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Niederlande : Das treffliche Sneijderlein

„Ich bin in der Form meines Lebens, so stark wie nie”: Wesley Sneijder Bild: AP

Der Mann hat Köpfchen. Der „Schlumpf“ Wesley Sneijder ist zwar nicht der beliebteste Spieler in der niederländischen Elf. Aber mit seinen Toren machte er sich unentbehrlich. Der Grund für seinen sportlichen Höhenflug heißt Yolanthe.

          Was ist das Erfolgsrezept von Oranje 2010? Die geläufigen Erklärungen: Nüchternheit, Disziplin, Charakter. Und dazu die neue Bereitschaft, sich nicht um die Schönheit zu kümmern, nur um den Erfolg. Doch es gibt einen weiteren Grund. Er ist 1,70 Meter groß, kahlköpfig und bei vielen Kollegen unbeliebt. Von manchem im Team wird er hämisch als „Smurf“ bezeichnet, als „Schlumpf“.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Aber dieser Giftzwerg ist der wichtigste Mann bisher für Hollands WM. Und weil seine Mitspieler verstanden haben, dass man nicht eine ganze Saison mit dem als reizbar und arrogant geltenden Arbeitskollegen auskommen muss, nur ein paar Wochen bei der WM, hat man sich arrangiert - mit Wesley Sneijder, der im Oranje-Trikot das ist, was auch Johan Cruyff war: Stinkstiefel und Zauberfuß zugleich.

          „Ich bin in der Form meines Lebens, so stark wie nie“, sagt der Spielmacher. Er verbrachte 17 seiner 26 Jahre bei Ajax Amsterdam, danach wurde Real Madrid zur Sackgasse, wie für Arjen Robben auch, einen seiner wenigen Freunde im Team. Erst nachdem er von Real im letzten Sommer ausgemustert und von Inter Mailand für den Schnäppchenpreis von 15 Millionen Euro gekauft wurde, ist er aufgeblüht. Sneijder wurde der mitentscheidende Mann für den Gewinn von Meisterschaft, Pokal und Champions League. Laut „Corriere dello Sport“ will Inter den noch bis 2013 laufenden Vertrag schon jetzt bis 2015 verlängern, bei Erhöhung des Jahressalärs von vier auf sechs Millionen Euro.

          Wir sind im WM-Halbfinale: Sneijder grüßt alle Daheimgebliebenen

          Hochzeit sechs Tage nach dem WM-Finale

          „Es war ein Fehler“, räumt Sneijder inzwischen über seinen in Madrid gepflegten Hang zum Jetset-Leben ein. Anders als der freundliche Familienmensch Robben ließ er in den vergangenen Jahren gern den Star raushängen, was in der Heimat nicht gut ankam. So bekam er einen Stammplatz in den Schlagzeilen der Klatschpresse, als durch eine Überwachungskamera in Amsterdam seine Affäre mit der TV-Moderatorin Yolanthe Cabau van Kasbergen aufflog.

          Er ließ sich von seiner Jugendliebe Ramona scheiden, mit der er einen dreijährigen Sohn hat. Sneijder beteuerte: „Mein sportlicher Höhenflug hängt definitiv mit Yolanthe zusammen. Wenn du dich privat nicht wohl fühlst, schleppst du das auch auf den Platz. Bei mir passt im Moment einfach alles.“

          Sechs Tage nach dem WM-Finale soll Hochzeit in der Toskana sein. Der Motivationstrainer Emile Ratelband (bekannt für seinen Anfeuerungsruf „Tschaka!“), der das Nationalteam beim EM-Sieg 1988 als Motivator betreute, erklärte in einem Interview mit der „taz“, wie das Nationalteam derzeit vom Bräutigam (und der Braut) profitiere: „Am meisten motiviert ist Wesley Sneijder“, deshalb habe „Yolanthe Cabau van Kasbergen den meisten Einfluss auf die Mannschaft“.

