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Ottmar Hitzfeld wird 70 : Der glückliche Gentleman des Fußballs

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So wild wie nach dem Champions-League-Sieg mit Dortmund 1997 geht es bei Ottmar Hitzfeld zum 70. Geburtstag nicht zu. Bild: dpa

Ottmar Hitzfeld wird an diesem Samstag 70 Jahre alt. Er blickt zurück auf eine Trainerkarriere, die besser nicht hätte sein können. Wie sie enden würde, hat er schon vor fast 30 Jahren geahnt.

          Ottmar Hitzfeld war nie wie Reiner Calmund. Das fällt natürlich rein physisch schon auf, weil sich der etwa 1,76 Meter große und immer noch sehr schlanke Hitzfeld wohl zweimal hinter jemandem wie Calmund verstecken könnte. Hitzfeld könnte aber auch bei der Organisation seines 70. Geburtstags an diesem Samstag kaum unterschiedlicher sein. Er feiert nicht pompös wie Calmund Ende November in einem Freizeitpark bei Köln. „Da sage ich Nein“, betont der frühere Erfolgstrainer. Er hat nur seine Familie eingeladen. „Wahrscheinlich feiern wir in aller Ruhe in Engelberg in den Schweizer Alpen.“

          Laut war Hitzfeld nie. Ein Gentleman, so wurde er während seiner langen Karriere als Trainer mehrfach bezeichnet. Hitzfeld ist das auch im gehobenen Alter geblieben. Würde er mit einer dreistelligen Gästeliste wie das frühere Manager-Schwergewicht Calmund feiern, „kann man ja schon gar nicht mit jedem sprechen. Manche kommen dann vorbei und man hat nichts von ihnen“, sagt Hitzfeld. Man sollte das nicht damit verwechseln, dass er es jedem recht machen will.

          Hitzfeld sitzt in einem Sessel in der Lobby eines Hotels in Basel. Rund zehn Kilometer Luftlinie von hier entfernt wurde er geboren, im baden-württembergischen Lörrach wohnt er auch jetzt noch mit seiner Ehefrau Beate. Über vier Jahre ist es mittlerweile her, dass er nach der WM 2014 in Brasilien als Nationaltrainer der Schweiz seine Karriere beendet hat. Er geht mittlerweile oft in Lörrach einkaufen, seine Frau schreibt ihm dann vorher eine Liste, wie er erzählt. Und wie ist der Alltag sonst so? „Wie bei einem Rentner, der morgens aufsteht und die Zeitung kauft.“

          In der Bundesliga startete seine Trainerkarriere Anfang der 1990er Jahre in Dortmund. Bilderstrecke

          In all den Jahren seit dem Sommer 2014 hat er nie der Versuchung erlegen, sein Rentner-Leben aufzugeben. Sein früherer Klub Borussia Dortmund hatte in der sportlichen Krise vor rund einem Jahr mal angefragt, Hitzfeld hat das bereits einige Male erzählt. Aber anders als etwa Jupp Heynckes hat sich Hitzfeld nie überreden lassen. „Das habe ich mir vorgenommen, dass es endgültig ist. Dass, egal welches Angebot kommt: Ich werde nicht mehr Trainer sein“, sagt er. Trotzdem kommen auch jetzt noch immer wieder Anfragen aus aller Welt herein.

          Michael Henke glaubt, sein ehemaliger Chef Hitzfeld könnte sich auch heute noch als Trainer international behaupten. „Wenn er die Power und die Lust hätte, würde Ottmar auch heute bei jedem Verein der Welt funktionieren – davon bin ich felsenfest überzeugt“, sagte er dem Sportbuzzer. Henke war über zwölf Jahre als Hitzfelds Assistent tätig. „Wir haben unsere Autoritäten immer gegenseitig akzeptiert. Für mich war es klar, dass er immer die letzte Entscheidung trifft, aber wir hatten keine Geheimnisse voreinander, es gab praktisch keinerlei Tabus“, sagte Henke über Hitzfeld. Nur von seinem Burnout habe Hitzfeld ihm erst nach seiner Entscheidung erzählt. „Nein, er hat sich das überhaupt nicht anmerken lassen. Er hat mich nach dem Champions-League-Sieg mit dem BVB informiert, dass er aufhört, weil er ausgebrannt ist.“

          Es gibt ja auch nicht so viele Rentner, die zwei Champions-League-Siege und etliche weitere Titel in ihrer Vita stehen haben. Dennoch lässt sich Hitzfeld auch von hochlukrativen Offerten aus Fernost nicht beeindrucken. „Er ist ein unglaublich disziplinierter Mensch“, sagt sein langjähriger Weggefährte und Freund Michael Meier. Als ehemaliger BVB-Manager hat Meier den damals 42 Jahre alte Hitzfeld von den Grasshoppers Zürich nach Dortmund geholt und ihm so den Weg zu einer außergewöhnlichen Laufbahn geebnet.

          „Ich habe selten einen Trainer erlebt, der so eine klare Karriereplanung hatte. Er hat mir schon 1991 bei unserem Gespräch in Dortmund gesagt, dass er zum Ende seiner Karriere Nationaltrainer der Schweiz wird“, erzählt Meier. Tatsächlich kommt es 2008 so, dass Hitzfeld die Schweizer übernimmt und nach seinem Ende als Nationalcoach 2014 seine Laufbahn beendet. „Seine Führungsqualitäten“, das sei ihm am meisten in Erinnerung geblieben vom Trainer Hitzfeld, sagt Meier.

          Hitzfeld hat sich nie etwas aufdrängen oder sich von Dingen beeinflussen lassen, von denen er nicht überzeugt war. 2004 hätte er Bundestrainer werden können, der wohl begehrteste Posten im deutschen Fußball. Doch Hitzfeld sagte wegen eines Burnouts ab. Er habe zu der Zeit Medikamente bekommen, sich zurückgezogen, sei auch depressiv gewesen, erzählt er. Real Madrid wollte ihn mehrfach haben, aber auch das passte nie zu Hitzfelds Karriereplanung. „Das war beides sehr wichtig, dass ich den Mut hatte, abzusagen“, sagt er. Er bereut gar nichts. „Ich habe nie an mir gezweifelt. Ich bin mit mir im Reinen.“ Hitzfeld erzählt das mit der Lockerheit eines glücklichen Mannes, bei dem alles so gelaufen ist, wie er es geplant hat. Er wusste ja schließlich schon 1991, wie alles enden würde.

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