https://www.faz.net/-gtl-7xzac

Oliver Bierhoff im Gespräch : „Wir sind DIE Mannschaft Deutschlands“

  • Aktualisiert am

Da kann man keinen Katalog aufstellen, das hängt immer von der Situation ab. Aber mir ist bei der Bewertung schon die Frage wichtig, ob es generell an uns wichtigen Werten und Prinzipien fehlt. Das ist bei Marco keineswegs der Fall. Über die momentane Situation von Marco Reus hinaus wäre es vielleicht sinnvoll, wenn wir uns mal grundsätzlich Gedanken darüber machen, ob nicht nur unsere Spieler, sondern auch Politiker und Wirtschaftsbosse diesen Anforderungen, auch bezogen auf ein fehlerfreies Privatleben, überhaupt noch gerecht werden können.

Wir finden: Die Nationalelf hat sehr hohe Ansprüche an sich selbst – und zieht im konkreten Fall dann doch keine Konsequenzen. Wir erinnern nur an die vom DFB mitfinanzierte Studie, in der die Nationalelf zur vierten Macht im Staat ausgerufen wurde.

Das hat sich bei der WM auch bestätigt. Die Entwicklung der Nationalmannschaft in den vergangenen zehn Jahren ist ein Prozess, und diesen Prozess möchte ich jetzt auch nicht an einem einzigen Bild festmachen. Ein Beispiel für die Veränderungen sind im Kleinen die Autogrammkarten. Erst haben wir sie heroenhaft gestalten lassen, dann sollten die Spieler stark wirken. Jetzt habe ich gesagt: Wir müssen wieder freundlicher werden, sympathisch sein, Freude zeigen, im wahrsten Sinne des Wortes strahlen. Auch das sind Wellenbewegungen. Immer nur Vollgas geht nicht. Gerade im nächsten Jahr ohne Turnier kann man ruhig etwas dämpfen, da kann alles etwas leiser sein. Aber mein Anspruch lautet schon, dass wir weiterhin die Mannschaft Deutschlands sind. Ich bin mir bewusst, dass diese Messlatte hoch liegt. Trotz des Erfolgs müssen die Leute spüren, dass es auch Normalität gibt – ohne dass es aufgesetzt wirkt. Authentizität. Wir wollen einen Spot machen, und mein Satz dafür wäre: Danke für die Liebe.

Und das ist nicht aufgesetzt?

Genau dieses Gefühl der Zuneigung und Liebe haben wir von den Leuten erfahren. Wir wollen zeigen, dass uns der Erfolg nicht von den Fans und Zuschauern und aktiven Fußballern entfernt, sondern dass wir uns näherkommen.

Und diese Nähe drückt sich dann durch Selfies der Weltmeister in den sozialen Netzwerken aus?

Zugegeben, das sind manchmal schon Trivialitäten, die in die Welt hinausposaunt werden. Ich bin ja inzwischen auch schon etwas älter und frage mich: Was bedeutet das für das Leben nicht nur der Spieler, sondern von allen jungen Leuten, die ihre Selfies posten? Das ist doch eine ununterbrochene Selbstdokumentation. Man muss demnach immer im Schlaraffenland leben – und alles muss gefiltert sein. Man stellt sich auf diesen Selfies ja immer ganz toll dar: im Sonnenuntergang, mit Pokal, immer cool, immer happy. Schlecht geht es einem auf diesen Bildern nie. Aber die Realität sieht eben anders aus.

Was sollten uns die Weltmeister 2014 stattdessen sagen?

Weitere Themen

Graue Tage, weißer Elefant

Nationalmannschaft : Graue Tage, weißer Elefant

Vor den letzten EM-Qualifikationsspielen sehen sich die deutschen Nationalspieler als „bunter Haufen mit geilen Typen“. Bundestrainer Löw dagegen beklagt den Entwicklungsrückstand – und der abwesende Hummels ist ständig präsent.

Topmeldungen

Digitalisierung im Alter : Offline – und abgehängt?

Deutschland soll digitaler werden. Doch was ist mit den gut 16 Millionen Bürgern, die noch nie im Internet waren? Die Gruppe ist vielfältig: Wissbegierig, unerfahren oder skeptisch. Die meisten Offliner sind Senioren und kommen aus einer analogen Welt – die gerade verschwindet.
Hört sich gut an, aber dient es auch der Allgemeinheit?

Vizekanzler gegen Vereine : Wer rettet den e.V.?

Frauen- und Männervereine sorgen sich um ihre Gemeinnützigkeit. Olaf Scholz will Gender zum Superkriterium machen. Jetzt bekommt er widerborstigen Kantönligeist zu spüren.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.