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Oliver Bierhoff im Gespräch : „Wir sind DIE Mannschaft Deutschlands“

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So sehen Sieger aus: Manager Oliver Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw Bild: Picture-Alliance

Oliver Bierhoff hat den WM-Triumph zehn Jahre lang geplant. Der Manager der Nationalelf spricht im Interview über die Wucht des Erfolgs von Rio, sympathische Weltmeister und die Erfolgsformel der Zukunft.

          13 Min.

          Was war für Sie der emotional wertvollste Moment bei der WM?

          Der Abpfiff. Ich glaube an Energien, an Spannungen und Stimmungen. Und in diesem Moment des Abpfiffs war so eine unglaubliche Verbundenheit unter uns allen da, und auch Dankbarkeit. Das war total zu spüren. Bei einigen Spielern, vor allem bei denen, die schon 2006 dabei waren, habe ich auch die Erleichterung gesehen: Jetzt kann uns niemand mehr vorhalten, dass wir eine Mannschaft sind, die nicht gewinnen kann; dass wir eine goldene Generation ohne Titel sind. Das war für mich der Moment der WM. Es gab aber auch im Campo Bahia noch einen ganz besonderen Moment. In diesem Augenblick fand dort das Leben genau so statt, wie ich es mir erträumt hatte. Es war der Tag nach einem Spiel. Per Mertesacker bereitet das Eisbecken am Pool vor; der Scout sitzt mit einem Spieler draußen und geht mit ihm die Partie durch; Mesut Özil spielt mit den Zwillingen von Jerome Boateng. Alles war fließend. Da kam Hansi Flick zu mir und sagte: „Schau dir das an. Oliver, wir sind eine Familie.“

          Warum war Ihnen das so wichtig?

          Arbeiten. Entspannen. Miteinander sein. Trotzdem jedem seinen Freiraum lassen. Das war perfekt, das war die moderne Arbeitswelt. Und da habe ich gemerkt: Es läuft hier.

          Sie haben bei der EM 1996 im Finale beide Tore zum letzten deutschen Titel vor der WM 2014 beigesteuert. Wie unterscheiden sich die Momente des Triumphs?

          1996 ist es einfach passiert. Ich war völlig unbedarft, hatte ja nicht mal damit gerechnet, im Finale überhaupt zu spielen. Aber dann gerieten wir in Rückstand. Ich kam rein – und dann ist es eben so geschehen. Als der Schlusspfiff kam, habe ich gar nichts kapiert. Ich war nur froh. Und beeindruckt von der Kulisse. Eigentlich habe ich aber immer noch in meiner kleinen Welt gelebt. Erst am nächsten Morgen habe ich im Frühstücksfernsehen gesehen, was in Deutschland passiert ist. Der Erfolg in Brasilien dagegen war, wenn man so will, zehn Jahre geplant. Wir haben uns im Vorfeld so viele Gedanken gemacht, wie die Puzzleteile zusammenpassen. Und ganz heftig war es dann zwischen Halbfinale und Finale. Man kann sich nicht vorstellen, was da alles lief. Jeder will was, wirklich jeder. Wir hatten natürlich viele Dinge schon vor der WM geklärt, hatten unterschiedliche Szenarien durchgespielt, um vorbereitet zu sein. Das darf ich Jogi gar nicht sagen: Das Gewinner-Shirt war fertig, der Siegerflug geblockt. Zwei Wochen vor dem Endspiel stand schon die Einladungsliste, die Feier in Berlin war weitgehend geplant. Ich wusste beim Abpfiff also, was wir vorher alles dafür gemacht hatten – und was noch kommen würde. Den Moment dieses Sieges habe ich in Rio viel bewusster erlebt. 1996 flog alles ganz schnell an mir vorbei. Diesmal habe ich mir sagen können: Versuche den Moment festzuhalten, alles aufzusaugen. Das war ganz besonders.

          Ist das gelungen?

          Weitgehend. Aber irgendwann ist die Festplatte voll, es passt einfach nichts mehr drauf.

