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Oliver Bierhoff im Gespräch : „Wir sind DIE Mannschaft Deutschlands“

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Wir können bei der WM jeden Spieler durchgehen – jeder hatte Probleme. All diese Schwierigkeiten wurden diskutiert, aber es ging nie so weit, dass sich jemand hängenließ. Manuel Neuer war vor dem ersten Spiel verletzt. Ich habe ihn in dieser Zeit ganz anders kennengelernt. Er war in sich gekehrt, nicht so offen wie sonst. Auch intern war die Frage: Ist der Einsatz zu riskant? Er hätte sich ja gleich wieder an der Schulter verletzen können. Oder Jérôme Boateng: Er spielte rechts. Das wollte er nie. Er wollte Innenverteidiger spielen. Er war unzufrieden. Oder Mats Hummels: Verletzt sich im Viertelfinale, fällt im Halbfinale aus – da weiß man nicht, ob es für das Finale reicht. Da wird man auch als Spieler nervös. Oder Per Mertesacker: gewinnt vier Spiele und muss trotzdem raus. Da denkt man sich als Spieler: Never change a winning team. Oder Benny Höwedes: sieben Spiele als linker Verteidiger, auch nicht seine Position. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Oder Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira. Beide sind mit Verletzungsproblemen ins Turnier gegangen und hatten lange zu kämpfen. Oder Andre Schürrle: Der dachte auch, jetzt muss ich doch mal von Beginn spielen. Oder Mario Götze: Nach der Vorrunde gehörte er nicht mehr zur Startformation. So hatte jeder Spieler sein Thema – aber niemand hat es in die Mannschaft hineingetragen.

Hatten Sie im Nachhinein auch mal Angst während des Turniers, etwa gegen Algerien?

Ich hatte bei dem Spiel schon Ereignisse wie Schweden im Kopf. Ich kenne zwar die Klasse unserer Spieler, aber trotzdem passieren manchmal Dinge, die man nicht erklären kann. Komischerweise hatte ich da trotzdem keine Angst. Und bei jedem großen Turnier gibt es immer auch ein schmutziges Spiel, das man durchstehen muss. Bei uns war es Algerien. Ich hatte zwar kurz den Gedanken, wenn Manuel einmal zu spät kommt, und Rot sieht, dass wir dann ein Problem haben. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass wir es packen. Und auch wenn es keiner hören will: Algerien war wirklich der unangenehmste Gegner von allen bei der WM, Brasilien war am leichtesten. Während des gesamten Turniers gab es nicht einen Augenblick, in dem ich pessimistisch gewesen wäre. Später habe ich mir noch mal das Finale gegen Argentinien angesehen: Mein Gott, was hatten die für Chancen. Aber während des Spiels habe ich den Pokal immer in unseren Händen gesehen. Wir hatten immer ein bisschen mehr vom Spiel: so wie die Italiener 2006 gegen uns oder die Spanier 2008 und 2010.

Neuer riskiert gegen Algerien auf dem Platz Kopf und Kragen und kann zum großen Verlierer der WM werden – und Mertesacker verteidigt danach im ZDF das Team, wie man das bei Fernsehinterviews selten gesehen hat. Waren das die entscheidenden Momente für das Team?

Das Interview mit Per war sicher einer der Knackpunkte in der öffentlichen Wahrnehmung. Die Fans haben gemerkt: Die meinen es wirklich ernst. Die kämpfen. Die geben alles. Und intern hat die Mannschaft nach Manuels Spiel natürlich auch gemerkt, dass er alles riskiert für das Team. Wer Manuel kennt, weiß aber auch, dass er daran riesig Spaß hat. Es war auch für ihn ganz wichtig, dass er dem Team zeigen konnte: Ich schiebe euch an. Und dieses Spiel war zudem ein unglaubliches Zeichen an alle Gegner. Ich glaube, dass Higuaín deswegen im Finale die große Chance vergeben hat.

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