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Niederlande : Mehr Wille

Rafael van der Vaart: „Erst in Deutschland bin ich zu einem echten Kerl geworden” Bild: AFP

Schon oft haben die Niederländer in den WM-Vorrunden faszinierenden Fußball gespielt - und sind in den entscheidenden Partien gescheitert. Diesmal wollen sie effektiver spielen. Die Erfahrungen aus der Bundesliga sollen dabei helfen.

          Ohne Zweifel war Rafael van der Vaart schon ein guter Fußballspieler, als er im Sommer 2005 von Ajax Amsterdam zum Hamburger SV in die Bundesliga wechselte, aber ihm fehlten die Muskeln. „Erst in Deutschland bin ich zu einem echten Kerl geworden“, sagt der Siebenundzwanzigjährige. Nun ist er nicht mehr der einzige dieser echten Kerle im Aufgebot der niederländischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Südafrika. Mit Joris Mathijsen, Nigel de Jong, Mark van Bommel und van der Vaart werden vermutlich gleich vier aktuelle oder ehemalige Bundesligaspieler zur Startelf zählen. Und hätte Arjen Robben sich im letzten Testspiel keinen Muskelfaserriss im Oberschenkel zugezogen, wären es sogar fünf.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Ich tue alles, um in einer Woche wieder gesund zu sein“, sagt Robben und macht Hoffnung auf eine Wunderheilung. „Bei einer konservativen Therapie braucht die Muskulatur vier Wochen, um zu heilen. Darum sind jetzt andere Mittel nötig“, erklärte Robben. Auch ohne ihn ist der „deutsche Einfluss“ aber ein Faktor, der am Ende für die Niederländer den Unterschied ausmachen könnte. „Die Deutschen können in jeder Minute alles geben“, sagt Mathijsen, der seit 2006 für den HSV aufläuft. „Davon müssen wir lernen und unseren Stil verändern.“ Ihm selbst ist diese Verwandlung offenbar gelungen: „Ich bin jetzt wie ein Deutscher.“

          „Wir spielen eigentlich immer super - und gewinnen eigentlich nichts“

          Schon oft sind die Niederländer als einer der Favoriten in die vergangenen Turniere gegangen, sie haben in den Vorrunden teilweise faszinierenden Fußball gespielt - und sind in den entscheidenden Partien immer wieder gescheitert. Den bislang einzigen Titel hat das Land 1988 bei der Europameisterschaft in der Bundesrepublik gewonnen. Ausgerechnet dort, könnte man nun sagen.

          Joris Mathijsen: „Die Deutschen können in jeder Minute alles geben. Ich bin jetzt wie ein Deutscher”

          Die Niederländer aber hadern vor allem damit, dass inzwischen schon wieder 22 Jahre seit diesem Coup vergangen sind. „Wir spielen eigentlich immer super - und gewinnen eigentlich nichts“, sagt van der Vaart. Ein anderer Stil musste gefunden werden. „Bei der WM oder EM sind wir am Ende immer eingebrochen“, sagt Mathijsen. „Das liegt auch an der Organisation, am Mannschaftsgefüge. Da sind uns die Deutschen überlegen.“

          19 Spiele in Serie unter van Marwijk nicht verloren

          Um erfolgreicher zu werden, haben sich die Niederländer sogar ein Stück weit von ihrer Tradition entfernt. Bondscoach Bert van Marwijk verzichtet ebenso wie sein Vorgänger Marco van Basten auf das 4-3-3-System mit zwei Flügelstürmern, der vermeintlich unumstößlichen Gesetzmäßigkeit des holländischen Fußballs. Stattdessen lässt er zumeist eine 4-2-3-1-Formation auflaufen mit den beiden rustikalen Abräumern Nigel de Jong (ehemals HSV) und Mark van Bommel (Bayern München) im defensiven Mittelfeld - ähnlich wie es auch Bundestrainer Joachim Löw pflegt.

          Was hierzulande jedoch nur als Mittel zum Zweck angesehen wird, gleicht im Nachbarland einer Kulturrevolution. Und nur Siege können sie legitimieren. Der 6:1-Erfolg über Ungarn am Samstag war schon das 19. Spiel in Serie unter der Regie van Marwijks, das nicht verloren wurde. Ein neuer Rekord in den Niederlanden.

          Sie wollen nicht mehr zu schön spielen, sondern vor allem effektiv sein. Einst galt es als hässlich, den Ball aus einem Meter abzustauben, und war deshalb etwas für die Deutschen. Die Niederländer wollten stets mit Stil gewinnen - und wenn es halt nicht zu vermeiden ist, mit Klasse verlieren. Die neue Generation von Spielern ist jedoch nicht belastet von diesen alten Dogmen, und vor allem bringt sie eine Mentalität mit, die viele von ihnen in der Bundesliga gelernt haben: niemals aufgeben.

          „Der Deutsche erfüllt immer erst seinen Auftrag“

          Van der Vaart sagt, dass er erst in Deutschland verstanden habe, worum es im Fußball wirklich geht: um Siege - egal wie. Die Holländer haben ihre Mentalität verändert, sagt denn auch Huub Stevens, der in Deutschland den FC Schalke 04, Hertha BSC, den 1. FC Köln und den Hamburger SV trainiert hat. „Der Deutsche erfüllt immer erst seinen Auftrag und fragt hinterher, warum es nötig war“, sagt der Sechsundfünfzigjährige. „Der Niederländer würde am liebsten alles auf seine eigene Art machen. Deshalb fragt er immer erst, warum, bevor er eine Anweisung befolgt.“

          Inzwischen vereint der niederländische Fußball das Beste aus holländischen und deutschen Tugenden. Dort die Spielkunst und Ästhetik, da den Sinn für das Nützliche und eine Moral, im Zweifel immer noch mal zulegen zu können. Kreativ und konservativ zugleich - so stellt sich van Marwijk das Spiel seines Teams vor. Auf seinen deutschen Lehrmeister kann die Niederlande erst im Halbfinale oder gar im Endspiel dieser Weltmeisterschaft treffen. „Diese Duelle sind immer etwas Besonderes“, sagt van der Vaart. Zuletzt hatte seine Mannschaft oft das bessere Ende für sich, und inzwischen glaubt Mathijsen sogar an eine Rollenumkehr: „Wenn sich Deutschland und Holland noch mehr austauschen würden, dann würde das beide Nationalmannschaften fußballerisch voranbringen.“

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