          1996 hat der Römerberg in Frankfurt gereicht, in Berlin haben zwei Millionen Menschen gefeiert. Macht das nicht auch Angst?

          Angst nicht unbedingt, aber dieser Wucht muss man sich erst mal bewusst werden. Es ist Wahnsinn. Man kann eigentlich gar nicht fassen, was da passiert ist. Als wir nach Berlin zurückkamen, habe ich gedacht, das ist so wie bei der Präsidenten-Parade in den USA, wo auch die ganze Stadt, das ganze Land auf den Beinen und vor dem Fernseher ist. 2006 war noch ganz anders. Da sind wir zu einer Veranstaltung gefahren, wo uns auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor zugejubelt wurde. Diesmal standen die Menschen überall in der Stadt. Sie haben aufgehört zu arbeiten. Auf Baugerüsten, auf den Bürgersteigen, in den Fenstern, vor und hinter uns auf der Straße. Und alle waren glücklich. Alles stand still. Ich will jetzt nicht sagen, dass die Bedeutung beängstigend ist, aber sie ist so gewaltig, dass man sich schon fragt, ob man ihr überhaupt noch gerecht werden kann.

          „Diese Mannschaft spiegelt den Zeitgeist“ -  sagt Oliver Bierhoff

          Gerade junge Spieler müssten solche Erfahrungen doch geradezu verrückt machen.

          Ich habe im November, als wir beim Bundespräsidenten und bei der Filmpremiere waren, auch bei Spielern gemerkt, die wie Thomas Müller oder Manuel Neuer in vielerlei Hinsicht absolut belastbar sind, dass auch sie am Limit waren. Man kann nicht mehr aufnehmen, was in diesen WM-Erfolg alles hineininterpretiert oder wie er zusätzlich aufgeladen wird – ganz abgesehen vom x-ten Selfie aus dem Bus. Natürlich kann man jetzt einwenden: Das sind die Geister, die du gerufen hast.

          Hätten wir nicht besser formulieren können...

          Ich entziehe mich dem Vorwurf nicht. Seit zehn Jahren versuche ich, die Bedeutung der Nationalmannschaft für das Land aufzuzeigen. Aber man darf die Spieler trotzdem nicht überfordern.

          Warum nehmen Sie dann bei der Nationalelf hin, dass ein Spieler wie Marco Reus jahrelang ohne Führerschein fährt, wofür er über eine halbe Million Euro Strafe zahlen muss?

          Fahren ohne Führerschein ist unverantwortlich. Gut, dass niemand Schaden genommen hat. Marco ist einsichtig, und er ist bestraft worden. Er hat einen großen Fehler gemacht, er sagt selbst, dass es dafür keine Erklärung gibt. Der Anspruch an unsere Nationalspieler ist sehr hoch, daran erinnern wir sie auch immer wieder und fordern mit Blick auf gewisse Verhaltensweisen und Werte auch viel ein. Das heißt aber nicht, dass unsere Spieler frei sind von Fehlern, da schließe ich uns mit ein. Für mich entscheidend ist, wie mit diesen Fehlern umgegangen wird und welche Lehren man daraus zieht. Während unserer Zusammenkünfte bei der Nationalmannschaft hat sich Marco stets tadellos verhalten, er hat ein großes Herz, bringt sich für die Gemeinschaft ein. Das muss neben seinen fußballerischen Qualitäten, die völlig außer Frage stehen, auch eine Rolle spielen. Er hat die Chance verdient zu zeigen, dass er aus diesem Vorgang die richtigen Konsequenzen zieht. Auch bei uns in der Nationalmannschaft werden wir ihn weiter dabei unterstützen.

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          Was muss eigentlich geschehen, dass ein Spieler kein Vorbild mehr für den DFB ist – und selbst für einen kürzeren Zeitraum mal aus der Nationalmannschaft fliegt? Bei Großkreutz hatten Sie und der Bundestrainer doch schon eine letzte Warnung ausgesprochen.

