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Nationalmannschaft : Stoff zum Nachdenken

Genug von Dublin: Die Nationalspieler Hummels, Volland und Schürrle (v.l.) nach der Niederlage Bild: AP

Bundestrainer Joachim Löw ist nach dem 0:1 in Dublin genervt von Versäumnissen seiner Spieler. Die Nationalmannschaft nutzt eine deutliche Überlegenheit nicht zu Toren in Irland. Ein Scheitern an der Qualifikation scheint dennoch undenkbar.

          Der irische Fußball brauchte für seinen großen Moment keine durchgestylte Siegeshymne, ein Klassiker der Popgeschichte tat es auch. „Just can’t get enough“ von Depeche Mode dröhnte aus den Lautsprechern, und während das die Stimmung der meisten im Stadion an der Lansdowne Road in Dublin ziemlich gut traf, stahlen sich ein paar Herren in weiß vom Platz, von denen man das nicht behaupten konnte. Die Deutschen waren bedient.

          Einen Fußballabend, an dem so viel schiefgegangen war, hatten sie lange nicht erlebt: Schweinsteiger schon vor dem Spiel verletzt, Götze nach einer guten halben Stunde verloren – und dann natürlich das Ergebnis, dieses 0:1, das vor dem Anpfiff schon kaum noch als Außenseitertipp durchgegangen wäre, sondern eher als (schlechter) Witz. Nun aber war es bittere Realität, und mit der Niederlage auch die Tatsache, dass die Deutschen in eine Art Finale müssen, obwohl sie sich eher auf Abschlussparty und vielleicht sogar ein wenig Extrafreizeit eingestellt hatten.

          Genervt von Versäumnissen

          Gut, ein Heimspiel gegen Georgien verspricht nicht denselben Nervenkitzel wie im entscheidenden 1:0-Sieg im vorentscheidenden Gruppenspiel in Russland vor der WM 2010, zumal den Deutschen am Sonntag in Leipzig (20.45 Uhr/live bei RTL und F.A.Z.-Liveticker) schon ein Remis und unter günstigen Umständen auch eine Niederlage für das EM-Ticket reichen würde: wenn Polen und Iren nicht gerade unentschieden spielen (und selbst dann bliebe noch die Playoff-Chance). Ein wenig genervt aber waren Joachim Löw und seine Spieler schon. Vor allem von ihren Versäumnissen, die sie in diese etwas missliche Lage gebracht haben. Für den Bundestrainer war es „eine der unnötigsten Niederlagen in den letzten Jahren“.

          An diesem Abend, konnte man etwas zugespitzt sagen, hatte es hinten und vorn nicht gestimmt im deutschen Team. Vorn, weil beste Chancen reihenweise versiebt wurden, vor allem in der ersten Halbzeit, aber auch später noch, als Shane Long die Iren nach 70 in Minuten in Führung gebracht hatte. Sinnbildlich dafür stand Thomas Müllers Fehlschuss nach 78 Minuten, der ihn selbst fassungslos die Haare raufen ließ. Jerome Boateng brachte es später auf die prägnanteste Formel: „Dass wir hier ohne ein Tor wegfahren, ist eine Frechheit“, sagte er. Wobei das Fehlverhalten hinten fast noch ein bisschen schmerzhafter sein dürfte, wenn Löw die Szenen noch einmal auf Video Revue passieren lässt.

          Ärger des Bundestrainers: Joachim Löw kritisiert seine Spieler Bilderstrecke

          Sich von einem Abschlag des Torhüters überrumpeln zu lassen, mutete, gemessen an den Ansprüchen eines Weltmeisters, regelrecht kindisch an. Long jedenfalls machte sich einen Spaß daraus, die Herren Boateng, Hummels und Hector wie grüne Jungs stehenzulassen und mit einem satten Schuss, gegen den Neuer nichts ausrichten konnte, das Stadion in seinen Grundfesten erbeben zu lassen.

          Kritik am Stellungsspiel

          Den Bundestrainer wurmte dieser Fauxpas natürlich, er kritisierte das mangelhafte Stellungsspiel und die Unaufmerksamkeit seiner Verteidiger. Aber er war insofern bereit, Milde walten zu lassen, als er darin ein singuläres Problem erkannte. „Irland spielt 100 lange Bälle. 99 Mal haben wir alles richtig gemacht. Einmal nicht“, sagte er.

          Das andere Thema beschäftigte ihn weit mehr. Und das nicht ohne Grund. Schließlich hat sich ein gewisses Laisser-faire vor des Gegners Tor zu einem unerfreulichen Markenzeichen des deutschen Spiels entwickelt. Nach den Siegen gegen Polen (3:1) und in Schottland (3:2) schob sich zwar wieder der Eindruck in den Vordergrund, dass die Deutschen jederzeit können, wenn sie nur wollen. Dublin allerdings war eine ungute Erinnerung an manch andere Partie, in der zwar der Ball recht ansehnlich gelaufen, der Sinn des Spiels dabei aber irgendwo auf der Strecke geblieben war. „Wir waren überlegen, aber wir haben aus der Dominanz nichts gemacht“, klagte Löw und kündigte, durchaus enerviert, Nachhilfe an: „Ich denke, dass wir einfach lernen müssen, obwohl wir in der Regel viele Tore erzielen und uns viele Chancen herausspielen, dass wir in dem einen oder anderen Spiel die Chancen auch nutzen müssen.“

          Der Bundestrainer wies allerdings zu Recht auch darauf hin, dass es dabei nicht immer um die letzte Aktion geht, den Abschluss in vorderster Linie. Sondern auch um die nötige Schärfe in der Anbahnung. „Wir haben ein bisschen zu pomadig, zu langsam gespielt“, sagte er. „Das war dann im Laufe des Spiels manchmal zu wenig.“

          Stoff zum Nachdenken

          Der Wurm, so schien es, hatte sich am Donnerstag in Dublin schon weiter hinten eingeschlichen: im Mittelfeld, wo Ilkay Gündogan zwar kraftvoll und motiviert, diesmal aber auch etwas fahrig wirkte. Und wo Toni Kroos wenig von der Dynamik und Aura ausstrahlte, die ihn in Brasilien zu einem der wertvollsten Spieler gemacht hatte. Alles in allem passte, kombinierte, rochierte die deutsche Mannschaft fleißig vor sich, verströmte dabei aber keinen Eroberergeist. Vielleicht auch, weil es an ausgewiesenen Eroberern fehlte. Kapitän Schweinsteiger jedenfalls durfte das Spiel als Argument verbuchen, warum es auf seinen Typ doch noch ankommen könnte, wenn es ernst wird.

          Am Sonntag in Leipzig wird er wahrscheinlich fehlen, Götze sicher, beiden bereiten die Adduktoren Probleme. Bange war den Nationalspielern und ihrem Trainer aber nicht, als sie am Donnerstag Dublin verließen. Die Georgier schließlich hatten beim Hinspiel in Tiflis, das Löws Team 2:0 gewann, reichlich  überfordert gewirkt – da fällt es schwer, sich vorzustellen, wie sie die direkte Qualifikation für Frankreich gefährden könnten. Stoff zum Nachdenken aber haben die Deutschen aus Dublin schon mitgebracht. Dass die Bayern aus so einer Überlegenheit so wenig machen, kann man sich nicht (mehr) vorstellen. Bei der Nationalmannschaft hat man sich fast schon ein bisschen dran gewöhnt.

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