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Österreichisches Nationalteam : Ein Land erkennt sich nicht wieder

  • -Aktualisiert am

Neues Wir-Gefühl: Das österreichische Nationalteam fühlt sich als große Familie. Bild: dpa

Österreichs neue Seite: Man zeigt sich hilfsbereit und gibt sich selbstbewusst. Das Fußballteam passt gut dazu. Es fährt zur EM – auch dank der „Flüchtlingskinder“.

          3 Min.

          Zlatko Junuzovic. Dieser Name ist in den vergangenen Tagen in Österreich besonders oft gefallen, das Wort „Flüchtlingskind“ bekam er vorangestellt. „Flüchtlingskind Junuzovic schießt Österreich zur EM“, war zu lesen, nachdem der Fußballprofi von Werder Bremen am Samstag das Tor zum 1:0 gegen die Republik Moldau erzielt hatte. Damit war Österreich schon so gut wie bei der Endrunde 2016 in Frankreich, und seit Dienstag, seit dem überraschend hohen 4:1-Sieg in Solna gegen Schweden, ist die Teilnahme perfekt. Wieder war es Junuzovic, der die Basis legte, als er nach acht Minuten im Strafraum gefoult wurde. David Alaba vom FC Bayern München nutzte den Elfmeter, der Stuttgarter Martin Harnik steuerte das 2:0 und das 4:0 bei, zwischenzeitlich hatte Marc Janko (FC Basel) getroffen.

          Österreichs Team, es ist ein Team der Legionäre. Und es ist ein Team, das zu einem guten Teil aus Spielern mit Migrationshintergrund besteht. Das wird dieser Tage, da Österreich an der ungarischen Grenze sowie an den Wiener Bahnhöfen Tausende syrische Flüchtlinge freundlich empfing (und sie fast alle ebenso freundlich wieder Richtung Deutschland verabschiedete), ohne Unterlass betont. Alsdann, im aktuellen Kader befinden sich tatsächlich zwölf Spieler und in der Startformation in Schweden standen fünf Spieler mit Migrationshintergrund. Junuzovic, der in der serbischen Stadt Loznica geboren wurde und als Vierjähriger mit seiner Familie aus dem Jugoslawien-Krieg nach Österreich flüchtete, hatte sich vor dem Spiel gegen Moldau zur Flüchtlingsfrage geäußert: „Das ist die Chance für jedes Land, seine Menschlichkeit zu zeigen. Man muss helfen, wo man kann.“

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          Das Land erkennt sich nicht wieder. In Wien ist doch die – gern ausländerfeindliche Parolen trommelnde – FPÖ zweitstärkste Partei. Und die Wiener sind doch für ihren mehr oder weniger charmanten Grant, ihre generelle Übellaunigkeit speziell Fremden gegenüber, bekannt. Nun entdecken sie eine andere, eine neue Seite an sich. Man zeigt sich hilfsbereit, man gibt sich selbstbewusst. Das Fußballteam passt gut dazu. Doch woher kommen die plötzlichen Erfolge? Woher kommt die Serie von sieben Pflichtspielsiegen und der Gruppensieg in der EM-Qualifikation? Worauf ist es zurückzuführen, dass Österreich in der Fifa-Weltrangliste als Nummer 13 so weit vorne liegt wie nie zuvor?

          Mit Koller kam die Wende

          Anfang November 2011 rangierte Österreich an 72. Stelle, noch hinter den Kapverdischen Inseln. Anfang November 2011 wurde Marcel Koller österreichischer Teamchef. Bei vielen stieß seine Ernennung auf Unverständnis, viele hätten „eine heimische Lösung“ bevorzugt. Doch Leo Windtner, Präsident des Fußballbunds (ÖFB), setzte den Schweizer durch. Damit hatte quasi eine österreichische Trainer-Generation das Nachsehen. Etliche sogenannte 78er-Helden, die also beim 3:2 gegen Deutschland in Cordoba kickten, hatten bereits vor Koller als Teamchefs gearbeitet, keiner mit durchschlagendem Erfolg. Unter Herbert Prohaska qualifizierte sich das ÖFB-Team immerhin letztmals für ein Großereignis, bei der WM 1998 in Frankreich kam das Aus aber ebenso in der Vorrunde wie bei der Heim-EM 2008 unter Josef Hickersberger.

          Bundesliga sei Dank: Der Münchner Alaba und der Stuttgarter Harnik treffen beim 4:1 in Schweden.

          Koller verspürte ordentlich Gegenwind. Die Kritik ließ erst während der Qualifikation für die WM 2014 nach. Österreich verlor zwar zweimal gegen Deutschland (1:2, 0:3), verspielte seine Chancen aber erst im Finish mit einem 1:2 in Schweden. Der 54-jährige Schweizer, der als Trainer 2003/04 beim 1. FC Köln und dann bis 2009 beim VfL Bochum gewirkt hatte und als Entdecker von Lukas Podolski gilt, brachte nicht nur System, sondern vor allem Ruhe in Österreichs Nationalmannschaft. Die Spieler dankten es ihm, dass er an ihnen festhielt, auch wenn sie der Form nachliefen, bei ihren Klubs vielleicht gar nicht zum Einsatz kamen. Paradebeispiel für einen von Koller Aufgefangenen ist Marko Arnautovic, der seinerzeit in Bremen eher durch Disziplinlosigkeiten auffiel. Koller schenkte dem eigenwilligen Mittelfeldspieler dennoch und weiterhin sein Vertrauen. Mittlerweile liefert Arnautovic auch bei Stoke City konstant gute Leistungen ab. Nach dem Spiel in Schweden sagte Arnautovic: „Wir sind eine Familie.“

          Im österreichischen Rundfunk (ORF) sind TV-Liveübertragungen von Sportpressekonferenzen eine Rarität. Das Fernsehen ist höchstens dabei, wenn eine Skifahrerin oder ein Skifahrer zurücktritt. Jetzt brachte der ORF aber auch eine Länderspiel-Nachbetrachtung mit dem Fußball-Teamchef. Marcel Koller trug dabei eine Baskenmütze und biss in ein Baguette. Zweierlei sei ihm gelungen, sagte Koller. Erstens: „Im taktischen Bereich Ideen zu vermitteln und den Spielern die Zeit zur Umsetzung zu geben.“ Zweitens: „Eine Wohlfühloase zu kreieren.“ Was die Endrunde 2016 angeht, gibt sich Koller zurückhaltend. „Jetzt lasst uns einmal nach Frankreich fahren.“ Nachsatz: „Ja, natürlich haben wir dort einiges vor.“

          Österreich hat im Herbst noch in Montenegro und daheim gegen Liechtenstein zu spielen. Das Selbstbewusstsein wird bis dahin nicht kleiner werden. Ob auch die Hilfsbereitschaft und die Sympathie für Flüchtlinge von Dauer ist, hat sich dann vielleicht auch schon gewiesen. Am 11. Oktober, einen Tag vor dem Liechtenstein-Spiel, wird in Wien gewählt.

          Der Autor ist Redakteur der österreichischen Zeitung „Der Standard“.

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