          Da kann man keinen Katalog aufstellen, das hängt immer von der Situation ab. Aber mir ist bei der Bewertung schon die Frage wichtig, ob es generell an uns wichtigen Werten und Prinzipien fehlt. Das ist bei Marco keineswegs der Fall. Über die momentane Situation von Marco Reus hinaus wäre es vielleicht sinnvoll, wenn wir uns mal grundsätzlich Gedanken darüber machen, ob nicht nur unsere Spieler, sondern auch Politiker und Wirtschaftsbosse diesen Anforderungen, auch bezogen auf ein fehlerfreies Privatleben, überhaupt noch gerecht werden können.

          Wir finden: Die Nationalelf hat sehr hohe Ansprüche an sich selbst – und zieht im konkreten Fall dann doch keine Konsequenzen. Wir erinnern nur an die vom DFB mitfinanzierte Studie, in der die Nationalelf zur vierten Macht im Staat ausgerufen wurde.

          Das hat sich bei der WM auch bestätigt. Die Entwicklung der Nationalmannschaft in den vergangenen zehn Jahren ist ein Prozess, und diesen Prozess möchte ich jetzt auch nicht an einem einzigen Bild festmachen. Ein Beispiel für die Veränderungen sind im Kleinen die Autogrammkarten. Erst haben wir sie heroenhaft gestalten lassen, dann sollten die Spieler stark wirken. Jetzt habe ich gesagt: Wir müssen wieder freundlicher werden, sympathisch sein, Freude zeigen, im wahrsten Sinne des Wortes strahlen. Auch das sind Wellenbewegungen. Immer nur Vollgas geht nicht. Gerade im nächsten Jahr ohne Turnier kann man ruhig etwas dämpfen, da kann alles etwas leiser sein. Aber mein Anspruch lautet schon, dass wir weiterhin die Mannschaft Deutschlands sind. Ich bin mir bewusst, dass diese Messlatte hoch liegt. Trotz des Erfolgs müssen die Leute spüren, dass es auch Normalität gibt – ohne dass es aufgesetzt wirkt. Authentizität. Wir wollen einen Spot machen, und mein Satz dafür wäre: Danke für die Liebe.

          Und das ist nicht aufgesetzt?

          Genau dieses Gefühl der Zuneigung und Liebe haben wir von den Leuten erfahren. Wir wollen zeigen, dass uns der Erfolg nicht von den Fans und Zuschauern und aktiven Fußballern entfernt, sondern dass wir uns näherkommen.

          Und diese Nähe drückt sich dann durch Selfies der Weltmeister in den sozialen Netzwerken aus?

          Zugegeben, das sind manchmal schon Trivialitäten, die in die Welt hinausposaunt werden. Ich bin ja inzwischen auch schon etwas älter und frage mich: Was bedeutet das für das Leben nicht nur der Spieler, sondern von allen jungen Leuten, die ihre Selfies posten? Das ist doch eine ununterbrochene Selbstdokumentation. Man muss demnach immer im Schlaraffenland leben – und alles muss gefiltert sein. Man stellt sich auf diesen Selfies ja immer ganz toll dar: im Sonnenuntergang, mit Pokal, immer cool, immer happy. Schlecht geht es einem auf diesen Bildern nie. Aber die Realität sieht eben anders aus.

          Was sollten uns die Weltmeister 2014 stattdessen sagen?

          Diese WM hat noch mal etwas verändert im Land. 2006 war ein Durchbruch. Damals konnten erstmals wieder nationale Symbole gelebt werden – mit Würde, fröhlich und stolz, ohne Aggression und Arroganz. Wir haben die Fahne rausgehängt und die Nationalhymne gesungen. Bis 2006 hatten in Deutschland ja vor allem Gruppierungen die Hymne gesungen, zu denen man nicht gehören wollte. 2006 waren wir gute Gastgeber. Wir haben gezeigt, dass auch wir feiern und lachen und stolz auf unser Land sind. Und wir haben – das meine ich jetzt ironisch – die anderen auch mal gewinnen lassen – und sind trotz dieser schmerzlichen Niederlage im Halbfinale bis zum Endspiel gute, weltoffene, herzliche Gastgeber geblieben. 2014 ist noch etwas passiert. Im Ausland habe ich seitdem immer wieder gehört: Ihr habt ’ne Supertruppe, die Jungs haben sich so toll gegeben, das war so sympathisch – und erst ganz am Ende hieß es: ihr seid übrigens auch die Besten gewesen, der Titel war verdient. Der sportliche Aspekt ist nach hinten gerutscht, das Auftreten stand im Vordergrund.

