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Ter Stegen gegen Neuer : Zeit für einen Torwartwechsel?

Torwartwechsel: Manuel Neuer (l.) verteidigt seine Position gegenüber Marc-Andre ter Stegen Bild: dpa

Keine Position im Fußball wird so gerne diskutiert wie die zwischen den Pfosten. Nur wenige Torhüter haben den Nummer-1-Status in der Nationalmannschaft konservieren können – und es ins kollektive Gedächtnis geschafft.

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          Nur über wenige Positionen im Fußball wird öffentlich so viel diskutiert wie über den Torwart. Was ja auch kein Wunder ist, schließlich lässt sich das Spiel der Nummer 1 leichter beobachten und entsprechend auch bewerten als das eines Mittelfeld- oder Abwehrspielers. Selbst Laien glauben erkennen zu können, ob da ein vermeintlicher Fliegenfänger oder ein Titan im Tor steht. Und die ersten Kriterien der Kritik sind ja auch allzu einfach: Ball gehalten oder fallen gelassen? Tor kassiert oder nicht?

          Die Frage nach dem richtigen Torwart entbrennt traditionell am emotionalsten auf der Nationaltorhüter-Position: Unvergessen die Phase der Verdrängung, als Jens Lehmann vor der WM 2006 an Oliver Kahn vorbeizog – oder zumindest vom damaligen Teamchef Jürgen Klinsmann präferiert wurde. Seit einem Jahrzehnt und noch immer gilt Bayern-Torwart Manuel Neuer als Nummer 1, doch unumstritten ist er spätestens seit der verdorbenen WM 2018 nicht mehr, als ihm trotz Fußverletzung der Platz im Tor von Bundestrainer Joachim Löw freigehalten worden war.

          Nun ist die Diskussion noch einmal neu entbrannt, seit sich Marc-André ter Stegen, der hauptberuflich immerhin beim FC Barcelona im Tor steht, öffentlich über seine frustrierende Rolle als Ersatzmann im Nationalteam mokiert hatte. Über dessen Vorstoß war wiederum Neuer „not amused“. Der sonst so konziliante Bayern-Torwart spielte den Platzhirsch und forderte Respekt ein – schließlich gibt er schon seit 2009 in bislang 90 Länderspielen den Gatekeeper. Er rangiert damit hinter Sepp Maier (95) und vor Oliver Kahn (86) auf Platz zwei der ewigen Nummer-eins-Liste. Gibt es einen Bayern-Bonus auf dieser Position?

          Kontrahenten von einst: Oliver Kahn (l.) und Jens Lehmann

          Wie es so ist, wenn die Diskussion erst einmal entbrannt ist, meldeten sich nun alle möglichen selbst ernannten und tatsächlichen Experten zu Wort, darunter auffällig viele ehemalige Nationaltorhüter. Jens Lehmann, mit 61 Einsätzen die Nummer fünf der ewigen deutschen Torhüter-Liste, zeigte sich von der Ansage ter Stegens erst mal angetan: „Ich finde es prinzipiell gut, wenn Spieler Ansprüche äußern, spielen zu wollen“, erklärte Lehmann – womit er en passant seine eigene Herausforderer-Rolle von einst noch einmal rechtfertigte. Zugleich gab sich Lehmann aber als Neuer-Fan zu erkennen, denn ihm gefalle die „leicht arrogante“ Art, mit der der Bayern-Keeper agiere. Sein Urteil: „Wenn beide einhundert Prozent spielen, dann ist Neuer besser. Er hat halt alles und ist komplett.“

          Lehmanns Vor-Vorgänger Bodo Illgner, der auf 54 Länderspiele und den WM-Titel 1990 zurückschauen kann, sieht wegen des Konflikts ein generelles Problem auf das Nationalteam zukommen. Sollten die Trainer es nicht schaffen, „ein Gleichgewicht zu finden“, sei es besser, „wenn man auf einen der beiden verzichtet“, so der frühere Torwart von Real Madrid.

          Diese Gefahr sieht Andreas Köpke, der in den 1990er Jahren zwei Welt- und eine Europameisterschaft lang hinter Illgner auf seine Chance warten musste, ehe er 1996 Europameister wurde, freilich noch nicht gekommen. Er habe „kein Problem“ mit der offen geführten Diskussion, sagte der Bundestorwarttrainer, der letztlich neben Löw entscheiden muss, wer im Tor stehen soll. Wichtig sei, „dass Respekt da ist und wir im Hinblick auf die EM 2020 eine Mannschaft formen, die eng zusammensteht.“ Genau diese Frage stellt sich allerdings derzeit. Und richtig spannend wird es, wenn noch weitere erfolgreich auftretende Torhüter wie Arsenals Bernd Leno und der Frankfurter Kevin Trapp Ansprüche auf die Nummer-1-Position anmelden.

          In der Geschichte der deutsche Fußballnationalmannschaft standen bislang übrigens 78 verschiedene Torhüter zwischen den Pfosten. Nur ein Dutzend hat es aber auf mehr als zwanzig Einsätze gebracht. Für 19 war dagegen das erste auch das letzte Spiel. So gesehen ist Marc André ter Stegen mit seinen 22 Einsätzen seit 2012 schon sehr oft nachgefragt gewesen – und schon auf Position zehn der Einsatzliste vorgerückt. Doch auch er weiß: Ins kollektive Gedächtnis schafft es ein Torwart nur, wenn er WM-Torhüter Nummer 1 ist, so wie Sepp Maier (1970, 1974, 1978), Toni Schumacher (1982, 1986), Oliver Kahn (2002) oder Jens Lehmann (2006) – und am besten noch einen Titel gewinnt. Der als erster „Fußball-Gott“ in die deutsche Sportgeschichte eingegangene Toni Turek spielte übrigens ganze zwanzig Mal für Deutschland – aber er stand eben bei der WM 1954 im Tor und wurde als „Held von Bern“ unsterblich.

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