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Kritiker des Fifa-Präsidenten : Nutzt Infantino den Sturz Grindels gegen den DFB?

  • -Aktualisiert am

Fifa-Präsident Gianni Infantino (Bild) dürfte den Sturz Reinhard Grindels als DFB-Präsident auskosten. Bild: AFP

Nach dem Rücktritt von Präsident Reinhard Grindel sind alle wichtigen Fragen offen. Der DFB prüft, ob er die 78.000 Euro zurückfordern kann. Und dann ist da noch die groteske Situation mit Grindels Posten in der Fifa und der Uefa.

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          Am Dienstagnachmittag, als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) rotierte und mit Reinhard Grindel der dritte Präsident in sieben Jahren schwer angeknockt das Handtuch warf, ist zur selben Zeit in der Frankfurter Verbandszentrale ein Gremium zusammengekommen, das sich zur Aufgabe gemacht hat, über Zukunftsfragen des Fußballs nachzudenken. Während die deutschen Fußballfreunde in diesen Tagen über die Realitäten beim DFB mal wieder die Hände über den Kopf zusammenschlagen, machte man sich dort im neuen, von DFB-Direktor Oliver Bierhoff initiierten Direktionsbeirat, angeführt vom früheren Adidas-Vorstandsvorsitzenden Herbert Hainer, abseits der aktuellen Kabale schöne und kluge Gedanken über eine Fußballzukunft – die beim DFB allerdings so ungewiss wie lange nicht erscheint.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Am Tag eins nach dem Rücktritt von Grindel sind beim DFB alle wichtigen Fragen offen: Was wird aus dessen Positionen und damit auch dem Einfluss des DFB in der Europäischen Fußball-Union (Uefa) und im Internationalen Fußball-Verband (Fifa)? Welche Fähigkeiten soll der künftige DFB-Präsident mitbringen – oder nach 114 Jahren gar erstmals eine Präsidentin? Aber vor allem: Wie muss sich der DFB strukturell verändern? Von diesen Fragen, auf die in den kommenden Monaten bis zum DFB-Bundestag im September erste Antworten gefunden werden müssen, dürfte vermutlich nicht weniger als die Zukunftsfähigkeit des kriselnden 7,1-Millionen-Mitglieder-Verbandes abhängen.

          In der Frage nach einem Nachfolger für Grindel kursieren zahlreiche Namen, aber eine schnelle und eindeutige Lösung ist nicht in Sicht. Vielmehr gehen innerhalb des Verbands offenbar strukturelle derzeit vor personellen Fragen. „Wir müssen darangehen, all diese Modernisierungsansätze, die wir seit Monaten diskutieren, umzusetzen“, sagte Rainer Koch, der zusammen mit Reinhard Rauball den DFB als Interimspräsident führt, gegenüber der ARD. Er hoffe, dass dieses Thema nun stärker in den Fokus rücke. „Wir werden im September einen neuen Präsidenten wählen. Den werden wir ausgucken, wenn wir wissen, wie die neuen Strukturen aussehen.“

          Ob es nach dem Rückzug des DFB-Präsidenten auf der internationalen Bühne zur grotesken Situation kommt, dass Grindel trotzdem den Verband weiter bis in die Jahre 2021 und 2023 in den höchsten Gremien von Uefa und Fifa vertritt, ist unklar. Grindel erhält für diese Posten jedes Jahr noch Vergütungen in Höhe von rund 500.000 Euro. Das Uhrengeschenk des ukrainischen Fußballfunktionärs und Oligarchen Grigori Surkis, das zu seinem Rücktritt als DFB-Präsident führte, könnte ihm nochmals zum Verhängnis werden. „Ich gehe davon aus, dass alle drei Organisationen – DFB, Uefa und Fifa – mögliche Verstöße von Herrn Grindel gegen die jeweiligen Ethikregeln prüfen werden“, sagte Hans-Joachim Eckert der F.A.Z. Der pensionierte Richter war bis Mai 2017 Vorsitzender der rechtsprechenden Kammer der Fifa-Ethikkommission.

