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DFB-Team in Niederlanden : „Wir sehen da keine Grenzen mehr“

Oliver Bierhoff kontert die Kritik an der Quartierwahl des DFB-Teams. Bild: dpa

Neben dem Fehlen von Bundestrainer Joachim Löw gibt es für das DFB-Team noch einen ungewöhnlichen Umstand: das Quartier in den Niederlanden. Oliver Bierhoff wischt die Bedenken einigermaßen empört zur Seite.

          Dass Joachim Löw entlassen wird, wäre unter anderen Umständen eine schlechte Nachricht für den Bundestrainer. In diesem Fall aber ist es eine gute – es heißt, Löw habe die Freiburger Universitätsklinik, wo er seit Ende vergangener Woche wegen einer Arterienquetschung in Folge eines Sportunfalls stationär beobachtet wurde, nun wieder verlassen.

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          Am Montag berichtete Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff jedenfalls von einem offenbar beruhigenden Telefonat mit dem Bundestrainer. „Es geht ihm sehr gut“, sagte Bierhoff. „Man kann an seiner Stimme hören, wie entspannt und ruhig er ist.“ Zwar müsse man den Ärzten vertrauen, die zur Vorsicht geraten hätten, fügte Bierhoff hinzu, „das Wichtigste ist die Gesundheit, das eigene Leben“. Aber in seiner Schilderung klang es schon mal nach Entwarnung, als er über den abwesenden Löw sagte: „Er könnte auch hier sein.“

          Hier – das war der Businessbereich im Stadion „De Koel“ des niederländischen Erstligaklubs VVV Venlo. Dorthin, kurz hinter die Grenze zum Nachbarland, hat sich die Fußball-Nationalmannschaft zur Sammlung und Vorbereitung auf die beiden EM-Qualifikationsspiele am Samstag gegen Weißrussland in Baryssau (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur EM-Qualifikation und bei RTL) und drei Tage später gegen Estland in Mainz (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur EM-Qualifikation und bei RTL) zurückgezogen. Was neben der Abwesenheit Löws der zweite ungewöhnliche Umstand in einer insgesamt ziemlich ungewöhnlichen Woche für das Nationalteam ist. Nach Darstellung Bierhoffs steckt eine etwas vertrackte Kausalkette hinter der Quartierwahl abseits der Heimat.

          Ausgangspunkt sei der Wunsch gewesen, sich in Aachen den Fans bei einer öffentlichen Einheit zu präsentieren. Weil es in der näheren Umgebung in Deutschland keine passenden Hotels gegeben habe, sei man auf Venlo gekommen, und den zugegeben etwas folkloristischen Einwand, ob es denn ausgerechnet beim fußballerischen Erzrivalen sein müsse, wischte Bierhoff im Gestus eines überzeugten Europäers (und obendrein einigermaßen empört) zur Seite: „Wir sehen da keine Grenzen mehr.“

          Was allerdings nicht die Frage beantwortete, warum die Wahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) bei der Suche nach einem Spielort jenseits der Hochburgen auf Aachen fiel. Neben Fan-Nähe soll das öffentliche Trainingsspiel am Mittwoch auch Aufmerksamkeit für die Stiftungen des DFB generieren, da das jährliche Benefizspiel nach den neuen Fernsehverträgen nicht mehr möglich sei. In diesem Zusammenhang erwähnte Bierhoff auch, dass Egidius Braun, der frühere DFB-Präsident und Stiftungspatron, aus Aachen stamme.

          Die 30.000 kostenlosen Karten für das „Fan-Spiel“ am Tivoli, das obendrein live bei RTL Nitro übertragen wird, sind jedenfalls vergeben. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer wird dann neben dem verjüngten Team auch Marcus Sorg gehören. Er nahm am Montag auf dem Pressepodium den Chefplatz zwischen Bierhoff und Torwarttrainer Andreas Köpke ein. Sorg, 53 Jahre alt, seit 2013 in Diensten des DFB und seit März 2016 Mitglied des Trainerteams der Nationalmannschaft, ist der Mann, der in dieser Arbeitswoche die Geschäfte führt.

          Und er ließ keinen Zweifel daran, dass er dies ganz im Sinne und in enger Abstimmung mit seinem Chef zu tun gedenke. Deren fernmündlicher Charakter, per Telefon, ändere nichts an der Sache an sich – und auch nicht an der Hierarchie. „Natürlich“, sagte Sorg, „hat der Bundestrainer das letzte Wort.“ Bierhoff stellte dem Stellvertreter – was auch sonst – ein exzellentes Zeugnis aus. Sorg sei ein „Vollbluttrainer“, der über „vielfältige Erfahrung“ verfüge, „gerne Entscheidungen trifft“ und den „Mut zu klaren Vorstellungen“ habe.

          Tatsächlich hat sich der gebürtige Ulmer, der ein ziemlich unglückliches Intermezzo als Bundesligatrainer hinter sich hat, 2011 in Freiburg, beim Nationalteam schnell und gut eingearbeitet, seit er auf Empfehlung von Hansi Flick 2016 zum Team stieß. Als es nach der missratenen WM 2018 mitsamt den aus dem Ruder gelaufenen internen Kommunikationsstrukturen darum ging, sich von einem Ko-Trainer zu trennen, traf es nicht ihn, sondern Thomas Schneider, der schon länger dabei war. Sorg, der nach außen einen offeneren und weit weniger vorsichtigen Eindruck macht als Schneider, hat sich offenbar auch intern im Dialog mit Löw schärfer profiliert – dessen Erkenntnis und Einsicht, dass das auch nötig war, kam für Russland allerdings zu spät.

          DFB-Co-Trainer Marcus Sorg und Torwarttrainer Andreas Köpke auf der Pressekonferenz vor dem EM-Qualifikations-Spiel gegen Weißrussland.

          Als Ziele für die Woche formulierte Sorg neben zwei Siegen, die „über allem“ stünden, weitere Fortschritte bei der zuletzt mit dem Sieg in den Niederlanden auf einen guten Weg gebrachten Neuausrichtung des Nationalteams. „Ich fühle mich sicher und wohl. Ich bin seit 20 Jahren hauptberuflich Trainer. Ich bin es gewohnt, vor einer Gruppe zu sprechen und Entscheidungen zu treffen“, sagte Sorg. Er sei zuversichtlich, dass er die Aufgabe „zur maximalen Zufriedenheit des Bundestrainers erfüllen“ könne. Der im Übrigen nach Lage der Dinge auch keinen heimtückischen Angriff auf seinen Job fürchten muss.

          Am Montag schwirrte kurz der Name Kuno Klötzer durch den Raum, als Beispiel für einen Chef, aus dessen vorübergehender Abwesenheit eine dauerhafte wurde – 1981 war das, als Klötzer nach einem Verkehrsunfall arbeitsunfähig war und bei Werder Bremen von einem gewissen Otto Rehhagel so gut vertreten wurde, dass daraus vierzehn Jahre wurden. Sorg schien auf vieles vorbereitet, auf diese Frage aber nicht. „Versprechen brauche ich ihm das mit Sicherheit nicht“, sagte er und lachte. „Da habe ich gar keine Intention, in gar keiner Weise.“

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