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Oliver Bierhoff im Gespräch : „Wir sind DIE Mannschaft Deutschlands“

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Sie haben viele Jahre für die Akademie gekämpft. Kommt sie 2018 nicht schon ein bisschen spät?

Generation Selfie: Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger nach dem gewonnen WM-Finale

Ich setze mich schon fünf, sechs Jahre für die Akademie ein. Es ist absolut notwendig, dass sie kommt. Wir haben viele hervorragende Persönlichkeiten und Experten im deutschen Fußball und viel Wissen. Aber der Dialog ist unterentwickelt, und die Ergebnisse werden nicht systematisiert. Der Ausgangspunkt war für mich immer die Kommunikation. Die müssen wir unbedingt erhöhen. Vieles geschieht jetzt noch zufällig. Das Etablieren der Leistungszentren bedeutete einen Quantensprung in der Ausbildung, das kann man nicht hoch genug anrechnen. Erst zehn Jahre nach dem WM-Titel von 1990 haben wir gemerkt, dass wir die Entwicklung verpasst hatten, dann mussten wir vom Jahr 2000 bis heute rund eine Milliarde in den Fußball investieren. So teuer darf es nie mehr werden. Auch heute ist noch so viel Luft nach oben in der Entwicklung. Für diesen Entwicklungssprung brauchen wir die Akademie, am besten mit einem starken Partner, mit dem wir spezifische Themen in Forschung und Entwicklung gemeinsam konkret angehen.

Bekannte Fitnesstrainer aus Holland und Deutschland, die für Nationalmannschaften und Topteams gearbeitet haben, sagen, dass die vielen Verletzungen von Topspielern abnähmen, wenn man das Training wissenschaftsorientierter und gleichzeitig fußballspezifischer gestalten würde. Die Belastungen würden nicht abgefedert, wie das möglich sei – und dass Spieler ihre Karriere dann auch länger ausüben könnten.

Ein Weltklasse-Thema. Gerade aufgrund der Komplexität ist dies eine der zentralen Fragenstellungen, die man in einer Akademie untersuchen müsste, wo Ausbilder, Trainer, Spieler, Physiotherapeuten und Wissenschaftler zusammenkommen. Wir müssen auf diese Fragen im Fußball Antworten finden. Die Belastungen der Spieler in der Jugend sind mittlerweile sehr hoch – und monothematisch. Die Jungs machen ab dem Alter von zehn Jahren jeden Tag die gleichen Bewegungen, mit ständigem Druck und ohne Pausen. Die Belastungen der Jugendspieler mit Schule, Junioren-Bundesliga, U-Auswahl und Youth League sind höher als die der Profis. Warum können wir nicht auch einfach sagen: Ein Jugendspieler darf nicht mehr als 45 Spiele machen. Und die müssen sich dann der Vereinstrainer und der Nationaltrainer aufteilen. Und das andere Thema: Wie trainieren wir die Jugendlichen? Auch unser Mannschaftsarzt Dr. Müller-Wohlfarth bestätigt, dass wir viele junge Spieler haben, die unter schwerwiegenden Verletzungen leiden. Oder Verletzungen haben, die es früher nicht gab.

Um welche geht es da?

Zum Beispiel die Schambeinverletzung von Mario Götze. Mario ist ein Paradebeispiel, wie man das auffängt. Er hat auch während der WM quasi zwölf Stunden am Tag an sich gearbeitet. Er trainiert, er pflegt sich, er befasst sich mit seiner Gesundheit. Ich glaube, solche Entwicklungen haben künftig auch Einfluss auf die Kader-Planungen der Bundesligaklubs. Die Formel, mit 26 Jahren auf Topniveau zu sein und bis 35 zu spielen, wird sich ändern. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Lionel Messi das mit 30, 32 Jahren noch machen will, wenn man wie er so lange auf so hohem Niveau spielt mit all diesen körperlichen und psychischen Belastungen. Die Spieler beklagen, nicht das Spiel sei größte Belastung. Sondern das Psychische und die Reisen. Aber wir reden hier nur über die Top 30 eines Landes. Die anderen sind nicht überbelastet.

Was für Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Wir müssen stärker wissenschaftliche Erkenntnisse und die Individualisierung nutzen, um Verletzungen zu vermeiden. Aber das ist nicht einfach.

Was hat sich verändert?

Topspieler müssen heute totale Egoisten sein – was die Pflege ihres Körpers betrifft. Es geht für sie nur noch darum, diese Topleistung zu bringen. Die Spieler werden sich dessen immer stärker bewusst und organisieren ihr Leben darum – zum Beispiel mit Physiotherapeuten und Köchen. Oder sie mieten sich einen Privatflieger. Man kann natürlich darüber streiten, ob man es toll findet.

Das Gespräch führten Michael Horeni und Peter Penders.

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