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Faeser-Kritik an DFB-Direktor : „Völler sollte nicht die Arbeit für die FIFA machen“

Innenministerin Nancy Faeser steht mit „One Love“-Binde beim WM-Spiel gegen Japan auf der Tribüne in Doha. Bild: Pictuer Alliance

DFB-Präsident Bernd Neuendorf distanziert sich von der „One Love“-Aktion der Innenministerin bei der WM, auch der neue Direktor Rudi Völler übt Kritik. Die Antwort von Nancy Faeser ist deutlich.

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          Eigentlich ist nicht erst nach dem Debakel bei der Weltmeisterschaft in Qatar im deutschen Fußball dringend ein Blick in die Zukunft geboten. Dafür setzte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Bernd Neuendorf, eine Arbeitsgruppe ein. Die Männerrunde mit ihm, Oliver Kahn, Karl-Heinz Rummenigge, Oliver Mintzlaff, Matthias Sammer, Hans-Joachim Watzke und Rudi Völler sollte zuvorderst einen Nachfolger für Oliver Bierhoff finden, der den Verband verlassen hatte nach 18 Jahren und der WM. Das gelang ihr – in den eigenen Reihen und auf erstaunlichem Wege.

          Tobias Rabe
          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Einen richtigen Prozess bei der Personalauswahl habe es gar nicht gegeben, wie Watzke freimütig erzählte. „Wir haben zusammengesessen“, sagte der DFB-Vizepräsident. „Und ja, dann siehst du die Runde da und dann habe ich spontan einfach mal gesagt: ‚Rudi, das wäre doch eigentlich was für dich.‘ Wir sind ja auch eher so Bauchmenschen. Und dann war jetzt mal der Stein im Wasser.“ Rudi Völler, eigentlich Fußball-Frührentner, nahm sich ein bisschen Zeit und sagte zur Freude der Runde dann zu: „Wenn ihr das alle befürwortet, dann bin ich bereit.“

          „Ich will nicht immer von früher erzählen“

          Und so saß Völler, der neue Direktor aus dem Bauch, am Freitagmittag, eingerahmt von Watzke und Neuendorf, auf dem Podium auf dem DFB-Campus, den Bierhoff maßgeblich mitgestaltet hatte, und redete vage über seine Pläne mit der Nationalmannschaft für die 18 Monate bis zum Ende der Europameisterschaft. Dabei griff der 62-Jährige auf seine immensen Erfahrungen als Nationalspieler, Teamchef und Funktionär bei Bayer Leverkusen zurück, bis er sich nach all den Verweisen auf die Vergangenheit selbst stoppte: „Ich will nicht immer von früher erzählen.“

          Ein Thema aus der nahen Vergangenheit ist die Debatte um die „One Love“-Kapitänsbinde. Auch die war am Freitag nochmal ein Thema bei der Aufarbeitung der rundum misslungenen WM. Präsident Neuendorf sprach im Rückblick über den Trubel, den das Verbot des Weltverbandes FIFA kurz vor dem ersten deutschen Spiel gegen Japan ausgelöst hatte. Plötzlich stand nicht mehr die Partie und die Vorbereitung darauf im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie man reagiert. Kapitän Manuel Neuer lief mit einer FIFA-Binde auf, die Mannschaft hielt sich beim Foto den Mund zu. Nicht wenige sahen in der Ablenkung vom Sportlichen einen Grund für die abermals vermaledeite WM-Kampagne der Deutschen.

          Innenministerin Nancy Faeser saß beim Japan-Spiel in Doha auf der Tribüne neben FIFA-Präsident Gianni Infantino und hatte die „One Love“-Binde am linken Oberarm. DFB-Präsident Neuendorf distanzierte sich bei der Pressekonferenz am Freitag von der Aktion Faesers. „Die Innenministerin hat eine Entscheidung getroffen. Das ist ihre Entscheidung gewesen, die in keinster Weise und in irgendeiner Form mit uns abgesprochen war.“ Auch Völler, damals noch nicht in Diensten des DFB, äußerte sich im Rückblick nun deutlich als er über „das ganze Theater in Qatar um die Binde“, bei dem „wir keine gute Rolle gespielt haben“ und sagte: „Auch unsere Innenministerin hätte das ein oder andere lassen sollen.“

          Am Tag danach folgte ein scharfer Konter von Faeser auf die Aussagen von DFB-Präsident und DFB-Direktor, der offiziell erst am 1. Februar seinen Posten antritt. „Ich denke nicht, dass Rudi Völler die Arbeit für die FIFA machen sollte. Das war eine Aktion als Protest gegen die FIFA und nicht gegen Qatar“, erklärte die SPD-Politikerin am Samstag beim Neujahrsempfang des Deutschen Olympischen Sportbundes in Frankfurt. „Es war für mich wichtig, dort Haltung zu zeigen. Die „One-Love“-Binde hatte ich natürlich vom Deutschen Fußball-Bund. Von wem sonst?“

          Zuvor hatte Faeser schon im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ihre Gründe für ihr Verhalten bei der WM erklärt. „Ich wollte ein Zeichen setzen für Vielfalt, für Frauenrechte, für Rechte von Homosexuellen. Und gegen die FIFA, die den Spielern Strafen angedroht hatte, wenn sie diese One-Love-Armbinde tragen“, sagte sie. „Das war nichts, das ich mir ewig lange überlegt hatte.“ Sie habe die Binde auf der Tribüne getragen, „weil für mich als Sportministerin entscheidend ist, dass wir große politische Fragen nicht auf dem Rücken der Spieler austragen.“

          In Qatar kam die Aktion der deutschen Ministerin gar nicht gut an. Die Einheimischen bezogen sie auf sich. Mancher spöttelte, man wolle sehen, ob die Deutschen noch so eine Binde tragen, wenn sie den nächsten Gas­deal unterzeichnen. War Faesers Aktion also Show? „Diese ganze WM sollte eine glänzende Show von Qatar und der FIFA sein“, antwortete sie im F.A.S.-Interview. „Das ist ihnen nicht gelungen, viele Fans haben sich abgewandt, und die Menschenrechtslage im Land wurde zu einem großen Thema.“ Nach der Show solle man deshalb wohl eher dort fragen.

          Unabhängig von der deutlichen Kritik an Völler für seine Aussagen begrüßte Faeser allerdings am Samstag auch, dass der DFB seinen früheren Nationalstürmer und Weltmeister von 1990 engagiert hat. „Ich freue mich, dass Rudi Völler die Aufgabe übernommen hat. Ich glaube, dass er dazu beitragen wird, dass es einen Neustart beim DFB geben wird“, sagte die Ministerin.

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