetrieb wird wiederaufgenommen, doch Gascoigne will nicht nach Lanzhou zurückkehren, solange er nicht ausstehende Gehaltszahlungen erhalten habe - eine Forderung, die der Klub zurückweist. Vorerst will Gascoigne den Freundschaftsdienst seines alten Kumpels Glenn Roeder annehmen. Der Trainer des Premier-League-Absteigers West Ham United hat ihm angeboten, am Training des Teams teilzunehmen und sich so fit zu halten.

          David Beckham als Vorbild

          Gascoigne war die große Entdeckung der Weltmeisterschaft 1990, wo er mit England unglücklich im Elfmeterschießen des Halbfinales an Deutschland scheiterte - ebenso wie sechs Jahre später bei der Europameisterschaft im eigenen Land. Doch geplagt von Verletzungen und seinem Hang zu Exzessen jeder Art, blieb ihm trotz 57 Länderspielen die erwartete Weltkarriere verwehrt. "Ich würde mir wünschen, daß ich meine Karriere genauso gestaltet hätte wie David Beckham", sagt er heute. "Wenn David vor meiner Zeit gespielt hätte, hätte ich mein Leben vielleicht anders gelebt und mir einiges abgeschaut. Es gibt kein besseres Beispiel, wie man sich auf dem Platz und außerhalb präsentiert", sagt er über den Kapitän des englischen Nationalteams, der gerade zwischen den ersten Adressen des Weltfußballs gewechselt ist, von Manchester United zu Real Madrid.

          Gascoignes Vereinswechsel, die echten und die potentiellen, lasen sich dagegen seit langem wie die letzte Tournee eines abgehalfterten Komikers. Nach der Entziehungskur vor zwei Jahren landete er in Everton auf der Bank, dann ein paar Monate in Burnley, zweite Liga; dann wollten sie ihn auch dort nicht mehr. Spätestens im Frühsommer 2002 trank er wieder. Als WM-Experte bescherte er dem Fernsehsender ITV eine Hotelgetränkerechnung von 9869,62 Pfund, plus 281 aus der Minibar.

          Arbeitssuche zwischen Sibirien und St. Pauli

          Ein halbes Jahr suchte er vergeblich einen neuen Job; fiel durch bei Erstligaklubs in Amerika, Neuseeland, China; fand seinen Namen in Verbindung mit immer seltsameren Adressen zwischen Sibirien, Schwarzmeer und St. Pauli. Und zwischen den Absagen und PR-Enten. Im September schlief er im Suff auf der Toilette ein, die Hand auf der Heizung - am Morgen war sie voller Brandblasen. Nach Weihnachten landete er in der Notaufnahme. Eine Hälfte seines Gesichtes war taub.

          Die Befürchtung eines Schlaganfalls bestätigte sich nicht. Nach einer Laufbahn, die am Ende nur noch eine Odyssee war, ist der Fußball für Gascoigne, dessen Ehe dramatisch scheiterte und dem als Sozialbindung fast nur noch Kneipenfreunde blieben, ein letzter Halt. Diesen Strohhalm will er retten. "Ich würde ohne Gehalt spielen, wenn ein Klub der Premier League oder First Division mich will", bietet er an. "Ich bin so versessen darauf zu beweisen, daß in Paul Gascoigne noch Leben steckt."

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