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Oliver Bierhoff im Gespräch : „Wir sind DIE Mannschaft Deutschlands“

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Diese WM hat noch mal etwas verändert im Land. 2006 war ein Durchbruch. Damals konnten erstmals wieder nationale Symbole gelebt werden – mit Würde, fröhlich und stolz, ohne Aggression und Arroganz. Wir haben die Fahne rausgehängt und die Nationalhymne gesungen. Bis 2006 hatten in Deutschland ja vor allem Gruppierungen die Hymne gesungen, zu denen man nicht gehören wollte. 2006 waren wir gute Gastgeber. Wir haben gezeigt, dass auch wir feiern und lachen und stolz auf unser Land sind. Und wir haben – das meine ich jetzt ironisch – die anderen auch mal gewinnen lassen – und sind trotz dieser schmerzlichen Niederlage im Halbfinale bis zum Endspiel gute, weltoffene, herzliche Gastgeber geblieben. 2014 ist noch etwas passiert. Im Ausland habe ich seitdem immer wieder gehört: Ihr habt ’ne Supertruppe, die Jungs haben sich so toll gegeben, das war so sympathisch – und erst ganz am Ende hieß es: ihr seid übrigens auch die Besten gewesen, der Titel war verdient. Der sportliche Aspekt ist nach hinten gerutscht, das Auftreten stand im Vordergrund.

„Freude zeigen, im wahrsten Sinne des Wortes strahlen“ - so sieht Oliver Bierhoff die Nationalmannschaft

Was wollen Sie damit sagen?

Diese Mannschaft spiegelt den Zeitgeist: Die Bedeutung der „soft skills“, der weichen, eher als feminin angesehenen Faktoren wie Kreativität, Empathie, Demut steigt in unserer Gesellschaft. Das Spiel gegen Brasilien war für diese Wahrnehmung ganz entscheidend. Wir haben das 7:1 eben nicht riesig gefeiert, sondern den Gegner in den Arm genommen und getröstet. Wir sind nicht abgehoben, sondern haben gesagt: Das war nur ein weiterer Schritt. In dem Moment waren wir selbst im Sieg nicht mehr die hässlichen Deutschen. Das ist ein Gefühl, das erst diese junge Generation verströmt.

Was entdecken Sie noch an symbolischem Kapital in diesem Erfolg?

Obwohl Mario Götze das goldene Tor geschossen hat, obwohl Manuel Neuer zum Riesen wurde: Jeder spricht von der Mannschaft. Und das sagen wir gar nicht mehr ausdrücklich wie 1996 bei Berti Vogts, als es damals hieß: Der Star ist die Mannschaft. Intern hat 2014 niemand gesagt: Elf Freunde müssen wir sein. Das ist alles so gewachsen.

Was soll die Mannschaft nach dem Titelgewinn verkörpern?

Man muss sich auch als Mannschaft immer neu erfinden. Es ist schwer, das in einem Begriff zu bringen, aber es geht darum: Wir sind diejenigen, die die Leistung auf Topniveau bestätigen und sogar noch erhöhen können. Bis 2012 hat man ja nie gesagt: Ihr müsst Titel gewinnen. Bis 2010 waren es ja noch die jungen Wilden. Aber nach der EM 2012 war die Enttäuschung da. In Polen und der Ukraine spürte man bei den Spielern, dass sie in das Turnier mit dem Gefühl gingen, als stünde ihnen etwas zu. Jeder war mit sich beschäftigt. Jeder hat seinen Platz gesucht. Und manchmal, wenn einer nicht spielte, dann hat er lamentiert. Jeder wusste auch: Vom Potential her müssen wir gegen Italien gewinnen. Aber wir haben das Halbfinale verloren. Das hat zu einer sehr schmerzlichen Enttäuschung bei den Fans geführt, bei uns ja auch. Und ganz egal, wie Turniere laufen können: Auch wir haben verstanden, dass wir im Halbfinale versagt haben. 2014 hat man vom ersten Tag an gespürt, dass jeder gesagt hat: Das ist mein Turnier, ich lasse mich durch nichts von meinem großen Ziel abbringen.

Die Schmerzen gegen Italien oder beim 4:4 gegen Schweden waren notwendig, um Weltmeister zu werden?

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