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Özil und Müller : Erfrischend anders

  • -Aktualisiert am

Der eine dribbelt, der andere schaut: Mesut Özil beobachtet Thomas Müller Bild: dpa

Mal leise, mal krachend: Özil und Müller symbolisieren bei der WM beeindruckend den neuen deutschen Fußball-Stil. Özil ist die Basis für ein erfolgreiches Kombinationsspiel. Und Müller schießt schon wie der „Bomber der Nation“.

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          Außerhalb des Platzes sind diese beiden WM-Neulinge grundverschieden. Der eine zurückhaltend, fast schüchtern – der andere krachend selbstbewusst. Während Mesut Özil nach dem begeisternden Auftakt mit leiser, ruhiger Stimme hervorhob, wie befreit er – mit dem Vertrauen der Mannschaft im Rücken – bei seiner Premiere aufspielen konnte, ging Thomas Müller verbal gleich aufs Ganze. „Bei mir hat viel geklappt. Wenn ich so weiterkämpfe und dem Team helfe, gibt es keinen Grund, mich runterzuholen“, sagte der 20 Jahre alte Senkrechtstarter vom FC Bayern.

          Grund zu Nervosität hätte es für ihn, der vor einem Jahr noch in der Bayern-Reserve gegen Mannschaften wie Wacker Burghausen oder den 1. FC Heidenheim antreten musste, nicht gegeben: „Ich habe so viele Spiele gemacht in dieser Saison, bin deutscher Meister und Pokalsieger geworden und habe vor 90.000 Zuschauern in Madrid das Champions-League-Finale gespielt. So leicht kann mich nichts mehr aus der Ruhe bringen“, sagte Müller.

          Unabhängig von persönlichen Charakterzügen und unterschiedlichen Mentalitäten symbolisieren diese beiden Debütanten auf eindrucksvolle Weise den neuen deutschen Spielstil. Özil und Müller gehören nach dem fulminanten 4:0-Sieg gegen Australien zu den ersten großen Gewinnern in der deutschen Mannschaft – und bei dieser Weltmeisterschaft.

          Vergebene Chance I: Özil lupft den Ball über Schwarzer, aber Neill rettet vor der Linie
          Vergebene Chance I: Özil lupft den Ball über Schwarzer, aber Neill rettet vor der Linie : Bild: dpa

          „Das muss man sich über Jahre beweisen“

          Im Fall von Özil, der die maßgebenden Impulse gab und an den wesentlichen Kombinationen gegen die spröden Australier beteiligt war, sagte Joachim Löw am Montag: „Er ist ein enorm wichtiger Spieler für uns und entspricht auf ideale Weise den Vorstellungen von Fußball, wie wir ihn spielen wollen. Seine tödlichen Bälle kommen mit einer solchen Leichtigkeit, bei ihm stoppt das Spiel nicht, sondern ist im Fluss.“ Das Prädikat Weltklasse wollte der Bundestrainer dem in Gelsenkirchen geborenen Deutsch-Türken allerdings noch nicht verleihen. „Das muss man sich über Jahre beweisen. Er ist erst am Beginn seiner Karriere und hat dafür noch einen steinigen Weg vor sich.“

          Eine erste spektakuläre Marke in diesem Weltturnier mit den besten Fußballteams haben die jungen deutschen Überflieger dennoch gesetzt. In seiner zentralen Funktion hinter der Angriffsspitze wurde der Wert Özils in der ersten WM-Partie sehr deutlich. „Ich spiele einfach so“, sagte er selbst über seinen spektakulären Stil. Der Bremer Bundesligaprofi war Drehscheibe eines extrem offensiv ausgerichteten Spiels, Anspielstation und Schnelldenker, wenn es um das Erfassen von spielentscheidenden Situationen ging.

          Özil und Müller leiten Podolskis 1:0 ein

          „Wir haben immer einen Zehner gebraucht und gesucht. Schön, dass sich Mesut entschieden hat, für Deutschland zu spielen“, sagte Stürmer Miroslav Klose mit Blick auf den Nutzen einer kreativen Mittelfeldposition. Wenn Klose sich gegen die australischen Socceroos als einziger Angreifer etwas mehr auf die linke Seite bewegte, verlagerte sich Özil nach rechts und erhielt die ausgewogene Raumaufteilung aufrecht.

          Es ist die Basis für ein erfolgreiches Kombinationsspiel. Die 1:0-Führung durch Podolskis gezielten Gewaltschuss leitete Özil genau auf rechts mit einem überraschenden Steilpass ein. Müller war die Zwischenstation – auch er erfasste in Sekundenbruchteilen die Situation vor dem Strafraum und schlug den Ball flach ein wenig zurück in den Rückraum, wo Podolski ungedeckt heransprintete.

          „Ich musste meine Rückennummer rechtfertigen“

          Löw hatte sich gegen Australien gegen Piotr Trochowski und für Müller entschieden. Von ihm erwartete er sich wesentlich mehr Aktivität nach vorne in die Angriffsspitze. Dieser Plan ging auf, mehrmals brach Müller auf seiner Seite durch, setzte seine Gegenspieler mit seiner frechen, manchmal unorthodoxen Art gewaltig unter Druck. Und aus der Bayern-Saison war ebenso bekannt, dass der junge Senkrechtstarter auch eigene Torchancen für sich nutzen kann. Mit einem Dreher im Strafraum um seinen Gegenspieler herum erzielte er das 3:0.

          Weil die Aktion ein wenig dem entscheidenden WM-Tor der Deutschen 1974 gegen Holland seines Namensvetters Gerd Müller ähnelte und er wie einst der „Bomber der Nation“ die 13 in der Nationalelf trägt, konnte der immer fröhliche Müller am Ende eines langen, aber sehr erfolgreichen Abends noch einen kleinen Spaß loswerden. „Ich musste ja irgendwann meine Rückennummer rechtfertigen. Aber eigentlich habe ich so geschossen, damit die Verkaufszahlen des Trikots steigen.“

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