          „Freude zeigen, im wahrsten Sinne des Wortes strahlen“ - so sieht Oliver Bierhoff die Nationalmannschaft

          Was wollen Sie damit sagen?

          Diese Mannschaft spiegelt den Zeitgeist: Die Bedeutung der „soft skills“, der weichen, eher als feminin angesehenen Faktoren wie Kreativität, Empathie, Demut steigt in unserer Gesellschaft. Das Spiel gegen Brasilien war für diese Wahrnehmung ganz entscheidend. Wir haben das 7:1 eben nicht riesig gefeiert, sondern den Gegner in den Arm genommen und getröstet. Wir sind nicht abgehoben, sondern haben gesagt: Das war nur ein weiterer Schritt. In dem Moment waren wir selbst im Sieg nicht mehr die hässlichen Deutschen. Das ist ein Gefühl, das erst diese junge Generation verströmt.

          Was entdecken Sie noch an symbolischem Kapital in diesem Erfolg?

          Obwohl Mario Götze das goldene Tor geschossen hat, obwohl Manuel Neuer zum Riesen wurde: Jeder spricht von der Mannschaft. Und das sagen wir gar nicht mehr ausdrücklich wie 1996 bei Berti Vogts, als es damals hieß: Der Star ist die Mannschaft. Intern hat 2014 niemand gesagt: Elf Freunde müssen wir sein. Das ist alles so gewachsen.

          Was soll die Mannschaft nach dem Titelgewinn verkörpern?

          Man muss sich auch als Mannschaft immer neu erfinden. Es ist schwer, das in einem Begriff zu bringen, aber es geht darum: Wir sind diejenigen, die die Leistung auf Topniveau bestätigen und sogar noch erhöhen können. Bis 2012 hat man ja nie gesagt: Ihr müsst Titel gewinnen. Bis 2010 waren es ja noch die jungen Wilden. Aber nach der EM 2012 war die Enttäuschung da. In Polen und der Ukraine spürte man bei den Spielern, dass sie in das Turnier mit dem Gefühl gingen, als stünde ihnen etwas zu. Jeder war mit sich beschäftigt. Jeder hat seinen Platz gesucht. Und manchmal, wenn einer nicht spielte, dann hat er lamentiert. Jeder wusste auch: Vom Potential her müssen wir gegen Italien gewinnen. Aber wir haben das Halbfinale verloren. Das hat zu einer sehr schmerzlichen Enttäuschung bei den Fans geführt, bei uns ja auch. Und ganz egal, wie Turniere laufen können: Auch wir haben verstanden, dass wir im Halbfinale versagt haben. 2014 hat man vom ersten Tag an gespürt, dass jeder gesagt hat: Das ist mein Turnier, ich lasse mich durch nichts von meinem großen Ziel abbringen.

          Die Schmerzen gegen Italien oder beim 4:4 gegen Schweden waren notwendig, um Weltmeister zu werden?

