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Pfannenstiels Welt : Fußball-Großmacht USA

  • -Aktualisiert am

Derzeit beim Gold Cup aktiv: Der Amerikaner Shaq Moore (r.) im Spiel gegen Haiti Bild: AFP

Yes, we can – das ist die Devise, die am besten die Stimmung im US-Fußball beschreibt. Hier wächst eine neue Großmacht heran. Und vor allem: in welch rasantem Tempo!

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          Yes, we can – das war der Spruch, mit dem Barack Obama auf Stimmenfang ging. In den USA. Im Wahlkampf 2008 war das. Yes, we can – das ist die Devise, die wohl am besten die momentane Stimmung im US-Fußball beschreibt. Wir sind im Kommen. Und zwar gewaltig. Ich darf das „Wir“ verwenden, denn ich bin Teil des Aufbruchs, des Start-ups der Marke Fußball. Die WM 2026 findet hier in fünf Jahren statt, und die Major League Soccer (oder kurz: MLS) stellt sich neu auf.

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          Seit knapp einem Jahr lebe ich inzwischen in St. Louis, Missouri. Meine Aufgabe ist es, den St. Louis City Soccer Club zu entwickeln, ihn startklar zu machen für die MLS im Jahr 2023. Wir haben richtig geballert für dieses Projekt, keine 12, keine 14 Stunden am Tag – mehr, viel mehr. Mit einem weißen Blatt Papier haben wir angefangen.

          Wie baust du einen Profiklub auf „from scratch“, also sozusagen von null auf hundert? Inzwischen steht unser Stadion zu 60 Prozent, unser Trainingsgelände zu 50 Prozent. Es werden Weltklasse-Facilitys, höchster Bundesligastandard. Eine Mischung aus Wolfsburg, Hamburg, Leipzig und Hoffenheim und ein paar special features von Manchester City. Ich habe mir Rat geholt bei Bernhard Peters und Pep Guardiola. Und ich erlebe hautnah, was in den USA möglich ist. Und vor allem: in welch rasantem Tempo!

          Jahrelang spielten in der MLS vor allem Alt-Stars aus Europa. Sie waren so etwas wie die Anschubfinanzierung des Projekts Soccer in den USA. Aber nun kommen die jungen Amerikaner in die Liga, die zuvor in der MLS Next, vergleichbar mit der Jugend-Bundesliga, schon auf hohem Niveau spielen können. Der amerikanische Fußball wird im Eiltempo besser, eine derartige Entwicklung sehe ich derzeit in keinem anderen Teil der Welt. Es herrscht Aufbruchstimmung. Überall.

          Viele herausragende Talente

          Wussten Sie, dass Fußball inzwischen das meistgespielte Spiel bei den Kindern und Jugendlichen in Amerika ist? Noch vor Football und Basketball. Nun geht es darum, dass diese Nachwuchskicker nicht aus dem System verschwinden. Ein Kind in den USA will heute nicht mehr nur Basketball- oder Eishockey-Profi werden – der Fußball steigt rasant in der Bedeutung. Und dafür arbeiten wir hart. Bei St. Louis bauen wir zurzeit intensiv unser Nachwuchsleistungszentrum auf. „State of the art“ wird das – selbst wenn man es mit Weltmarktführern aus Europa vergleicht.

          Schon lange Weltklasse: die amerikanischen Fußball-Frauen
          Schon lange Weltklasse: die amerikanischen Fußball-Frauen : Bild: AP

          Die amerikanische Nationalmannschaft hatte noch nie so viele herausragende Talente wie momentan. Viele spielen bereits in europäischen Spitzenklubs. Christian Pulisic wurde Champions-League-Sieger mit dem FC Chelsea, Giovanni Reyna (Borussia Dortmund) ist eine Rakete, Weston McKennie hat sich in Italien bei Juventus durchgesetzt, dazu kommen Tyler Adams (RB Leipzig), Sergino Dest (Barcelona), Zack Steffen (Man City) und Brenden Aaronson (Red Bull Salzburg). Die Männer kommen allmählich auf das Niveau, auf dem die Frauen schon lange sind: Weltklasse. Und sie bereiten dadurch den Boden für die nächste Generation.

          F.A.S.-Experte Lutz Pfannenstiel
          F.A.S.-Experte Lutz Pfannenstiel : Bild: Privat

          Bisher ist Soccer in Amerika vergleichbar mit Tennis und Golf in Deutschland. Wer sein Kind in einer Akademie spielen lässt, muss dafür pro Jahr Tausende von Dollar springen lassen. In gewisser Weise sind diese Akademien Gelddruckmaschinen. Aber das kann sich eben nicht jeder leisten. Deshalb arbeiten wir nun daran, den Fußball inklusiver und diverser zu gestalten, auch Kinder aus den ärmeren Bevölkerungsschichten sollen es sich leisten können, auf bestem Niveau mit richtig guten Trainern zu arbeiten. „The people’s game“ – dieser Spruch soll auch in den USA gelten. Vor allem bei uns in St. Louis. Die größeren Klubs haben allein 25 U-12-Mannschaften – da kommt richtig was zusammen. Ein Riesenfundus für Talente.

          Trotzdem darf das erst der Anfang sein. Für die Amerikaner muss es das Ziel sein, außerhalb Europas die beste Liga der Welt aufzubauen. Und irgendwann musst du dann auf dem Niveau der Bundesliga, der Serie A, der Premier League sein. Das ist ein hoher Anspruch, und trotzdem ist es nicht verrückt. Soccer muss in die Köpfe der Amerikaner, er muss eine emotionale Beziehung zu diesem Sport, zum jeweiligen Klub in seiner Stadt aufbauen. Daran arbeiten wir auch in St. Louis. Und ich denke, wir sind auf einem guten Weg: Wir haben den Ticketvorverkauf für die Saison 2023 gestartet – innerhalb weniger Minuten haben wir Zehntausende Tickets verkauft. Für Fußballspiele, die in knapp zwei Jahren angepfiffen werden!

          Ich glaube, wenn die WM in die USA kommt, werden die bekannten Machtverhältnisse im Fußball gehörig durcheinandergewirbelt. Denn hier wächst gerade eine neue Großmacht heran. Soccer, wie der Amerikaner sagt, geht richtig durch die Decke. Ich erlebe einen wahnsinnigen Boom, der natürlich mit der WM 2026 zu tun hat, die sich die USA mit Mexiko und Kanada teilen. Wer die Amerikaner kennt, der weiß genau, zu was das führen kann: Impossible is nothing. Nichts ist unmöglich. Der WM-Titel für die Vereinigten Staaten von Amerika – ein denkbares Szenario? Die Antwort steht oben: yes, we can ...

          Lutz Pfannenstiel hat in seiner Profikarriere auf allen ­Kontinenten gespielt: 25 Vereine in 13 Ländern, nachzulesen in „Unhaltbar – Meine ­Abenteuer als Welttorhüter“. Derzeit bereitet er St. Louis City SC als Sport­direktor auf den Start in der MLS von der Saison 2023 an vor. Zuvor war er für das Scouting bei der TSG ­Hoffenheim verantwortlich und als Sportvorstand bei Fortuna Düsseldorf tätig. Pfannenstiel, 48, arbeitet auch als TV-Experte für ZDF, BBC und DAZN. Er war Auslandsexperte beim DFB und Trainerausbilder bei der FIFA. Pfannenstiel begleitete die Fußball-EM (11. Juni bis 11. Juli) für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung als Experte.

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