https://www.faz.net/-gtl-83iul

Brasilianisches Nationalteam : Neymar muss immer spielen

Spitzenleistungen gefordert: Der brasilianische Superstar Neymar ist im Dauerstress Bild: AP

Eine Vermarktungsagentur setzt Brasiliens Nationalcoach Carlos Dunga unter Druck: Er muss in jedem noch so unbedeutenden und noch so fernen Testspiel seine besten Stars aufbieten. Der Profiteur könnte ein umstrittener ehemaliger Funktionär sein.

          3 Min.

          Mit der Rückkehr von Carlos Dunga Ende Juli 2014 ins Traineramt der Seleção schien Ruhe einzukehren in die durch die 1:7-Schlappe gegen Deutschland im WM-Halbfinale schwer angeschlagene brasilianische Fußball-Nationalmannschaft. Oberstes Gebot für den Coach war es, das orientierungslose Team, das ohne den verletzten Superstar Neymar am 8. und 12. Juli im Halbfinale und im Spiel um Platz drei bei der WM im Heimatland von den Deutschen und den Holländern gedemütigt worden war, wiederaufzurichten, neu zu formieren und für die „Copa América“ vom 11. Juni bis 4. Juli in Chile vorzubereiten.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Dabei kann der 51 Jahre alte Nationalcoach, der das Team schon von 2006 bis 2010 trainiert hatte, auf eine makellose Bilanz zurückblicken: In acht Spielen gab es acht Siege. Dunga setzte bedingungslos auf Neymar als Zugpferd und Integrationsfigur in der Seleção. Und der Superstar erfüllte die vom Trainer und von der gesamten brasilianischen Fußballnation in ihn gesetzten riesenhaften Erwartungen voll und ganz. In den acht Spielen schoss Neymar nicht nur acht Tore, er übernahm neben der Rolle des Vollstreckers zugleich jene des Vorbereiters im Sturm und des Antreibers im Mittelfeld.

          Diktiert ein Vermarkter die Aufstellung?

          Manche Experten wunderten sich schon, dass Neymar in jeder noch so unbedeutenden Partie weit weg von der brasilianischen Heimat und von seinem Hauptaufenthaltsort Barcelona am Ball war. Wiedergutmachung für die WM hin, Wiedererlangung des Selbstbewusstseins her: Einige Medien fragten sich, warum Dunga seinen Star Neymar so sehr beansprucht.

          Die Frage könnte falsch gestellt sein, es drängt sich eine andere auf: Hat der Nationaltrainer von Brasilien überhaupt das Sagen, wenn es um die Mannschaftsaufstellung geht? Daran hat eine Enthüllung der Tageszeitung „Estado de São Paulo“ jetzt tiefe Zweifel gesät. Der in Genf tätige Korrespondent des Blattes ist an den geheimen Vertrag des brasilianischen Fußballverbandes Confederação Brasileira de Futebol (CBF) mit dem Sportvermarkter „International Sports Events“ (ISE) gelangt, unter welchen der damalige CBF-Präsident Ricardo Teixeira Ende 2011 seine Unterschrift gesetzt hat. ISE ist eine auf den Cayman-Inseln in der Karibik registrierte Tochtergesellschaft der Holding Dallah al Baraka Group, die dem saudischen Milliardär Saleh Abdullah Kamel gehört.

          ISE hatte sich schon 2006 - nach Verhandlungen mit CBF-Präsident Teixeira - die Rechte zur Vermarktung aller Freundschaftsspiele der brasilianischen Nationalmannschaft gesichert, zum Preis von einer Million Dollar pro Begegnung. Die Seleção wurde deshalb regelmäßig zu Privatspielen auf eine „Brasil Global Tour“ geschickt, bevorzugt nach Afrika und Asien. Dort machten solvente Potentaten und deren nationale Fußballverbände das nötige Geld locker, um dem Publikum ein Spiel der international vielleicht drittklassigen heimischen Nationalmannschaft gegen die brasilianischen Weltstars zu präsentieren.