          Wir können bei der WM jeden Spieler durchgehen – jeder hatte Probleme. All diese Schwierigkeiten wurden diskutiert, aber es ging nie so weit, dass sich jemand hängenließ. Manuel Neuer war vor dem ersten Spiel verletzt. Ich habe ihn in dieser Zeit ganz anders kennengelernt. Er war in sich gekehrt, nicht so offen wie sonst. Auch intern war die Frage: Ist der Einsatz zu riskant? Er hätte sich ja gleich wieder an der Schulter verletzen können. Oder Jérôme Boateng: Er spielte rechts. Das wollte er nie. Er wollte Innenverteidiger spielen. Er war unzufrieden. Oder Mats Hummels: Verletzt sich im Viertelfinale, fällt im Halbfinale aus – da weiß man nicht, ob es für das Finale reicht. Da wird man auch als Spieler nervös. Oder Per Mertesacker: gewinnt vier Spiele und muss trotzdem raus. Da denkt man sich als Spieler: Never change a winning team. Oder Benny Höwedes: sieben Spiele als linker Verteidiger, auch nicht seine Position. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Oder Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira. Beide sind mit Verletzungsproblemen ins Turnier gegangen und hatten lange zu kämpfen. Oder Andre Schürrle: Der dachte auch, jetzt muss ich doch mal von Beginn spielen. Oder Mario Götze: Nach der Vorrunde gehörte er nicht mehr zur Startformation. So hatte jeder Spieler sein Thema – aber niemand hat es in die Mannschaft hineingetragen.

          Hatten Sie im Nachhinein auch mal Angst während des Turniers, etwa gegen Algerien?

          Ich hatte bei dem Spiel schon Ereignisse wie Schweden im Kopf. Ich kenne zwar die Klasse unserer Spieler, aber trotzdem passieren manchmal Dinge, die man nicht erklären kann. Komischerweise hatte ich da trotzdem keine Angst. Und bei jedem großen Turnier gibt es immer auch ein schmutziges Spiel, das man durchstehen muss. Bei uns war es Algerien. Ich hatte zwar kurz den Gedanken, wenn Manuel einmal zu spät kommt, und Rot sieht, dass wir dann ein Problem haben. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass wir es packen. Und auch wenn es keiner hören will: Algerien war wirklich der unangenehmste Gegner von allen bei der WM, Brasilien war am leichtesten. Während des gesamten Turniers gab es nicht einen Augenblick, in dem ich pessimistisch gewesen wäre. Später habe ich mir noch mal das Finale gegen Argentinien angesehen: Mein Gott, was hatten die für Chancen. Aber während des Spiels habe ich den Pokal immer in unseren Händen gesehen. Wir hatten immer ein bisschen mehr vom Spiel: so wie die Italiener 2006 gegen uns oder die Spanier 2008 und 2010.

          Neuer riskiert gegen Algerien auf dem Platz Kopf und Kragen und kann zum großen Verlierer der WM werden – und Mertesacker verteidigt danach im ZDF das Team, wie man das bei Fernsehinterviews selten gesehen hat. Waren das die entscheidenden Momente für das Team?

          Das Interview mit Per war sicher einer der Knackpunkte in der öffentlichen Wahrnehmung. Die Fans haben gemerkt: Die meinen es wirklich ernst. Die kämpfen. Die geben alles. Und intern hat die Mannschaft nach Manuels Spiel natürlich auch gemerkt, dass er alles riskiert für das Team. Wer Manuel kennt, weiß aber auch, dass er daran riesig Spaß hat. Es war auch für ihn ganz wichtig, dass er dem Team zeigen konnte: Ich schiebe euch an. Und dieses Spiel war zudem ein unglaubliches Zeichen an alle Gegner. Ich glaube, dass Higuaín deswegen im Finale die große Chance vergeben hat.

          Neben dem ideellen und emotionalen Wert des Titels: Was bringt eine WM dem DFB in der Kasse?

          Es gibt immer einen wirtschaftlichen Nutzen nach einem erfolgreichen Titel. Das fängt bei der höchstmöglichen WM-Prämie von 35 Millionen US-Dollar an, die wir von der Fifa erhalten haben. Da haben wir alleine einen Gewinn von 3,8 Millionen Euro erwirtschaftet, den wir mit der Liga geteilt haben. Die Trikots haben sich mit drei Millionen unglaublich verkauft, dazu die anderen Merchandising-Produkte.

          Grenzen der Belastbarkeit: „Man kann nicht mehr aufnehmen, was in diesem WM-Sieg alles hineininterpretiert wurde oder wie er zusätzlich aufgeladen wird“

          Wie viel Prozent bringt der WM-Titel?

