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Paris St. Germain : Glamouröses Geschäft mit deutschen Kindern

  • -Aktualisiert am

Kylian Mbappé (links) und Neymar sind die Stars von Paris St. Germain. Bild: Picture-Alliance

Paris Saint-Germain eröffnet in Düsseldorf die erste „PSG Academy“ in Deutschland. Widerstand und Aufregung sind groß. Denn der Plan des französischen Klubs ist noch viel größer – und wird von hehren Worten begleitet.

          Mit einem milden Lächeln im Gesicht thront der brasilianische Fußballstar Neymar an diesem Samstagnachmittag über dem bunten Treiben in Düsseldorf-Lierenfeld. An seiner Seite befinden sich die Teamkollegen Kylian Mbappé, Edinson Cavani, Julian Draxler und Thilo Kehrer, ihre in fetten Lettern präsentierte Botschaft: „Dream bigger“ – was an diesem Ort heißt, dass die Kinder, die auf dem Rasen Fußball spielen, sich doch bitte nicht mit Träumen von einer Karriere bei der lokalen Fortuna begnügen sollen. Nein, Paris St.-Germain, Champions League, der ganz große Glamour, und wenn es als Spieler nicht klappt, dann vielleicht als Fan?

          Natürlich sind Neymar und seine Kollegen nicht leibhaftig anwesend, sie blicken von riesigen Plakaten an den Stirnseiten des Rasens hinab auf die Eröffnung der ersten „PSG Academy“ in Deutschland. Rund 500 Kinder zwischen sechs und 16 Jahren sind zu einem Probetraining gekommen, jeder darf eine Runde kicken, bekommt ein PSG-Shirt, eine Urkunde und – wenn alles klappt – eine dicke Portion Sympathie für das Team des deutschen Trainers Thomas Tuchel ins Fußball-Herz hineingepflanzt. Das erzeugt Widerstand.

          „Tuchel will unsere Talente klauen“, echauffierte sich die „Bild“-Zeitung, nachdem bekanntgeworden war, dass der Pariser Großklub solche Fußballakademien an knapp 20 Standorten in Deutschland gründen werde und mittelfristig sogar mit eigenen Mannschaften am hiesigen Ligabetrieb teilnehmen will. „Ich finde es schon sehr fragwürdig und grenzwertig, wenn demnächst wirklich ein Team in einer deutschen Jugend-Liga mit dem Emblem von PSG auflaufen würde“, zitierte das Blatt den Mönchengladbacher Sportdirektor Max Eberl, und der Wolfsburger Manager Jörg Schmadtke ergänzte: „Man muss schauen, dass jetzt nicht die ganz großen Klubs die großen Talente weggreifen können.“

          Frédéric Verclytte zuckt nur gelangweilt mit den Schultern, als er mit diesem Aussagen konfrontiert wird. Der „Business-Developer Paris Saint-Germain Academy“ sagt: „Es geht nicht darum, Spieler zu rekrutieren, der Zweck der PSG-Akademie besteht darin, viele Fans in der ganzen Welt mit dem Verein zu verbinden. Wir wollen die Marke zu einem der größten Klubs der Welt entwickeln.“ Viel wichtiger als das mühsame Aufspüren irgendwelcher Talente sind also die Geschäfte.

          Schon seit 2012 vergibt der Pariser Nobelklub Franchise-Lizenzen an private Fußballschulen, in 15 Ländern auf vier Kontinenten ist PSG bereits präsent. Das spült Geld in die Kassen und schafft emotionale Anknüpfungspunkte. In einer Zeit, in der Jugendliche fußballerisch auf der Playstation sozialisiert werden, wo Neymar und Mbappé an der Konsole um längen cooler sind als Lars Stindl oder Maximilian Eggestein, klingt das wie ein schlaues Konzept. Also kooperiert PSG zunächst mit dem DSV 04 in Düsseldorf, es folgen Adler Osterfeld in Oberhausen und später weitere Klubs in jedem Bundesland. Der Plan sehe vor, dass „die PSG Academy ein ganzes Land flächendeckend bestückt“, sagt Vito Werner, der „Performance Director“ der „Football Academy Düsseldorf GmbH“, des Franchise-Nehmers. Die Provinzklubs, mit denen kooperiert wird, erhalten dann zwischen sechs und acht Prozent am Gewinn, die die GmbH am jeweiligen Standort erwirtschaftet.

          Neben Schnuppertrainings wie in Düsseldorf werden für 199 Euro pro Woche Feriencamps angeboten; in der kommenden Saison, wenn die Akademien noch keine eigenen Mannschaften haben, können interessierte Eltern ihre Kinder dann zusätzlich zum Training ihrer ursprünglichen Klubs für 99 Euro pro Monat zu drei weiteren Trainingseinheiten pro Woche anmelden. „Wir pushen die Amateurvereine“, sagt Werner, schließlich wende man sich explizit an Kinder, die nicht gut genug sind für die Nachwuchsleistungszentren der Bundesligavereine, weshalb sie oft von Vätern oder Freiwilligen ohne Trainerschein betreut werden.

          In der PSG-Akademie sollen diese Talente unter professioneller Anleitung und auf Basis der Philosophie von PSG zu besseren Spielern werden. „Man versucht dort, intelligente Fußballer hervorzubringen“, erzählt Guido Contrino, der als Chefcoach alle deutschen Akademien betreuen soll. In einer Zeit, in der Steigerungspotentiale in den Kategorien Ausdauer, Sprintstärke und Kraft erschöpft sind, sehen die PSG-Ideologen die Zukunft in der Erweiterung kognitiver Fähigkeiten. „Da ist jede Trainingseinheit für ein Jahr für jeden Schwerpunkt vorausgeplant“, erzählt Contrino, der die Philosophie auf einem viertägigen Workshop in Paris kennengelernt hat.

          Mittelfristig sollen die deutschen PSG-Ableger als feste Teams am Spielbetrieb teilnehmen, Vito Werner ist überzeugt, mit diesem Angebot einen Mangel zu beheben. Im Reich des DFB, wo die Mitgliedsbeiträge für Kinder in den Vereinen äußerst günstig sind, gelte das Credo: Fußball für Kinder darf nur 100 Euro im Jahr kosten. „Da sage ich: Nein!“, ruft er und wird laut. Für Reit-, Klavier- und Tennisunterricht seien die Eltern jederzeit bereit, dreistellige Beträge im Monat zu bezahlen. Im Fußball hingegen werden Hunderttausende Talente gerade im Alter zwischen sechs und zehn Jahren, wenn die Lernfähigkeit besonders groß ist, von Laien angeleitet, weil kein Geld für ordentliche Trainer da ist. Nun versucht ein kommerzieller Anbieter, diese Lücke im System zu schließen.

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