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Oliver Bierhoff im Gespräch : „Wir sind DIE Mannschaft Deutschlands“

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Angst nicht unbedingt, aber dieser Wucht muss man sich erst mal bewusst werden. Es ist Wahnsinn. Man kann eigentlich gar nicht fassen, was da passiert ist. Als wir nach Berlin zurückkamen, habe ich gedacht, das ist so wie bei der Präsidenten-Parade in den USA, wo auch die ganze Stadt, das ganze Land auf den Beinen und vor dem Fernseher ist. 2006 war noch ganz anders. Da sind wir zu einer Veranstaltung gefahren, wo uns auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor zugejubelt wurde. Diesmal standen die Menschen überall in der Stadt. Sie haben aufgehört zu arbeiten. Auf Baugerüsten, auf den Bürgersteigen, in den Fenstern, vor und hinter uns auf der Straße. Und alle waren glücklich. Alles stand still. Ich will jetzt nicht sagen, dass die Bedeutung beängstigend ist, aber sie ist so gewaltig, dass man sich schon fragt, ob man ihr überhaupt noch gerecht werden kann.

„Diese Mannschaft spiegelt den Zeitgeist“ -  sagt Oliver Bierhoff

Gerade junge Spieler müssten solche Erfahrungen doch geradezu verrückt machen.

Ich habe im November, als wir beim Bundespräsidenten und bei der Filmpremiere waren, auch bei Spielern gemerkt, die wie Thomas Müller oder Manuel Neuer in vielerlei Hinsicht absolut belastbar sind, dass auch sie am Limit waren. Man kann nicht mehr aufnehmen, was in diesen WM-Erfolg alles hineininterpretiert oder wie er zusätzlich aufgeladen wird – ganz abgesehen vom x-ten Selfie aus dem Bus. Natürlich kann man jetzt einwenden: Das sind die Geister, die du gerufen hast.

Hätten wir nicht besser formulieren können...

Ich entziehe mich dem Vorwurf nicht. Seit zehn Jahren versuche ich, die Bedeutung der Nationalmannschaft für das Land aufzuzeigen. Aber man darf die Spieler trotzdem nicht überfordern.

Warum nehmen Sie dann bei der Nationalelf hin, dass ein Spieler wie Marco Reus jahrelang ohne Führerschein fährt, wofür er über eine halbe Million Euro Strafe zahlen muss?

Fahren ohne Führerschein ist unverantwortlich. Gut, dass niemand Schaden genommen hat. Marco ist einsichtig, und er ist bestraft worden. Er hat einen großen Fehler gemacht, er sagt selbst, dass es dafür keine Erklärung gibt. Der Anspruch an unsere Nationalspieler ist sehr hoch, daran erinnern wir sie auch immer wieder und fordern mit Blick auf gewisse Verhaltensweisen und Werte auch viel ein. Das heißt aber nicht, dass unsere Spieler frei sind von Fehlern, da schließe ich uns mit ein. Für mich entscheidend ist, wie mit diesen Fehlern umgegangen wird und welche Lehren man daraus zieht. Während unserer Zusammenkünfte bei der Nationalmannschaft hat sich Marco stets tadellos verhalten, er hat ein großes Herz, bringt sich für die Gemeinschaft ein. Das muss neben seinen fußballerischen Qualitäten, die völlig außer Frage stehen, auch eine Rolle spielen. Er hat die Chance verdient zu zeigen, dass er aus diesem Vorgang die richtigen Konsequenzen zieht. Auch bei uns in der Nationalmannschaft werden wir ihn weiter dabei unterstützen.

WM-Gewinner und Finalverlierer: Manuel Neuer und Lionel Messi

Was muss eigentlich geschehen, dass ein Spieler kein Vorbild mehr für den DFB ist – und selbst für einen kürzeren Zeitraum mal aus der Nationalmannschaft fliegt? Bei Großkreutz hatten Sie und der Bundestrainer doch schon eine letzte Warnung ausgesprochen.

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