          Das kann man auf Heller und Pfennig gar nicht exakt beziffern, darum geht es doch auch gar nicht. Viel wichtiger ist doch: Durch den WM-Titel und die Entscheidung für die Akademie, dazu die Bewerbung für die EM 2024, unsere Kampagnen für den Amateurfußball und unser soziales Engagement können wir großen Schwung aufbauen. Wir haben die Möglichkeit, ein neues Bild des DFB zu schaffen. Früher wurde doch der DFB als schwerfälliger Verwaltungsapparat wahrgenommen. Das Image hat sich seit Jahren verbessert. Jetzt haben wir die Chance, den DFB als das darzustellen, was er ist: ein junger, dynamischen Verband, der nach Leistung strebt, zukunftsorientiert arbeitet und den Fußball in all seiner Bandbreite entwickelt – und dabei stets auch die Basis im Blick behält. Da steckt viel Potential drin, auch hinsichtlich der Vermarktung. Ende 2018 soll die Akademie stehen, und alle neuen Verträge, die nach 2018 abgeschlossen werden, wollen wir ganz neu aufstellen.

          Wie soll man sich diese Verknüpfung mit der Akademie vorstellen?

          Wir haben mit der Akademie ein neues sportliches Zuhause. Aber die Akademie wird auch einen Namen haben. Da muss man offen diskutieren, ob sie DFB-Akademie heißt. Oder ein Namensrecht wie das Trainingsgelände bei Manchester United bekommt. Mit der Akademie können wir unseren Partnern weit mehr Inhalte bieten. Es geht dann auch um Technologie-Partnerschaften, um Forschung und Entwicklung. Oder um Aus- und Weiterbildung. Da können Partner nicht nur Geld geben, sondern sich inhaltlich einbringen, wir können gemeinsam Projekte entwickeln und umsetzen.

          Fußball ist der größte, beliebteste und gleichzeitig volksnaheste Sport in Deutschland. Muss man im Fußball nicht aufpassen, dass dort nicht alles zu groß, zu edel und zu teuer wird, wenn andere Sportarten in Deutschland ums Überleben kämpfen?

          Das ist ein Spagat. Wir müssen an die anderen Sportarten denken. Und das tun wir auch, der Solidaritätsgedanke ist immer da. Gleichzeitig müssen wir in unserem Geschäftsbereich das vorhandene Interesse nutzen. Das müssen wir schon deshalb, weil wir ein gemeinnütziger Verband sind. Wir müssen dabei aber immer den Fußball in den Mittelpunkt stellen.

          Wann werden die Fortschritte, die man sich aus der Akademie versprechen darf, im deutschen Fußball wirksam? Bei den Leistungszentren hat es rund acht Jahre gedauert.

          Wir können mit vielen Inhalten schon jetzt loslegen. Und mit Hansi Flick haben wir einen Sportdirektor, der kompetent ist und sehr integrativ wirken kann – und mit dem wir hoffentlich über längere Zeit auch eine Konstanz haben werden. Aber es ist schon richtig, dass die Akademie mindestens zwei, drei Jahre richtig laufen muss, um valide Ergebnisse zu erhalten.

          Sie haben viele Jahre für die Akademie gekämpft. Kommt sie 2018 nicht schon ein bisschen spät?

          Generation Selfie: Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger nach dem gewonnen WM-Finale

          Ich setze mich schon fünf, sechs Jahre für die Akademie ein. Es ist absolut notwendig, dass sie kommt. Wir haben viele hervorragende Persönlichkeiten und Experten im deutschen Fußball und viel Wissen. Aber der Dialog ist unterentwickelt, und die Ergebnisse werden nicht systematisiert. Der Ausgangspunkt war für mich immer die Kommunikation. Die müssen wir unbedingt erhöhen. Vieles geschieht jetzt noch zufällig. Das Etablieren der Leistungszentren bedeutete einen Quantensprung in der Ausbildung, das kann man nicht hoch genug anrechnen. Erst zehn Jahre nach dem WM-Titel von 1990 haben wir gemerkt, dass wir die Entwicklung verpasst hatten, dann mussten wir vom Jahr 2000 bis heute rund eine Milliarde in den Fußball investieren. So teuer darf es nie mehr werden. Auch heute ist noch so viel Luft nach oben in der Entwicklung. Für diesen Entwicklungssprung brauchen wir die Akademie, am besten mit einem starken Partner, mit dem wir spezifische Themen in Forschung und Entwicklung gemeinsam konkret angehen.

