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FC Bayern im DFB-Pokal : Die Rettungsmission des Niko Kovac

Rückkehr in die Heimatstadt: Bayern-Trainer Niko Kovac spielt mit seinem Team im DFB-Pokal bei Hertha BSC in Berlin. Bild: dpa

Die Debütsaison des neuen Bayern-Trainers ist kompliziert. Die wohl realistischste Titelchance der titelgewohnten Münchner ist der DFB-Pokal. Doch auf dem Weg dorthin wartet ein spezielles Spiel auf Niko Kovac.

          Vor den Pokalreisen nach Drochtersen/Assel und Rödinghausen hätte die Frage wie ein Witz geklungen. Doch einen Tag vor dem Trip in die Hauptstadt, zum Achtelfinale bei Hertha BSC Berlin an diesem Mittwoch (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal, in der ARD und bei Sky), schien sie angebracht: Wie hält es der Trainer des FC Bayern eigentlich mit der Glaubensfrage, ob man Elfmeter trainieren kann oder nicht? Für das bei einem K.-o.-Duell nach 120 Minuten mögliche Nervenspiel am Punkt?

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          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Niko Kovac winkte ab: Er hält nichts davon. Weil man die Anspannung, die Fallhöhe, vor der ein Schütze im Elfmeterschießen steht, nicht simulieren kann. „Wenn man pro Fehlschuss 50.000 Euro zahlen müsste, dann vielleicht“, sagte er am Dienstag nur halb im Scherz – zweifelte dann aber doch daran, vermutlich, weil ihm die Gehälter seiner Spieler einfielen. Immerhin beteuerte Kovac, er wisse schon, „wer wann“ antreten werde. Aber das wäre ein Notfall: „Wir wollen es in neunzig Minuten entscheiden“, so wie bei den knappen Zittersiegen gegen die beiden Amateurklubs.

          Kovac begegnet dem neuerlichen Rückfall der Bayern in defensive Schwächen mit einer Offensive des Lächelns. Und das, ohne etwas zu beschönigen. „Verteidigen macht nicht jedem Spaß“, sagte er drei Tage nach der 1:3-Niederlage in Leverkusen, als die Bayern wie schon im November bei der 2:3-Niederlage in Dortmund eine Halbzeitführung verspielten – weil mitunter nach der Pause die „absolute Bereitschaft“ nachlasse, den ballführenden Gegner „im Sprint anzulaufen“ und nicht „im Trab oder halben Tempo“, so Kovac, weshalb er Vollzeitkräfte fordert: „Wir müssen neunzig Minuten defensiv arbeiten.“

          Die defensive Zwischenbilanz des Meisters ist alles andere als meisterlich. 23 Gegentore in der Liga: „Zu viel“, findet Kovac, fünf Spiele mit jeweils drei Gegentoren (vier in der Liga, dazu das 3:3 bei Ajax Amsterdam) ebenfalls. Und dass schon einmal der FC Bayern nach kaum mehr als der Hälfte der Saison zwölf Punkte nach eigener Führung eingebüßt hätte, „daran kann ich mich nicht erinnern“. Andererseits, sagte Kovac lächelnd, fast väterlich milde, müsse man Spielern, die Fehler gemacht haben, „auch mal den Rücken stärken“ und ein „gesundes Maß an Fingerspitzengefühl“ zeigen.

          Dieses Feingefühl für eine seltsam schlingernde, sich selbst suchende Bayern-Elf zu finden wirkt in dieser Saison besonders schwierig. Ende September, als Kovacs Team in der Liga nach Berlin musste, waren nach fast makellosem Saisonstart bereits Elogen auf den neuen Trainer erklungen und ebenso eilfertige Kassandra-Klagen, wonach die Bayern den Kampf um die Meisterschaft wieder genauso langweilig machten wie in den vergangenen sechs Jahren. Hertha-Sportdirektor Michael Preetz stemmte sich gar wagemutig gegen die allgemeine Stimmung, indem er eine Wette anbot, dass die Bayern die Saison nicht ungeschlagen beenden würden.

          Die fiktive Wette war wenige Tage später gewonnen, die Bayern verloren in Berlin 0:2 und waren die nächsten zwei Monate wie in ihr eigenes Gegenteil verwandelt. Ende November, nach dem 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf und dem Absturz auf Platz fünf, wirkte Kovac wie ein Gescheiterter („Die Worte habe ich gar nicht, die mein Inneres ausdrücken können“), und Präsident Uli Hoeneß („Ich dachte, die Welt geht unter“) gab in Bezug auf dessen Zukunft nur noch die Auskunft, dass „an diesem Dienstag in der Champions League gegen Benfica Niko Kovac unser Trainer sein wird“.

          Die Zeit war einfach zu knapp, als dass man bis dahin einen anderen hätte suchen können. Dann gewann er, gewann weiter, wagte plötzlich klare Kante bei Aufstellung, Verzicht auf Rotation, neue Systemideen – und saß an Weihnachten, nach fünf Siegen in der Liga, wieder fest im Sattel, ja sah, nach zwei weiteren Erfolgen im Anschluss an die Winterpause, wie der große Gewinner einer überstandenen Krise aus. Und dann nun diese zweite Halbzeit in Leverkusen – und die daraus folgende Notwendigkeit, an diesem Mittwoch zu zeigen, dass es nur ein Ausrutscher war, nicht der Beginn eines neuen Zwei-Monats-Zyklus. Also einer weiteren Kurve in der Achterbahnfahrt, diesmal wieder abwärts.

          Kovac lächelt und strahlt Positives aus. „Immer wieder schön, in meine Geburtsstadt zurückzukehren“, sagt der Trainer, der seinen persönlichen Hattrick mit dem dritten Pokalfinale in Serie im Mai in Berlin vollenden möchte. Doch während das Pokalfinale für einen Klub wie Eintracht Frankfurt, mit dem er es zweimal erreichte, ein wunderbarer Bonus ist, ist es für den Rekordmeister und Rekordpokalsieger fast schon ein Pflichtprogramm – zumal der Pokal in dieser Saison angesichts des Rückstandes in der Liga und der mächtigen Konkurrenz in der Champions League die wohl realistischste Titelchance der titelgewohnten Bayern ist.

          So geht es also in Berlin, ausgerechnet bei der sperrigen Hertha, die die letzten vier Spiele gegen die Bayern nicht verlor und deren Mannschaft, so der Bayern-Trainer, „immer heiß ist, immer über ihre Grenzen geht“, für Kovac darum, nicht nur die am Samstag lädierte Formkurve zu flicken – sondern vor allem um die Chance, eine komplizierte Debütsaison womöglich mit einem Pokalsieg im Mai irgendwie noch retten zu können. Und sei es in einem Elfmeterschießen, in dem jeder Fehlschuss weit teurer käme als 50.000 Euro.

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