          Verletzungen müssen attestiert werden

          2010 stand zum Beispiel ein Spiel gegen Zimbabwe auf dem Programm, auch Langzeit-Diktator Robert Mugabe war im Stadion in Harare dabei. Vom Auftritt einer ausgedünnten Seleção im November 2011 in Libreville in Gabun - Brasilien siegte 2:0 nach Toren von Sandro und Hernanes - waren die Manager von ISE offenbar wenig beeindruckt, und sie verlangten von CBF-Präsident Teixeira Nachbesserungen in dem bis 2022 laufenden Vertrag. Danach garantiert der CBF, dass künftig in jedem einzelnen Privatspiel „die Spieler des A-Teams zum Einsatz kommen“ - also internationale Stars mit klingendem Namen. Bei Zuwiderhandlung kann ISE das Garantiehonorar für den CBF pro Begegnung halbieren.

          Wer stellt auf? Trainer Carlos Dunga im Gespräch mit Neymar
          Wer stellt auf? Trainer Carlos Dunga im Gespräch mit Neymar : Bild: Picture-Alliance

          Die Behauptung, ein Star sei wegen Verletzung für ein Freundschaftsspiel der Seleção nicht einsatzfähig, muss der CBF dem Vermarkter ISE gegenüber mit einem unabhängigen ärztlichen Attest beweisen.

          Das bedeutet erstens, dass der brasilianische Nationaltrainer selbst in der Vorbereitung auf die WM-Endrunden 2018 und 2022 an die Vorgaben des Vertrags zwischen CBF und ISE gebunden ist und bei Testspielen nicht allein nach sportlichen Vorgaben neue Spieler prüfen oder Stammspieler schonen kann. Zweitens zeigen die von der Zeitung „Estado“ vorgelegten Dokumente, dass der Fußballverband CBF die Privatspiele seiner Nationalmannschaft auf Jahre hinaus „verkauft hat“, wie das Blatt formuliert; und beim Stückpreis von einer Million Dollar pro Spiel darf der Vermarkter ISE faktisch über die Mannschaftsaufstellung bestimmen.

          Dunga schweigt bislang

          In einer wortreichen, aber argumentationsschwachen Erklärung hat der CBF den Bericht der Zeitung zurückgewiesen und versichert, über die Aufstellung der Nationalmannschaft bestimme bei jedem Spiel immer und ausschließlich der Trainer. Carlos Dunga hat sich in der Sache noch nicht geäußert.

          Ricardo Teixeira trat im März 2012 nach mehr als 13 Jahren an der Spitze des CBF von seinem Amt zurück. Kurz darauf setzte er sich nach Miami ins Exil ab, wo er in einer prächtigen Villa lebt. Teixeira, der von 1994 bis 2012 auch Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees war, wird von der brasilianischen und der Schweizer Justiz verdächtigt, als Verbandsfunktionär Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe eingestrichen zu haben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Airbus der Lufthansa landet im November 2020 auf dem Berliner Flughafen Tegel.

          Klimaschutz : Rettet die Inlandsflüge

          Ein Verbot von Inlandsflügen, wie es zuletzt in Frankreich beschlossen wurde, ist der falsche Weg zum Klimaschutz. Es gibt andere, bessere Möglichkeiten.
          Wichtiger Wert: Wie viele Covid-Kranke auf  Intensivstationen liegen.

          Kennwerte der Corona-Pandemie : Neue Zahl, neues Glück?

          Die Zahl der Neuinfektionen bestimmte in den vergangenen Monaten den Alltag. Damit soll nun Schluss sein. Doch die neuen Pläne der Regierung gehen Wissenschaftlern nicht weit genug – denn Entscheidendes wurde in Deutschland versäumt.
          Am 18. Juni in Teheran: Ebrahim Raissi winkt den Medien zu, nachdem er seine Stimme in einem Wahllokal abgegeben hat. Die Wahl gewann er.

          Irans neuer Präsident : Schlächter und Schneeflocke

          Nächste Woche tritt Ebrahim Raissi sein Amt als iranischer Präsident an. Mit ihm zerbricht der Mythos vom reformfähigen Regime. Weiß der Westen, mit wem er es zu tun bekommt? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.