          Bekannte Fitnesstrainer aus Holland und Deutschland, die für Nationalmannschaften und Topteams gearbeitet haben, sagen, dass die vielen Verletzungen von Topspielern abnähmen, wenn man das Training wissenschaftsorientierter und gleichzeitig fußballspezifischer gestalten würde. Die Belastungen würden nicht abgefedert, wie das möglich sei – und dass Spieler ihre Karriere dann auch länger ausüben könnten.

          Ein Weltklasse-Thema. Gerade aufgrund der Komplexität ist dies eine der zentralen Fragenstellungen, die man in einer Akademie untersuchen müsste, wo Ausbilder, Trainer, Spieler, Physiotherapeuten und Wissenschaftler zusammenkommen. Wir müssen auf diese Fragen im Fußball Antworten finden. Die Belastungen der Spieler in der Jugend sind mittlerweile sehr hoch – und monothematisch. Die Jungs machen ab dem Alter von zehn Jahren jeden Tag die gleichen Bewegungen, mit ständigem Druck und ohne Pausen. Die Belastungen der Jugendspieler mit Schule, Junioren-Bundesliga, U-Auswahl und Youth League sind höher als die der Profis. Warum können wir nicht auch einfach sagen: Ein Jugendspieler darf nicht mehr als 45 Spiele machen. Und die müssen sich dann der Vereinstrainer und der Nationaltrainer aufteilen. Und das andere Thema: Wie trainieren wir die Jugendlichen? Auch unser Mannschaftsarzt Dr. Müller-Wohlfarth bestätigt, dass wir viele junge Spieler haben, die unter schwerwiegenden Verletzungen leiden. Oder Verletzungen haben, die es früher nicht gab.

          Um welche geht es da?

          Zum Beispiel die Schambeinverletzung von Mario Götze. Mario ist ein Paradebeispiel, wie man das auffängt. Er hat auch während der WM quasi zwölf Stunden am Tag an sich gearbeitet. Er trainiert, er pflegt sich, er befasst sich mit seiner Gesundheit. Ich glaube, solche Entwicklungen haben künftig auch Einfluss auf die Kader-Planungen der Bundesligaklubs. Die Formel, mit 26 Jahren auf Topniveau zu sein und bis 35 zu spielen, wird sich ändern. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Lionel Messi das mit 30, 32 Jahren noch machen will, wenn man wie er so lange auf so hohem Niveau spielt mit all diesen körperlichen und psychischen Belastungen. Die Spieler beklagen, nicht das Spiel sei größte Belastung. Sondern das Psychische und die Reisen. Aber wir reden hier nur über die Top 30 eines Landes. Die anderen sind nicht überbelastet.

          Was für Konsequenzen ziehen Sie daraus?

          Wir müssen stärker wissenschaftliche Erkenntnisse und die Individualisierung nutzen, um Verletzungen zu vermeiden. Aber das ist nicht einfach.

          Was hat sich verändert?

          Topspieler müssen heute totale Egoisten sein – was die Pflege ihres Körpers betrifft. Es geht für sie nur noch darum, diese Topleistung zu bringen. Die Spieler werden sich dessen immer stärker bewusst und organisieren ihr Leben darum – zum Beispiel mit Physiotherapeuten und Köchen. Oder sie mieten sich einen Privatflieger. Man kann natürlich darüber streiten, ob man es toll findet.

          Das Gespräch führten Michael Horeni und Peter Penders.

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