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Neue Rolle des Fußballs : Vom König zum Bittsteller

Zurück zu den Wurzeln? Der Profifußball nimmt Kontakt mit der Wirklichkeit auf. Bild: AFP

Für den deutschen Profifußball verändert sich die Perspektive. Die neue Frage ist: Wird das Publikum für das frühzeitige Comeback der Bundesliga den Daumen heben?

          5 Min.

          Die wichtigsten Partien, die derzeit im deutschen Fußball gespielt werden, finden in der Zentrale der Deutschen Fußball Liga statt. Spannung ist immer dann angesagt, wenn Geschäftsführer Christian Seifert eine Pressekonferenz gibt. Das ist an diesem Donnerstag schon zum dritten Mal während der Corona-Krise der Fall gewesen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Christian Kamp

          Die Seifert-Pressekonferenzen sind so etwas wie das Krisenbarometer einer Branche, die sich über Jahre daran gewöhnt hat, dass ihre Fans von allen Ereignissen und Ergebnissen, die in den Stadien von den Stars produziert wurden, einfach nicht genug bekommen konnten – und den Fußball mit ihrer Zuneigung und Geld überschütteten. In diesen Tagen jedoch, in denen die Liga von einem auf den anderen Spieltag lernen muss, ums Überleben zu kämpfen, verändert sich in der Boombranche von gestern plötzlich die Perspektive: Nun schauen die Fußballmacher gebannt auf ihr Publikum in Politik und Gesellschaft, ob dieses tatsächlich bereit ist, den Daumen zu heben, wenn sie sich mit ihren konkreten Planungen und rhetorischen Übungen aus der Deckung wagen, um im kommenden Monat als erster Mannschaftssport wieder ins Geschäft einsteigen zu dürfen. Am Abend versprach Fußball-Entscheider Seifert im ZDF, dass man auch im Profifußball künftig über das „Wertefundament“ nachdenken müsse.

          Doch der Applaus für den Fußball hält sich in Grenzen. Selbst unter Fans ist der Widerstand gegen ein schnelles Comeback groß: „Seit gestern haben wir nun noch mehr Gewissheit: Wir werden eine gespenstische Saisonfortsetzung erleben. Allen berechtigten Einwänden zum Trotz kommt der Fußball wieder ins Rollen“, teilte die Vereinigung „Profans“ am Freitag mit.

          Fußball ohne begeisterte Anhänger ist nicht vorstellbar

          Wie kein anderer im deutschen Profifußball verkörpert Christian Seifert in den Wochen der neuen Ungewissheit dennoch auch eine neue Rollenverteilung zwischen Fußball und Fans. Auf der Pressekonferenz hinterließ der smarte Manager nun zum wiederholten Mal den Eindruck, dass die Liga verstanden habe, was die Stunde geschlagen hat. Vorsichtig, zurückhaltend und vergleichsweise tastend bewegte er sich auf dem neuen Terrain, um bloß nicht anzuecken und so breitbeinig daherzukommen, wie es bis zuletzt zum Selbstverständnis der Szene gehörte. König Fußball – so scheint es zumindest, wenn man Seifert zuhört – richtet sich in der Corona-Krise gerade in der Rolle des Bittstellers ein.

          Christian Seifert als Vertreter von König Fußball: Vorsichtig, zurückhaltend und vergleichsweise tastend.
          Christian Seifert als Vertreter von König Fußball: Vorsichtig, zurückhaltend und vergleichsweise tastend. : Bild: dpa

          Aber mit dem Rücken zur Wand, bei einem endgültigen Saisonabbruch stehen rund 750 Millionen Euro und die Existenz von rund einem Dutzend Profiklubs aus erster und zweiter Liga auf dem Spiel, machen sich nachdenkliche Töne auch verstärkt in der Liga breit. „Es reicht nicht aus, es ,irgendwie hinzubekommen‘, dass die Bundesliga wieder startet. Der Fußball ist emotional. Aber er hat nur wirklich Bedeutung, solange er die Menschen fasziniert und begeistert. Fußball ohne begeisterte Anhänger ist nicht vorstellbar. Darum darf er durch die Entscheidungen, die mit Blick auf die wirtschaftlichen Aspekte getroffen werden, auf keinen Fall vergessen, die Anhänger und Fans mitzunehmen. Geschähe das, würden wir den Ast absägen, auf dem wir sitzen“, sagte Thomas Röttgermann, der Vorstandsvorsitzende von Fortuna Düsseldorf. Auch eine Rosskur, so scheint es, kann wirken.

          Doch es bleibt fraglich, ob und, wenn ja, für wie lange sich dieser von oben vorgelebte und vorgegebene Sound in der Branche tatsächlich halten wird, wenn der Ball wieder rollt – ob nun am 9. Mai oder später. Als systemrelevant ist eine demütige und dankbare Haltung schließlich noch nie angesehen worden im deutschen Profifußball. Oder frisst die Kickerszene, die sich, als die Sonne ewig auf sie zu scheinen schien, goldene Steaks gönnte, jetzt nur noch Kreide? Dieser Verdacht klingt in zahlreichen Reaktionen an, wenn es um die aktuellen Aktivitäten des Profifußballs geht, mit denen er nun wieder ins Spiel kommen will. Nicht nur der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hat daher die jüngsten Pläne der Bundesliga zur Fortsetzung ihres Spielbetriebs im Mai mit den entsprechenden Worten kritisiert und unterlegt. „Ich bin dagegen, dass wir zuerst diejenigen privilegieren, die am meisten Geld auf den Tisch legen“, sagte der Ministerpräsident am Freitag im Mitteldeutschen Rundfunk. „Beim Wiedereintritt in den Alltag sollten wir uns nicht mit Geschwindigkeit überbieten.“

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