          Die Fifa sagte auf Anfrage, dass Grindel den Vorfall an sie gemeldet habe, mehr aber nicht. Nach ihrem neuen Ethikkodex greift die Fifa erst ein, wenn sich nach drei Monaten im Heimatverband des Betroffenen nichts an Untersuchungen getan hat. Der kommissarische Vorsitzende der DFB-Ethikkommission, Nikolaus Schneider, teilte der F.A.Z., dass sich sein Gremium am nächsten Mittwoch „mit der Berichterstattung über Herrn Grindel beziehungsweise den daraus entstehenden Fragen“ beschäftigen würde. „Die Kommission wird dann entscheiden, ob und wenn ja wie sie in der Sache weiter vorgehen wird.“ Weitere Vorwürfe gegen Grindel seien der Kommission nicht bekannt. Im Interesse des DFB, so ist zu hören, sei es nicht, dass Grindel weiterhin international aktiv ist, weil man im Verband davon ausgeht, die freiwerdenden Plätze innerhalb der Uefa und Fifa dann nach eigenen Vorstellungen besetzen zu können, wie das auch in der Vergangenheit angesichts der Fall war. Aber es bleibt das Restrisiko, dass ein Kandidat eines anderen Landes in die Uefa- und Fifa-Gremien gewählt wird.

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          Reinhard Grindel tritt zurück : Eine DFB-Karriere mit Höhen und Tiefen

          Es ist gut vorstellbar, dass Fifa-Präsident Gianni Infantino die Lage um den geschwächten Grindel auf seinem Wahlkongress im Juni in Paris auskosten wird. Der ehemalige DFB-Chef gehörte zuletzt zu Infantinos größten Kritikern. Er warf ihm auch in der Öffentlichkeit mangelnde Integrität vor. Die Uhr, die angeblich einen Wert von 6000 Euro haben soll, hatte Grindel nach eigener Aussage von Surkis als reines Privatgeschenk erhalten. Mit dem Oligarchen und Klubchef von Dynamo Kiew saß er bis Februar 2019 im höchsten Gremium der Uefa.

          Die Uefa teilte der F.A.Z. am Mittwoch mit, dass man sich der Situation um Grindel bewusst sei und zu gegebener Zeit Stellung beziehen werde. Der Verband wollte sich aktuell nicht dazu äußern, ob Grindel seine hochdotierten Posten in den internationalen Gremien verlieren könnte. Falls Grindel in seinen internationalen Ämtern verbleiben kann, käme für ihn erschwerend hinzu, dass ihm ohne den eigenen Nationalverband im Rücken die starke Lobby fehlt. Sein ebenfalls vorzeitig als DFB-Präsident zurückgetretener Vorgänger Wolfgang Niersbach wurde aufgrund einer Verletzung der Meldepflicht im deutschen WM-Skandal von der Fifa-Ethikkommission gesperrt und trat daraufhin aus den internationalen Gremien zurück.

          Der DFB prüft nach Informationen der F.A.Z., ob er die 78.000 Euro von Grindel für sein Aufsichtsratsmandat bei einer DFB-Tochter zurückfordern kann. Diesen Betrag hatte der zurückgetretene DFB-Chef als Aufsichtsratsvorsitzender der DFB-Medien Verwaltungsgesellschaft mbH drei Monate nach seiner Wahl zum Präsidenten zwischen Juli 2016 und Juli 2017 erhalten. Angeblich habe im DFB-Präsidium niemand von der Existenz dieser Zahlung gewusst, die am vergangenen Freitag öffentlich wurde und den Druck auf Grindel entscheidend erhöht hatte.

          Aus Sicht des Verbandes hätte Grindel den Erhalt der Summe anzeigen müssen, was er allerdings nicht getan habe. Dazu habe schon damals ein Satzungsbeschluss bestanden. Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete und ZDF-Journalist sieht das anders und wies bislang stets auf die Rechtmäßigkeit der Vergütung hin, die er in dieser Zeit zusätzlich zu seinen 7200 Euro Aufwandsentschädigung sowie weiteren 7200 Euro als Verdienstausfall erhielt. Der Fall wirft in jedem Fall kein gutes Licht auf die Governance-Strukturen innerhalb der Organisation. Der Verband wäre verpflichtet, wieder an die 78.000 Euro zu kommen, wenn sich ein Satzungsverstoß von Grindel ergäbe.

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