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Öffentliches Training : Nationalmannschaft „hautnah“ in Aachen

Marco Reus stand nach dem Spiel noch für Selfies bereit. Bild: dpa

Die WM in Russland war auch eine große Entfremdung zwischen der „Mannschaft“ und ihren Anhängern. Der DFB versucht nun gegenzusteuern, doch für eine tiefe Verbundenheit reicht es noch nicht.

          Oliver Bierhoff hatte nichts von dieser Vorgeschichte erwähnt, aber langjährige Begleiter der Nationalmannschaft erinnerten sich: öffentliches Training und Aachen, da war doch einmal etwas. In Deutschlands finsterster Fußballvergangenheit, während der EM 2000 in Belgien und den Niederlanden, war das Team auf Geheiß von Egidius Braun zu einer Einheit in Breinig angetreten, beim Heimatverein des damaligen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), unweit von Aachen. Im allgemeinen Chaos, das seinerzeit herrschte, zog Bierhoff sich einen Muskelfaserriss in der Wade zu – das Turnier sollte damit für ihn vorbei sein, weil es für die zerstrittenen und nicht konkurrenzfähigen Deutschen schon nach der Vorrunde zu Ende ging. Bundestrainer Erich Ribbeck kommentierte den Ausfall seines Kapitäns nüchtern: „Wir hatten vorher 19 Spieler, jetzt haben wir 18.“

          Braun war am frühen Mittwochabend auf dem Tivoli auch da, der 94 alte Ehrenpräsident nahm in Abwesenheit von „unserem Bundes-Jogi“, wie der Stadionsprecher sagte, auf einer der Trainerbänke Platz und wurde herzlich begrüßt. Braun stand stets für das soziale Engagements der Verbands, er rief 2001 eine Stiftung beim DFB ins Leben, die seinen Namen trägt. Das öffentliche Training sollte auch Aufmerksamkeit für diesen guten Zweck generieren, was sonst alle zwei Jahre im Rahmen eines Benefizspieles geschah. Doch dafür ist unter den modernen Realitäten des Fußballs kein Platz mehr, die Fernseh- und Vermarktungsverträge seitens der Uefa lassen keine Lücke für so einen Termin. Die fehlenden Stiftungseinnahmen will der DFB aus anderen Kanälen zuschießen, wie Bierhoff berichtete.

          Die Zuschauer, viele Familien mit Kindern, dürften aber in erster Linie wegen etwas anderem gekommen sein: „DFB hautnah“ war das Motto, die Nationalmannschaft wollte sich ihren Fans zeigen und wieder für größere Annäherung sorgen, nachdem das WM-Desaster in Russland auch von einem Gefühl der Entfremdung begleitet worden war. In diesem Sinne hatte es zuvor schon öffentliche Trainings in Berlin und Wolfsburg sowie Schulbesuche in Leipzig gegeben.

          Die große Verbundenheit ist noch nicht wieder da

          Diesmal machte sich das Nationalteam aus seinem von manchem als nicht ganz so hautnah empfundenen Trainingsquartier hauchdünn hinter der niederländischen Grenze in Venlo auf nach Aachen. Begrüßt wurde sie sehr freundlich, allerdings war die Arena um kurz nach halb sechs erst etwa zur Hälfte gefüllt, obwohl alle 30.500 (kostenlosen) Karten vergriffen waren. Nach dem Aufwärmen und der Begrüßung durch Bierhoff, der schon einmal Zugaben in Form von Bällen und Autogrammen versprach, stand eine Übung mit Flanken und Torschuss auf dem Programm. Während der Trinkpausen führte Pressesprecher Jens Grittner Kurzinterviews, Leroy Sané war dabei so frei zu bemerken, dass es in England „keine Fan-Nähe“ gebe.

          Beim abschließenden Trainingsspiel dauerte es dann eine Weile, bis Tore fielen. Das erste gelang Marco Reus. Während die Teams sich in halb-offizieller Spielmontur (Trikots mit Nummern und Namen: ja, Schienbeinschoner: nein) und in nicht ganz gleichen Kräfteverhältnissen (11 gegen 10) bearbeiteten, war die Stimmung auf den Rängen gut, aber auch von einer gewissen Beiläufigkeit geprägt. Zudem unterstrich die Hörprobe durch den Sprecher noch einmal, dass der Umbruch erst begonnen hat. Nicht zu jedem Vor- hatte das Publikum gleich den entsprechenden Nachnamen auf den Lippen.

          Die Möglichkeit, weiter daran zu arbeiten, bietet sich Marcel Halstenberg & Co. bei den Spielen in der EM-Qualifikation am Samstag in Weißrussland und am Dienstag, in Mainz, gegen Estland. Marcus Sorg, Löws Vertreter, dürfte froh gewesen sein, dass alle 22 Mann mitwirken konnten, auch Leon Goretzka, der am Vortag noch nicht mit dem Team trainiert hatte. Nach einer guten Stunde war die Einheit vorbei, als besondere Überraschung durften ein Mädchen und zwei aus Afghanistan geflüchtete Jungen gegen Kevin Trapp im Elfmeterschießen antreten, dann flogen Bälle ins Publikum, Autogrammkarten wurden verteilt. Und: Nach malader Wade sah es nirgends aus.

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