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Spielabbruch nach Eklat : „Schande von Nizza“ erschüttert französischen Fußball

Tritte, Schläge: das dunkle Fußball-Kapitel von Nizza Bild: AFP

Über die rote Linie: Fußballprofi Dimitri Payet von Olympique Marseille wehrt sich gegen die gegnerischen Fans von OGC Nizza. Anschließend eskaliert die Lage.

          3 Min.

          Dimitri Payet ist für seine schwankenden Leistungen und wechselnden Launen bekannt. Eine Zeitlang spielte der aus La Réunion stammende Stürmer von Olympique Marseille für die französische Nationalmannschaft. In Nizza, beim Derby der Rivalen an der Côte d‘Azur, wurde er beim Eckball von einer Wasserflasche getroffen. Es geschah in der 75. Minute. Payet ging kurz zu Boden, dann warf er das Geschoss zurück.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Den einheimischen Fans in der Allianz Riviera Arena war es ein leichtes, aufs Spielfeld einzudringen. Ein paar wenige Meter nur trennen sie von den Akteuren, von einer Absperrung kann nicht die Rede sein. Schon als Kasper Dolberg die Führung für OGC Nizza erzielt hatte, jubelten ein paar Fans mit ihm auf dem Feld.

          Schwerwiegende Folgen für die Liga

          Den Wortgefechten folgte eine handfeste Schlägerei. Spät in der Nacht veröffentlichte die PR-Abteilung von Marseille Fotos von den Schürfwunden, die drei Spieler erlitten hatten – nichts Schlimmes zum Glück. Die Verletzungen aber, die der französische Fußball an diesem Abend erlitt, sind schwerwiegender Art. Von ihnen wird er sich wohl lange nicht erholen. „Die Schande“ überschrieb L‘Équipe am Tag danach den Leitartikel.

          Endlich sollte es ein Ende haben mit den Geisterspielen. Die französische Landesmeisterschaft hatte ganz besonders unter der Pandemie gelitten. Als einzige der „Big Five“ in Europa wurde sie abgebrochen. Man befürchtete den Abstieg in die zweite Liga. Der Vermarkter der TV-Rechte machte Bankrott. Zum Schnäppchenpreis wurden sie an Amazon verscherbelt – der die üblen Vorfälle ziemlich ungefiltert übertrug. Deutlich waren die Wutausbrüche des unbeherrschten Marseille-Trainers Jorge Sampaoli und andere Tiraden zu vernehmen. Der Regisseur zeigte auch die Bilder, auf denen Sampaoli von seinen eigenen Leuten mit Gewalt zurückgehalten werden muss.

          Fans stürmen auf den Platz und beteiligen sich an den Tumulten.
          Fans stürmen auf den Platz und beteiligen sich an den Tumulten. : Bild: Reuters

          Zum Anpfiff der neuen Spielzeit war auch noch Lionel Messi nach Paris gekommen: Gott in Frankreich, sozusagen. Die Kameras der ganzen Welt blickten auf den französischen Fußball. Mit Messi und Amazon feierte er seine Auferstehung noch in der Epidemie und nach dem frühen Aus bei der EM. Die krisengeschüttelte Ligue 1 fühlte sich als Nabel der Welt, in Hochstimmung begann die Meisterschaft – noch vor England, Spanien, Deutschland und Italien.

          Die Erwartungen der Zuschauer wurden nicht enttäuscht, jene von Amazon weit übertroffen. Es gab spektakuläre Spiele. Und ein solches war auch das Spitzenspiel am Sonntagabend in Nizza. Doch schon in der ersten Runde vor zwei Wochen musste die Begegnung zwischen Montpellier und Marseille unterbrochen werden. Zwei tolle Tore schoss Payet damals zum 3:2-Sieg von Olympique. Wegen Flaschenwürfen aus der Fankurve hatte der Schiedsrichter die Spieler in die Kabine geschickt. Der Sicherheitschef von Montpellier appellierte an die Zuschauer. Nach einer Viertelstunde Unterbrechung ging es weiter – und problemlos zu Ende.

          Schon vor dem Flaschenwurf, der ihn traf, hatte Payet nun gegen die Wurfgeschosse protestiert und Eckstöße nur langsam ausgeführt – was ihm die Fans als Provokation auslegten. Nicht zu sehen waren im Fernsehen die Zusammenstöße auf der Tribüne der nichtzahlenden Zuschauer. Marseille-Präsident Pablo Longoria soll sich mit einem Nizza-Verantwortlichen und früheren Sportvorstand der Stadt geprügelt haben.

          Nur widerwillig suchten die Spieler die Kabinen auf. Jean-Pierre Rivière, Präsident von OGC Nizza, begab sich zu den Fans, denen er später im Fernsehen einen Persilschein ausstellte: Es sei unverständlich, dass die „Kollegen aus Marseille“ die Wiederaufnahme des Spiels verweigert hätten. Auch von Dante, dem Kapitän von Nizza, der sie in ihrem Umkleideraum aufsuchte, ließen sie sich nicht umstimmen.

          Zehn Minuten vor Mitternacht wurde der Ball auf die Stelle, an der Payet getroffen worden war, gelegt. Das Stadion war schon halb leer und die Einheimischen auf dem Platz, der nun von bewaffneten Polizisten geschützt wurde. Doch weil der Gegner fehlte, pfiff der Schiedsrichter nicht an, sondern ab. Das war ihm auch lieber: Er hielt die Sicherheit für gefährdet, zur Wiederaufnahme hatte ihn die Liga veranlasst. Sie verkündete umgehend, dass das Spiel mit 3:0 für Nizza gewertet wurde.

          Das wird nicht das letzte Wort sein. Das Nachspiel hat begonnen. Eine „rote Linie“ sei überschritten worden, befindet Sportministerin Roxana Maracineanu und verlangt harte Strafen. Am Mittwoch müssen beide Vereine wegen der Ausschreitungen vor der Disziplinarkommission antreten. Es bleibt die leise Hoffnung, dass aus der „Schande von Nizza“ die Lehren gezogen werden. Verantwortlich sind viele. Die Gewalt gegen die Spieler aber ging von den Ultras aus.

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