          „Wesley ist in herausragender Form“

          Bert van Marwijk hat allerdings auch einigen Einfluss. Anders als Joachim Löw, der Kevin Kuranyi aus dem Nationalteam warf, weil dieser nach seiner Nichtaufstellung gegen Russland 2008 das Stadion verließ, sah der Nationaltrainer über einen ähnlichen Ungehorsam Sneijders 2009 gegen Schottland hinweg. Und als Robin van Persie seine Auswechslung im Achtelfinale gegen die Slowakei mit einem wütenden Zuruf Richtung Trainer quittierte, den Lippenleser des niederländischen Fernsehens als „Wechsle Sneijder aus!“ dechiffrierten, ließ van Marwijk Sneijder auf dem Platz (er traf vier Minuten später) und berief umgehend eine Teamsitzung ein. Darin wurde der Fall diskutiert und die Luft wieder gereinigt.

          „Wesley ist in herausragender Form. Wir hoffen, dass er auch gegen Uruguay so weitermacht“, sagte van Marwijk vor dem Halbfinale an diesem Dienstag. Er weiß, was er an seinem schwer integrierbaren Spielmacher hat, der in Südafrika auch Torjäger ist. Sneijder schoss in fünf Spielen vier Tore, und immer die wichtigen: den 1:0-Siegtreffer gegen Japan; das 2:1 gegen die Slowakei (nachdem er das 1:0 Robben mit einem Fünfzig-Meter-Steilpass aufgelegt hatte); und zuletzt beide Tore beim 2:1 gegen Brasilien.

          „Der Mann ist 22 Zentimeter groß“

          Das erste gegen Brasilien war zunächst als Eigentor von Felipe Melo betrachtet worden, dann aber schrieb es die „Technische Studiengruppe“ des Internationalen Fußball-Verbandes dem Holländer zu. Das zweite dagegen war von Beginn an ganz unumstritten Sneijders Tor. Ungläubig schlug er sich immer wieder gegen den Kopf, mit dem er den Ball, umzingelt von brasilianischen Hünen wie Juan oder Lucio, ins Netz befördert hatte.

          Millionen Holländer feierten den kleinen Spielmacher als ihren neuen Fußballriesen. Nur TV-Reporter Jack van Gelder ließ ihn im Live-Kommentar sogar erheblich schrumpfen: „Der Ball ist drin! Sneijder per Kopf! Der Mann ist 22 Zentimeter groß - und kommt trotzdem einfach dran.“ Sein bisher einziges Kopfballtor hatte das treffliche Sneijderlein in einem Ligaspiel gegen Den Haag erzielt: „Das war ein Torschuss, den ich aus Versehen vor den Kopf bekommen habe.“

          „Urplötzlich schlägt Wesley gnadenlos zu

          Köpfchen hat er übrigens auch. Er erklärte schon früh bei der WM, er sei froh, sich noch nicht „mit den Deutschen beschäftigen“ zu müssen, „weil wir erst im Finale auf sie treffen können“. Und dass es für diese Deutschen „vielleicht sogar ein Vorteil ist, dass Michael Ballack nicht dabei ist. Deutschland ist nun besser, es ist mehr Schnelligkeit im Spiel.“

          Holland dagegen könnte auf Sneijder nicht verzichten, er ist der Beschleuniger - nicht der Typ Spielmacher, über den die Spielkontrolle läuft, wie ein Schweinsteiger, eher der lauernde, explosive Mann für den letzten Pass oder das Tor aus der Tiefe. „Er ist manchmal fast ein ganzes Spiel nicht zu sehen“, sagt Abwehrspieler Joris Mathijsen, „und urplötzlich schlägt Wesley gnadenlos zu.“ Und ebenso urplötzlich sind alle froh, dass sie ihn haben. Mit einem Schlumpf, der Kopfballtore erzielt, scheint alles möglich.

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